Am Freitag, genau vier Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August, hat Genua mit einer Schweigeminute noch einmal der 43 Opfer gedacht, die bei dem Unglück ihr Leben verloren hatten. Am Samstag dann hat der Sonderkommissar für den Wiederaufbau, Genuas Bürgermeister Marco Bucci, die Baustelle für den Abriss offiziell eröffnet. «Wir hatten versprochen, vor Weihnachten mit dem Abriss zu beginnen. Dieses Versprechen haben wir eingehalten», erklärte Bucci am Samstag in der «roten Zone», dem abgesperrten Gebiet unter den noch immer stehenden Brückenpfeilern.

Tatsächlich sind unter den Resten der alten Brücke in den letzten Tagen bereits schwere Baumaschinen vorgefahren. Doch wie so vieles, was seit dem Einsturz der Brücke in Genua von den Behörden gesagt und angekündigt wurde, ist auch das offizielle Einläuten der Abbrucharbeiten vorerst nicht viel mehr als Symbolpolitik: Die noch stehenden Teile der Brücke sind nach wie vor von der Genueser Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Die Justiz ist noch damit beschäftigt, die Einsturzursache sowie die Schuldigen zu ermitteln. Bis die Brücke von den Juristen freigegeben wird, kann mit dem Abbruch nicht begonnen werden.

Stararchitekten für den Neubau

Dennoch versprach Bucci, dass die verbliebenen Teile des Morandi-Viadukts bis Ende März 2019 abgebrochen und weggeräumt sein werden. Dieser Zeitplan ist auch dann noch ehrgeizig, falls die Brücke in den nächsten Tagen freigegeben werden sollte. Da das Viadukt zum Teil über dicht besiedeltes Gebiet führt, kann es nicht einfach gesprengt werden, sondern muss Stück für Stück zersägt und mit riesigen Kränen abgetragen werden. Übrigens: Zwei der insgesamt fünf mit dem Abbruch beauftragten Firmen waren schon an der Demontage des Kreuzfahrtschiffes «Costa Concordia» beteiligt gewesen, das im Januar 2012 vor der Insel Giglio gestrandet war.

Genua: Hier stürzt die Autobahnbrücke ein (14. August 2018)

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Unmittelbar nach dem Abschluss der Abbrucharbeiten soll laut Bucci an der gleichen Stelle eine neue Brücke entstehen. Auch hier hat sich Bucci ein Ziel gesetzt, das angesichts der bürokratischen und technischen Hindernisse unrealistisch bleiben dürfte: Der Neubau soll laut dem Bürgermeister Genuas bis Ende 2019 dem Verkehr übergeben werden. Wie für den Abbruch soll auch für den Neubau ein Konsortium beauftragt werden. Wer den lukrativen Auftrag erhält, steht allerdings noch in den Sternen. Der Entscheid über die Bauvergabe soll in dieser Woche erfolgen. Fest steht bisher einzig, dass der für die Brücke zuständige Autobahn-Betreiber Autostrade per l’Italia von den Arbeiten ausgeschlossen werden soll. Dagegen will sich das Unternehmen gerichtlich wehren.

Der Neubau inklusive des Abbruchs der alten Brücke soll laut Schätzungen von Sonderkommissar Bucci 430 Millionen Euro kosten. Auch die Prognose bezüglich der Kosten wirkt reichlich optimistisch. Zur Auswahl stehen die Projektentwürfe zweier Architektur-Stars: des Genuesen Renzo Piano und des Spaniers Santiago Calatrava. Pianos Entwurf wird dem Vernehmen nach von den politischen Behörden bevorzugt, während Anwohner und Experten mehr Gefallen an den Entwürfen Calatravas finden.

Bevölkerung traut Plänen nicht

«Dies ist ein wichtiger Augenblick für das ganze Land», kommentierte Verkehrsminister Danilo Toninelli die Vergabe der Abbrucharbeiten am Wochenende. «Genua muss zum Symbol der Wiedergeburt Italiens werden.» Bisher ist die Brücke freilich eher ein Sinnbild für den Niedergang des Landes unter der neuen Populisten-Regierung aus der Protestbewegung Cinque Stelle und der rechtsradikalen Lega gewesen. So hatte es zum Beispiel fast zwei Monate gedauert, bis die Regierung ein Dekret zum Wiederaufbau der Brücke verabschiedet hatte. Dieses Dekret wurde in der Zwischenzeit Dutzende Male abgeändert. Immerhin haben die rund 250 Familien, die bei Brückeneinsturz obdachlos geworden waren, wieder ein Dach über dem Kopf.

Brücke in Genua: Der Moment der Katastrophe im Video

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August 2018: Die Polizei hat Aufnahmen einer Überwachungskamera veröffentlicht. 

Aufgrund der bisherigen Negativ-Erfahrungen schlägt Transportminister Toninelli von den Cinque Stelle in Genua grosse Skepsis entgegen. «Wir erwarten eine neue Brücke nicht vor vier oder fünf Jahren», erklärte der Anwohner Luca Boscolo gegenüber dieser Zeitung. Der 41-Jährige weist darauf hin, dass die Behörden das Kunststück fertiggebracht hätten, den letzten Lkw erst in der vergangenen Woche von der eingestürzten Brücke abzuschleppen – vier Monate nach dem Einsturz. «In der Stadt herrscht inzwischen allgemeine Resignation», sagte Boscolo.