Jamaika

Sex, Drogen und Waffen: Das Kiffer-Paradies Jamaika wird 50 Jahre alt

Das kleine Land Jamaika, das 50 Jahre Unabhängigkeit feiert, fand und verband sich über Musik. In den Songs verarbeiten die Jamaikaner ihren Alltag rund um Sex, Drogen, Waffen und das Leben auf der Strasse.

Solange die Mädchen tanzen, ist das Beweis genug, zu existieren. Solange die Mädchen tanzen, ist der DJ noch nicht unterlegen. Gegen einen anderen DJ, seinen erklärten Gegner. Jobs gibt es keine in Kingston, Jamaika, aber viel Musik. Und so wird Musik zur fördernden Kraft von Karrieren und zum Wettkampf unter Konkurrenten.

Musik hält dieses Land nicht bloss zusammen, in der Musik hat sich die Nation recht eigentlich gefunden, vielleicht als einziges Land der Erde. Ohne Musik müsste es sich mit seiner harten Realität beschäftigen.

«Green Jamaica Destination Report» - So preist die Tourismusbehörde Jamaica an.

«Green Jamaica Destination Report» - So preist die Tourismusbehörde Jamaika an.

Wobei die Musik keine Fluchthilfe bietet: Die Themen der Reggae-Väter (Freedom, Jah lives und Ganja) haben die Jungen heute ausgewechselt: DJs rappen zum Reggae – über Sex, Drogen, Waffen, den Alltag der Strasse. Die Veranstaltungen in den Gettos der Städte, wo es stets um alles geht bei Musik, heissen zwar Sound-System-Partys. Aber Freizeit sind solche Partys nicht, sondern immer beides: Ernstfall und Spiel des Lebens.

Blutige Unruhen

In einem Interview sagte der deutsche Schriftsteller, Aussteiger und eingebürgerte Jamaikaner Peter-Paul Zahl (1944–2011) einmal, dass er in Jamaika die Faulheit schätze: «Also ein bisschen easy-going zu machen, dafür ist Jamaika das ideale Land. Die Leute hier sind anarchoid, also obrigkeitshassend und sehr antiautoritär und damit verbunden sehr willensstark.» Zahl, als Radikallinker in Deutschland zehn Jahre in Haft wegen versuchten Mordes an Polizisten, war gewiss kein Romantiker. Aber sein positives Wort «anarchoid» klingt dennoch romantisierend.

Wäre nur ein Hang zur fröhlichen Anarchie der Grund für blutige Unruhen, die Jamaika erschütterten? Ab Mitte der 90er-Jahre machte ein unerklärter Bürgerkrieg Kingston zu einer der gefährlichsten Städte der Welt. Die zwei grossen Parteien lieferten sich Wahlkämpfe mit 700 bis 800 Toten. Politiker rekrutierten Schläger aus rivalisierenden Jugendbanden und rüsteten sie mit Waffen aus. Die Herrscher der Viertel, Dons genannt, festigten ihre Macht und Reviere. Zahlreiche bessergestellte Bürger verliessen die Insel.

Neue Gewaltwelle

Wie ein fiebriges Echo darauf brach rund zehn Jahre später eine neue Gewaltwelle aus. Bei der grössten Militär- und Polizeioperation in der Geschichte Jamaikas durchkämmten 2000 Polizisten und Soldaten die Armenviertel Kingstons, die sogenannten Garrisons, darunter Tivoli Gardens, wo auch Bob Marley lange gewohnt hatte. Knapp 80 Menschen kamen ums Leben, hauptsächlich Zivilisten. Dann konnte der Gangsterboss Christopher «Dudus» Coke an die USA ausgeliefert werden.

Zuerst hatten Frauen in weissen T-Shirts demonstriert für den Drogenboss: «Jesus starb für uns, wir sterben für Dudus.» Dann verschanzten sich bewaffnete Anhänger in Tivoli Gardens und versetzten Kingston in bürgerkriegsähnliche Zustände. «Dudus» Coke, Abkömmling eines alteingesessenen Verbrecherclans, hatte mit Drogengeldern ein Firmenimperium aufgebaut und in den Slums für den Premierminister Wahlkampf führen lassen.

Alles nur «easy-going»?

Es wird in Jamaika weiter getanzt, solange die DJs etwas taugen. Auch das erfolgreichste Exportprodukt Jamaikas ist die Musik, nicht nur das erfolgreichste Bindemittel gegen innen.

Seit 50 Jahren ist Jamaika unabhängig. Vor 50 Jahren hatten sich auch zum ersten Mal wildlockige Rastas zu Studiomusikern gesellt, die eine Rhythm-’n’-Blues-Melodie aus den USA einstudierten. Den lauen Gringo-Rhythmus wirbelten die Rastas auf und verschoben den Takt – der Ska war geboren, jener Stil, aus dem später Rocksteady und Reggae erwuchsen.

Jimmy Cliff verdankt dem Reggae sein Leben, Bob Marley den Nimbus der Legende, Peter Tosh den Tod: 1987 verlangten in Kingston drei Bewaffnete Geld von ihm. Einer der Mörder war Dennis «Leppo» Lobban. Tosh hatte sich seiner nach einem längeren Gefängnisaufenthalt angenommen und versucht, eine Arbeit für ihn zu finden.

Wie heissts in einem Reggae? «Johnny, with a ratchet in your waist, you’re too bad.»

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