Ostdeutschland

Verstorbener Kosmonaut Sigmund Jähn: ein bescheidener Held der DDR

Sigmund Jähn starb im Alter von 82 Jahren. (Hendrik Schmidt/dpa via AP)

Sigmund Jähn starb im Alter von 82 Jahren. (Hendrik Schmidt/dpa via AP)

Sigmund Jähn war der erste Deutsche im All. Für die DDR war der bescheidene Sachse ein Mittel zur Propaganda. Am Samstag ist Jähn 82-jährig verstorben. Bis heute ist er für viele Ostdeutsche ein Held.

Eigentlich hätte Sigmund Jähn auf seiner Umlaufbahn um die Erde der Staatsführung um Erich Honecker einen Spezialwunsch erfüllen sollen. Fotos vom Bauern- und Arbeiterstaat aus dem All. Jähn hatte die damals top moderne Multispektralkamera MKF 6 – notabene ein DDR-Produkt aus Jena – mit an Bord. «Ich sollte Bilder von der DDR machen», erinnerte sich Jähn einmal. «Aber die Umlaufbahn der Station lag so, dass es dort fast immer dunkel war, wenn ich darüber hinwegflog. Also habe ich andere Länder fotografiert.» Die Staatsführung hat ihm verziehen: Jähn wurde nach seiner Rückkehr zur Erde im September 1978 bis zum Zerfall der DDR als Held gefeiert, der Kosmonaut galt bei der DDR-Führung als Symbol der Überlegenheit des Sozialismus. Am Samstag ist Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, im Alter von 82 Jahren in einem kleinen Ort in der Nähe von Berlin gestorben.

Harte Landung

Der gebürtige Sachse verbrachte sieben Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im All und umkreiste die Erde dabei 125 Mal. Am 26. August 1978 startete der DDR-Kosmonaut vom Weltraumbahnhof Baikonur mit der Raumkapsel «Sojus 31» zur Orbitalstation Saljut 6, mit an Bord war der ebenfalls in diesem Jahr verstorbene sowjetische Kommandant Waleri Bykowski. Jähn, vor seiner Kosmonauten-Karriere Jagdflieger bei der Nationalen Volksarmee (NVA), hatte an Bord der Saljut 6 verschiedene Experimente zu Medizin, Biologie und Materialwissenschaft durchzuführen. Die Rückkehr zur Erde am 3. September 1978 verlief alles andere als planmässig. Einer der Fallschirme der Kapsel hatte sich nicht rechtzeitig gelöst, die Kapsel überschlug sich mehrfach. Jähn verletzte sich an der Wirbelsäule und litt zeitlebens unter Schmerzen. In der DDR hatte Jähn auch in der Bevölkerung Heldenstatus, es gab zu seinen Ehren Sonderbriefmarken mit Jähns Antlitz. Schulen, Freizeitzentren und Strassen wurden nach dem Kosmonauten benannt. Seine hohe Beliebtheit bei den Menschen hatte Jähn nicht zuletzt seiner grossen Bescheidenheit und Zurückhaltung zu verdanken. Jähn war der Rummel um seine Person unangenehm. «Ich bin kein Held», sagte er immer. «Ich hatte einfach Glück.»

Im Westen war Jähn wenig populär, ihm wurde eine allzu grosse Nähe zur sozialistischen Führung der DDR unterstellt. Tatsächlich hatte der Kosmonaut in seinem persönlichen Gepäck an Bord der Saljut neben einem Werk von Goethes «Faust» das «Manifest» von Marx und eine Figur des berühmten DDR-Sandmännchens. «Ich widme meinen Flug dem 30. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, meinem sozialistischen Vaterland», hatte der damalige Oberstleutnant und Physiker, bereits in der Raumkapsel sitzend, kurz vor dem Start vor laufenden Kameras erklärt. Ein Satz, den ihm die Staatsführung zuvor diktiert hatte. Freilich war der Sachse wegen seiner unkritischen Haltung gegenüber dem sozialistischen Einheitsregime nicht überall in der DDR beliebt. Obschon Jähn bei seinem Flug im All den Mond gar nie umkreist hatte, erzählten sich Regime-Kritiker gerne den Witz, der Kosmonaut sei prädestiniert für Führungsaufgaben in der SED – schliesslich kenne er sich hinter dem Mond aus. Dass Jähn kein Systemkritiker war, ist indes logisch – ansonsten wäre er kaum für das Raumfahrtprogramm ausgewählt worden. 2018 sagte Jähn in einem Interview, dass für das Projekt nur linientreue Kandidaten in Frage gekommen waren. «Wenn man so eine Aufgabe bekommt, dann kann man nicht schon vor dem Flug sagen: Das sage ich aber nicht. Dann hast du dein Pulver verschossen. Ausserdem war ich Offizier. Wir waren so erzogen. Das gehörte einfach dazu.»

Brückenbauer zwischen Ost und West

Nach seiner Landung übernahm Jähn bis zur Wende 1990 die Leitung eines Raumfahrt-Trainingszentrums in Brandenburg. Im Oktober 1990 wurde Jähn, damals im Rang eines Generalmajors, aus der DDR-Luftwaffe entlassen. Kurzzeitig war er danach arbeitslos. Später wurde der Vater zweier Kinder Berater für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und arbeitete für die ESA. Er machte sich als Brückenbauer zwischen Ost und West einen internationalen Namen. Jähn unterhielt auch engen Kontakt zu Ulf Merbold, dem zweiten Deutschen im All, der 1983 – für die damalige BRD – im Spaceshuttle «Columbia» ins All aufgebrochen war. Eine Freundschaft verband Jähn zudem mit dem derzeit bekanntesten deutschen Astronauten Alexander Gerst. «Astro-Alex» lud Jähn zu seinen beiden Starts ins All im Mai 2014 und Juni 2018 nach Kasachstan ein. Jähns Wunsch, noch einmal ins All aufzubrechen, hatte sich nicht erfüllt. Sigmunds Jähns erster Flug vor 41 Jahren blieb sein letzter.

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