Seenotrettung

Vorbild oder Verbrecherin? Kontroverse um Kapitänin Carola Rackete

Die «Sea Watch 3»-Kapitänin Carola Rackete wird im Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien von einem Polizeiboot in ein Auto überführt.

Die «Sea Watch 3»-Kapitänin Carola Rackete wird im Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien von einem Polizeiboot in ein Auto überführt.

Über Nacht erlangt die deutsche Kapitänin Carola Rackete europäische Berühmtheit – eine Heldin, die Rechtsaussen-Politiker Salvini die Stirn bietet. Doch es kommt auch Kritik auf am Handeln der 31-Jährigen.

Wenige Tage, bevor Carola Rackete die «Sea-Watch 3» mit 40 Migranten an Bord in einem riskanten Manöver in den Hafen von Lampedusa steuerte, sagte die 31-Jährige in einem Interview mit dem «Spiegel», angesprochen auf die Risiken einer illegalen Hafeneinfahrt: «Wenn uns nicht die Gerichte freisprechen, dann die Geschichtsbücher.»

Die junge Frau aus einer 10'000-Einwohner-Gemeinde in Niedersachsen, die Nautik und Umweltwissenschaften studiert hatte, hat es zu internationaler Berühmtheit gebracht. Mehr als zwei Wochen lang harrten auf dem Schiff der privaten Seenotretter Dutzende Flüchtlinge aus, die die «Sea Watch»-Crew in den Gewässern vor der libyschen Küste aus höchster Seenot gerettet hatte. «Wenn Italien nicht kooperiert, können wir die Lösung nur erzwingen», kündigte sie bereits Mitte vergangener Woche an.

Mehrere Jahre Gefängnis für «Sea-Watch 3»-Kapitänin

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30. Juni: Carola Rackete hat trotz Androhung einer Haftstrafe das Schiff vor der italienischen Insel Lampedusa angelegt. Sie habe nur ihren Job gemacht – Menschen in Seenot retten. Italiens Innenminister, Matteo Salvini, ist da anderer Meinung.

Verbrecherin oder Vorbild?

In weiten Teilen der deutschen Politik und in der Öffentlichkeit wird Rackete als mutige Frau gefeiert, die dem Rechtsaussenpolitiker Matteo Salvini die Stirn bietet. Indes hat die Kapitänin trotz klarer Warnungen Italiens Gesetze verletzt und bei ihrem Anlegemanöver ein Patrouillenboot touchiert. «Verbrecherin oder Vorbild?», fragte die «Bild»-Zeitung ihre Leser gestern. Die konservative «Welt» glaubt, dass Carola Rackete mit dieser Aktion den Flüchtlingen eher schadet als hilft – weil sich Schlepperbanden durch die privaten Seenotretter dazu animiert sehen könnten, wieder mehr Flüchtlinge in maroden Schlauchbooten auf das offene Meer zu schicken. Und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) meinte: «Auch Seenotrettungsorganisationen müssen falsche Signale vermeiden und selbstkritisch diskutieren, ob sie nicht auch das Geschäft der Schlepper befördern. Das gehört zur Wahrheit dazu.»

Jochen Oltmer, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, lässt das Argument nicht gelten, wonach private Seenotretter den Menschenschmuggel indirekt fördern. «Die EU-Seenotrettung wurde faktisch eingestellt, daher sind diese privaten Seenotrettungen überhaupt erst notwendig», sagt er auf Anfrage. Kriegsflüchtlinge und notleidende Menschen würden sich auf der Suche nach Schutz und einem besseren Leben ohnehin auf den Weg nach Europa machen. «Was würde denn passieren, wenn am Ende überhaupt niemand mehr die Rettung auf dem Meer übernimmt?», gibt er zu bedenken. Der Fall der «Sea Watch 3» ist für Oltmer Symbol für das Versagen Europas in der Migrationspolitik. Allerdings werde «in der gegenwärtigen Debatte etwas gar verkürzt nur auf einen Akteur, nämlich Italien, geschaut.»

Laut Oltmer habe es die EU die letzten Jahre versäumt, in der Migrationspolitik eine gemeinsame Linie zu finden. Die Frage, wie mit den Tausenden Migranten, die über das Mittelmeer Europa erreichen wollen, umzugehen sei, sei nach wie vor offen. Staaten wie Italien seien über Jahre hinweg von der EU alleine gelassen worden. «Weil sich Europa hier nie einigen konnte, haben wir heute die Konstellation, dass Nationalstaaten ihre spezifische eigene Migrationspolitik fahren. Das gilt für Italien genauso wie für Malta, Griechenland oder Spanien.»

«Abgrund von Nichthumanität»

Ähnlich argumentiert der Berliner Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba. Dass die «Sea Watch»-Crew nach der italienischen Weigerung nicht einen Hafen etwa in Tunesien oder Ägypten angesteuert habe, sei nachvollziehbar. «Hätte sich Carola Rackete nach Tunesien abdrängen lassen, wäre erstens das Risiko für die Migranten unkalkulierbar gewesen und die europäische Öffentlichkeit hätte kaum Notiz von dem Drama genommen.» Kaschuba bezeichnet Rackete als «eine sehr mutige Frau.» Die Kapitänin habe deutlich gemacht, «welchen Abgrund von Nichthumanität die EU-Staaten momentan produzieren.»

Carola Rackete hat zu diesen Fragen eine deutliche Haltung. In einem Interview mit «La Repubblica» erklärte sie kurz vor der Hafeneinfahrt, was sie antreibt: «Ich bin weiss, Deutsche, in einem reichen Land geboren und haben den richtigen Pass. Ich fühle die moralische Pflicht, denen zu helfen, die nicht die gleichen Chancen haben.»

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