Es ist nicht leicht, Howard Schultz zu sein. Überall eckt der langjährige Konzernchef der Kaffeehauskette Starbucks, einst gelobt für seine fortschrittlichen Positionen, an – weil er mit dem Gedanken spielt, als parteiunabhängiger Kandidat ins Rennen ums Weisse Haus zu steigen. So brandet an diesem Winterabend, im vollgepackten Auditorium einer Bibliothek in Philadelphia (Pennsylvania), starker Applaus auf, als Schultz gefragt wird, warum er als «lebenslanger Demokrat» nicht in den Vorwahlen seiner Partei antrete.

Der Multi-Milliardär steckt diese Vorbehalte an seinen Karriereplänen weg. Schliesslich ist es nicht das erste Mal, dass er sich auf seiner Tournee, die eigentlich dem neuen Buch «From the ground up» gewidmet ist, mit solchen Vorbehalten konfrontiert sieht. Dann sagt Schultz sinngemäss: Die Verbundenheit mit den Werten, die einst von der Demokratischen Partei vertreten worden seien, habe er bewahrt.

Er sei «a Jewish kid from Brooklyn», ein Kind jüdischer Eltern aus einfachen Verhältnissen, das in einer Sozialwohnung in Brooklyn aufgewachsen sei und den sprichwörtlichen amerikanischen Traum lebe. Wieder klatschen die fast 500 Zuhörerinnen und Zuhörer, und dieses Mal handelt es sich um eine warme Beifallsbekundung.

In diesem Spannungsfeld zwischen Anerkennung und Widerspruch bewegt sich Schultz derzeit ständig. Einerseits zeigen sich während seines Auftrittes in Philadelphia viele Anwesende fasziniert über den Lebenslauf des 65 Jahre alten Unternehmers, der von 1988 bis 2000 und von 2008 bis 2016 an der Spitze einer der populärsten Firmen Amerikas stand.

«Schultz hat bewiesen, dass er einen guten Geschäftssinn besitzt», sagt Dave Woods, der zusammen mit seiner Gattin Pam im Auditorium der «Free Library» sitzt. Deshalb wolle er nun mehr über die Führungsqualitäten des ehemaligen Starbucks-Chefs erfahren, sagt Woods, der sich als Anhänger von Präsident Donald Trump bezeichnet.

Gegen «extremistische Kräfte»

Andererseits befinden sich im Publikum auch Menschen wie Nancy Tabas. Sie sagt über Schultz: «Wir brauchen nicht noch einmal einen Unternehmer und politischen Neuling im Weissen Haus.» Dann zeigt Tabas die beiden Plaketten, die sie an ihren Mantel gesteckt hat.

Auf der ersten steht: «Dump Trump», auf der zweiten ist ein (manipuliertes) Foto von Donald Trump und Wladimir Putin zu sehen, mit dem Slogan «Two Amigos», zwei dicke Freunde. Sie befürchte, sagt sie, dass Schultz als parteiunabhängiger Kandidat die Stimmen der Trump-Gegner zersplittern und damit die Wiederwahl des Präsidenten ermöglichen werde. «Schultz darf nicht kandidieren», sagt die energische Frau deshalb.

Derweil versucht Schultz, seinen provisorischen Wahlspruch, wonach er ein Brückenbauer sei, gerecht zu werden. Zu den Demokraten im Publikum sagt er: «Als Kritiker des Präsidenten werde ich nichts tun, was die Wiederwahl von Donald Trump ermöglichen könnte.» (Applaus.) Er spricht aber auch zu denjenigen Zuhörern, die weder mit dem Präsidenten etwas anfangen noch Verständnis für den scharfen Oppositionskurs der Demokraten haben.

Ihnen sagt Schultz, er sei überzeugt davon, dass die «schweigende Mehrheit» der Amerikaner nach einem Politiker Ausschau halte, der nicht nach der Pfeife der zwei Grossparteien tanze. Sowohl in der Republikanischen als auch in der Demokratischen Partei gäben extremistische Kräfte den Ton an, und er habe den Eindruck, Amerika sei aufgrund des Spektakels in Washington «erschöpft». (Erneut Applaus.)

Und so geht es munter weiter. Der Kaffee-König beteuert, er habe sich noch nicht entschieden, ob er bei der Wahl 2020 antrete. Er sagt aber auch, falls er kandidiere, werde sein Name in allen 50 Bundesstaaten auf den Wahlzetteln stehen – eine Zusicherung, die darauf hindeutet, dass im Hintergrund bereits Vorarbeiten laufen. Die nächsten drei, vier Monate tingle er weiter durchs Land, um «den Menschen zuzuhören» und über seine Ideen zu sprechen, sagt Schultz.

Allein: Viele dieser Positionsbezüge sind äusserst unscharf, und er erweckt den Eindruck, als habe er sich über die wichtigsten Probleme, mit denen sich Amerika konfrontiert sieht, noch nicht den Kopf zerbrochen. So stolpert Schultz, als er über das Zusammenleben von hell- und dunkelhäutigen Amerikanern spricht. Er behauptet erneut, er sei «farbenblind» («I don’t see color»).

Kein Büro bei Starbucks

Auch spricht Schultz immer wieder über seine Erfahrungen als Konzernchef von Starbucks. Als er während eines kurzen Interviews mit dieser Zeitung aber gefragt wird, ob er denn nicht befürchte, dass das Unternehmen unter seiner Präsidentschaftskandidatur leiden werde, beteuert er: «Ich spiele keine aktive Führungsrolle mehr bei Starbucks, ich habe kein Büro und keinen Sitz im Verwaltungsrat.» Gefragt, ob er sich bei einer allfälligen Kandidatur auch von seinem umfangreichen Aktienpaket trenne, sagt Schultz, dass er «sämtliche Interessenkonflikte» aus dem Weg schaffen werde, ohne zu erklären, was er damit meint.

Ungewöhnlich direkt ist der ehemalige Starbucks-Chef höchstens, wenn er über seine harte Jugendzeit spricht, den gewalttätigen Vater, die liebevolle Mutter und über «die Narben auf meiner Seele». Er habe lange Zeit unterschätzt, wie verletzlich er sei und wie viel Scham er in sich trage, sagt Schultz. In solchen Momenten wirkt der Multi-Milliardär, der das Gefühl hat, er würde einen guten Präsidenten abgeben, wie ein ganz normaler Mensch.