Bolivien

Südamerika-Experte sieht die Rückkehr des Militärputschs

Südamerika-Experte Christoph Harig (Hamburg).

Südamerika-Experte Christoph Harig (Hamburg).

Der Abgang von Boliviens Präsident Evo Morales könnte eine Tradition wieder beleben, die man für vergangen hielt: den Putsch des Militärs. Allerdings hat das Militär in Bolivien nicht die Macht ergriffen, wie das im 20. Jahrhundert in Südamerika Usus war, sondern nur einen Machtwechsel initiiert.

Militärische Putschversuche gehörten in Lateinamerika über weite Strecken des 20. Jahrhunderts praktisch zur Tagesordnung. Am 17. Juli 1980 jagte der bolivianische General Garcia Meza in einem der letzten Militärputschs die linke Übergangspräsidentin Lidia Gueiler aus dem Amt. Zweifelhaft sind einige der politischen Systeme auf dem Kontinent bis heute. Militärputschs aber – glaubte man bis am Wochenende – waren eine Sache der Vergangenheit.

Südamerika-Experte Christoph Harig (Hamburg).

Südamerika-Experte Christoph Harig (Hamburg).

Den Abgang von Boliviens Präsident Evo Morales in der Nacht auf Montag allerdings sieht der Hamburger Politologe und Lateinamerika-Experte Christoph Harig als genau das: einen Militärcoup. «Ich würde das Vorgehen des Militärs eindeutig als Coup interpretieren, auch weil das Militär ja nicht den Ausschluss von Evo Morales von der Neuwahl gefordert hat, sondern zu einem Ende des laufenden Mandates aufgerufen hat», sagt Harig auf Anfrage.

Dennoch sieht er einen wesentlichen Unterschied zu den früheren Militärputschen Lateinamerikas: «Das bolivianische Militär scheint die Macht nicht für sich zu beanspruchen. Vielmehr sieht sich das Militär als übergeordnete Instanz, die in Krisensituationen eingreift.» Ob es im ebenfalls von Protesten geplagten Chile zu einem ähnlichen «Kriseneingriff» des Militärs kommen könnte, kann Harig nicht sagen. Die Situation in den beiden Ländern lasse sich nicht vergleichen.

Unklar ist laut Harig auch, welche Rolle das Militär jetzt in Bolivien spielen werde. Solange man weder von der politischen Opposition noch von Morales’ Partei wisse, was sie jetzt tun wollten, bleibe die Rolle der bewaffneten Kräfte abzuwarten. Aus Sicht der Schweiz ist die Sache klar: Das EDA rief gestern Abend Bolivien dazu auf, so bald wie möglich Neuwahlen abzuhalten.

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