Ljudmila Alexejewa (†91)

Verstorbene russische Aktivistin: Orangen schälend gegen das Regime

Ein ungleiches Paar: Putin und die Menschenrechtlerin Alexejewa 2017.

Ein ungleiches Paar: Putin und die Menschenrechtlerin Alexejewa 2017.

Ljudmila Alexejewa (†91) kämpfte für Freiheit und Demokratie in ihrem Land. Ihre Stimme wird Russland fehlen.

Wenn ihr Telefon klingelte, suchte sie schnell nach ihrer Brille, rückte sie zurecht und blätterte in ihrem vergilbten Notizbuch. Aber natürlich könne man vorbeischauen, sagte Ljudmila Alexejewa dann mit ihrer tiefen Stimme und legte schnell auf. Ihre kleine Maisonettewohnung an der Moskauer Flaniermeile Arbat war ein Treffpunkt: für die Oppositionellen im Land, die jungen Lauten und die alten Enttäuschten, für die Journalisten, und selbst der Präsident, den sie offen kritisierte, stand eines Tages mit Blumen vor ihrer Tür. Als Wladimir Putin die Grande Dame der russischen Bürgerrechtsbewegung im Sommer 2017 anlässlich ihres 90. Geburtstags besuchte, brachte er einen Stich mit einer Ansicht der Stadt Jewpatorija mit, Alexejewas Geburtsstadt auf der Krim. Ein stossendes Geschenk. Alexejewa hatte Russlands völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel bis zuletzt genauso verurteilt wie das repressive System Putin. An diesem Nachmittag lächelte sie jedoch mild und prostete dem Präsidenten zu. Es war ihre Art, einen Eklat zu vermeiden.

Bonbons von der Polizei

Dieses Bild der Menschenrechtlerin mit der charakteristischen silbergrauen Topffrisur bleibt genauso in Erinnerung wie jenes, als sie als damals 82-jährige Aktivistin von Spezialpolizisten in einen Polizeiwagen gezerrt wurde. Erst in ihren allerletzten Lebensjahren hielt sie sich von Antiregierungsdemonstrationen fern. Ihr Magengeschwür machte ihr zunehmend zu schaffen. Sie, die bei früheren sowjetischen Verhören mit dem Schälen von Orangen provozierte, erzählte gern die Geschichte, wie ihr Polizisten vor einigen Jahren Bonbons mitbrachten, damit die Stimme bei ihren Protestauftritten halte.

Kampf aus den USA

Ljudmila Alexejewa gehörte zu jenen Kritikern des russischen Systems, die bereits zu Sowjetzeiten nach politischen Alternativen suchten. 1927 geboren, erlebte sie als Kind in Moskau die stalinistischen Säuberungen mit. Im Zweiten Weltkrieg, bei dem sie nach Kasachstan evakuiert worden war, verlor sie ihren Vater. Sie trat der Kommunistischen Partei (KPdSU) bei, war enttäuscht über ihr auf Ideologie aufgebautes Geschichtsstudium und wandte sich der Archäologie zu. Im «Tauwetter» der 1960er-Jahre gehörte sie zur sowjetischen Dissidentenszene und beteiligte sich an der Verbreitung der Literatur aus dem Untergrund («Samisdat»). Sie unterstützte politische Häftlinge und gründete zusammen mit dem Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow im Geheimen 1976 eine Menschenrechtsgruppe; die heute noch renommierte Moskauer Helsinki-Gruppe (MHG).

Da war sie längst aus der KPdSU ausgeschlossen worden. 1977 hatte sie auf Druck der Partei die Sowjetunion verlassen müssen. Doch auch in den USA, wo sie mehr als 15 Jahre lebte, engagierte sie sich für die Moskauer Helsinki-Gruppe. «Ich kämpfe nicht, ich bin einfach nur aktiv», sagte sie stets. Nach ihrer Rückkehr nach Russland vor 25 Jahren wurde sie 1996 Leiterin der MHG und blieb es bis zu ihrem Tod in einem Moskauer Krankenhaus am vergangenen Samstag.

«Eine Ära ist zu Ende gegangen», sagen ihre Wegbegleiter. Die Ära einer Unbeugsamen, die sich stets klar und nie verbittert für einen Rechtsstaat in Russland eingesetzt hatte.

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