Die am Öl reich gewordenen Wüstensöhne in Dubai bauen Türme. Donald Trump baut eine Mauer. Mehr als Paläste oder Tempel und Kirchen taugen Türme und Mauern dazu, einen Superlativ für sich zu reklamieren. Das grösste Bauwerk der Welt? Der Mythos sagt: Der Turm zu Babel. Und die Geschichte sagt: Die grosse Mauer in China.

Franz Kafka hat in einem nicht ganz durchschaubaren nachgelassenen Text («Beim Bau der chinesischen Mauer») die beiden Bauvorhaben miteinander in Verbindung gebracht. Mit zwei interessanten Ideen: Die eine war, dass die Mauer vielleicht als Fundament gedacht werden könnte für einen neuen Turm zu Babel, der dann wirklich vollendet werden könnte. Und die andere Idee ist etwas komplizierter. Sie ging dahin, dass die Grosse Mauer vielleicht - wer sollte denn das wissen? - nur ein Stückwerk war, unvollendet, denn man musste sie an vielen orten beginnen, weil der Mensch es nicht erträgt, an einem Bauwerk zu arbeiten, von dem er nur weiss, dass er dessen Vollendung weder erleben noch sich vorstellen kann. Wie kann denn, was den «im Abglanz der göttlichen Mächte Pläne zeichnenden Händen der Führerschaft» entstammt, unvollkommen sein? Natürlich, fährt Kafka fort, wäre es für die Führerschaft ein Leichts gewesen, diesen Eindruck der Vorläufigkeit nicht aufkommen zu lassen. Also müsse man annehmen, dass die Unvollkommenheit gewollt war. «Sonderbare Folgerung!» ruft Kafkas Erzähler aus. Und doch entspreche er einem vollkommen vernünftigen Grundasatz: Man solle mit allen Kräften versuchen, die Pkläne der Führerschaft zu verstehen. Aber nur bis zu einem gewissen Grade. Um dann aufhören zu denken.

Donald Trump hat mit seinem Mauerprojekt auch die Verbindung zweier weit auseinander liegender Ideen vollbracht. Er befeuert den Mythos der Grossen Mauer: die prinzipielle Nicht-Vollendung – und befriedigt gleichzeitig den Traum von der einfachsten aller Lösungen: Lasst uns eine Mauer bauen, damit die bösen Menschen draussen bleiben.

In den Schulbüchern lesen wir auch, die chinesische Mauer habe der Abwehr von Nomadenstämmen gedient. Ein absurder Gedanke. Gegen die beweglichen Reiterheere, die überall auftauchen können, eine kilometerlange Mauer errichten zu wollen. Alos ist der Gedanke plausibler, die Mauer eher im symbolischen Sinn zu sehen. Sie trennt die sesshaften Han-Chinesen, welche ihre Äcker bebauen, von den umherschweifenden Hirten und Nomaden und markiert damit eine Kulturgrenze. So leben wir hier und so leben sie draussen. Dafür spricht auch, dass die Mauer bautechnisch extrm aufwändig gebaut wurde, meist auf den Hügelrücken, damit man sie auch von weit her sehen konnte. Imposant war sie auf jeden Fall – und ist sie wieder. Chinas Markenzeichen, aber nur für die Touristen. Die Chinesen würden das wohl weniger schätzen.

Als die Chinesen die Grosse Mauer zu bauen begannen, bestand das chinesische Kaiserreich schon lange. Beim anderen grossen Grenzprojekt der Vergangenheit, der Limes-Befestigungen der Römer in Nordeuropa, liegt der Fall ein bisschen anders. Caesar eroberte Gallien und seine Nachfolger den Rest der Welt. Das hatten sie auf jeden Fall vor. Aber mit den Germanan taten sie sich schwer (Arminius und der Teutoburger Wald).

Während des Prinzipats von Kaiser Hadrian (117-138) wurde das Ende des römischen Expansionsdrangs an vielen Stellen durch Grenzbefestigung und markierung sichtbar. Das Römische Reich war erobert, jetzt folgte eine Phase der Konsolidierung. In England sind noch an vielen Stellen Spuren des «Hadrianswall» zu sehen. Das war eine wirkliche Grenzbefestigung gegen schottische Stämme.

Der Limes - es gab solche Anlagen am Rhein, an der Donau, in den Karpaten, am Euphrat und in Nordafrika - war aber in den wenigsten Fällen dafür gedacht, in Form einer Verteidigungsstellung feindliche Überfälle auf das Reichsgebiet abzuwehren. Sondern er diente als Steuerungsinstrument für Handel und Einwanderung. Von ihm aus betrieben die dort stationierten Truppen auch eine weitereichende Vorfeldaufklärung. Die römische Verwaltung wollte informiert sein, was im nahen Grenzgebiet passierte, um potenziellen Angriffen auf das Reich früh entgegen treten zu können.

Der Limes bestand aus einer Linie von von sogenannten Kastellen, Gebieten von ein paar Hektaren, durch Holz oder Steinmauern umgeben. Dort waren vor allem Reiter als schnelle Eingreiftruppen stationiert. Zuerst war die Verbindung zwischen diesen Posten wohl nicht mehr als ein Patrouillenpfad, später wurden Palisaden hinzugebaut.

Dass der Limes dann irgendwann auch Kulturen trennte, das Römische Reich vom sogenannten «freien Germanien», war nicht direkt beabsichtigt. Im Grenzgebiet selbst herrschte auch reger Waren- Personenverkehr. Der Grenzzaun steuerte den Verkehr, vor allem damit Zölle erhoben werden konnten und die Migratien aus Germanien kontrolliert werden konnte. Das Limesgebiet war eine Sphäre des Austauschs und durchaus auch des Wohlstands für die Bevölkerung jen- und diesseits.

Der Limes gestattete militärisch eine recht tief gestaffelte Verteidigung gegen Barbareneinfälle und ökonomisch einen geregelten Warenverkehr zwischen dem Römischen Reich und seiner Umgebung. Das Konzept war keine hermetisch geschlossene Durchgangssperre, sondern eine recht flexible Grenzorganisation und deshalb lange erfolgreich. Das Römische Reich ging nicht unter, weil es am Limes überrannt worden wäre.

Was sie sich die Chinesen beim Bau ihrer Mauer gedacht haben, lässt sich nicht mehr recht rekonstruieren. Die Idee hinter dem römischen Limes ist aber ziemlich klar. Bezahlt werden konnte auf beiden Seiten mit dem Denar. Aber die Rechtssysteme und die Form der Zivilisation waren verschieden. Auch wenn sich archäologisch römische Spuren (vor allem von Kulturpflanzen) bis weit ins germanische Gebiet hinein finden lassen.

Die Grenzen im Mittelalter waren weniger deutlich. Eigentliche Grenzbefestigungen in Europa entstanden erst wieder im 19. Jahrhundert. Traurige Berühmtheit erreichten die Anlagen von Verdun. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde vor allem in Frankreich und Belgien munter betoniert (die Maginot-Linie und in Belgien Eben Emael). Der deutsche «Blitzkrieg» machte deutlich, dass das Konzept nicht mehr zeitgemäss war.

1989 fiel die Berliner Mauer, die aber dem umgekehrten Zweck dienen sollte, die Leute drinnen zu halten. Die Zeiten, als Osteuropa kaum schwer zu bereisen war, waren vorbei. Europa hat erst in den letzten Jahren wieder mit dem Bau von Zäunen und Mauern begonnen (Ausnahme: das spanische Melilla in Marokko). Es handelt sich bei den Anlagen auf dem Balkan und in Osteuropa nicht um militärische Grenzbefestigungen, sondern wirklich um Zäune, welche Flüchtlinge und Migranten, die zu Fuss kommen, abhalten sollen.