Herr Rove, der Budgetstreit in Washington dauerte fast fünf Wochen lang, und Donald Trumps Beliebtheitsgrad in den Meinungsumfragen nahm grossen Schaden. Ist der Präsident zu Beginn des Wahlkampfes 2020 angeschlagen?

Karl Rove: Zweifellos. Trump ist der einzige zeitgenössische US-Präsident, dessen Zustimmungswerte nie die 50-Prozent-Marke geknackt haben. Obendrein wirkt sich jetzt der Teil-Shutdown negativ aus.

Nun findet die nächste Wahl erst im Herbst 2020 statt.

Ich nehme an, dass sich die Beliebtheitswerte des Präsidenten nach dem Ende des Teil-Shutdown wieder etwas erholen werden. Aber es ist eine Tatsache, dass zwischen 40 und 45 Prozent der Bevölkerung regelmässig sagen, sie seien mit seiner Amtsführung unzufrieden.

Unter vielen Republikanern gilt Trump weiterhin als fähiger und erfolgreicher Präsident. Dennoch könnte einer Ihrer Parteifreunde den Schluss ziehen, sein Verhalten schade den Republikanern.

Es gibt Anzeichen dafür, dass ihn jemand in den republikanischen Vorwahlen herausfordern wird – John Kasich beispielsweise, der frühere Gouverneur von Ohio. Aber die amerikanische Politik ist derzeit polarisiert; und so wie Demokraten schon fast reflexartig ihresgleichen zur Hilfe eilen, wenn sie kritisiert werden, sprängen republikanische Aktivisten dem Präsidenten bei, würde er herausgefordert.

Sie haben öffentlich auch schon das Szenario entworfen, wonach Trump nach dem Ende seiner ersten Amtszeit den Bettel hinwirft. Gibt es dafür wirklich Anzeichen?

Der Präsident steht vor einem unglaublich harten Jahr. Sonderermittler Robert Mueller wird seine Untersuchung im Zusammenhang mit den russischen Einmischungsversuchen im Wahlkampf 2016 abschliessen. Auch versucht die neue demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus, dem Präsidenten ständig Steine in den Weg zu legen. Es ist, als würde sich Trump jeden Tag einer Darmspiegelung unterziehen müssen. Die Frage stellt sich deshalb, ob er sich dies wirklich antun will.

Noch vor einem Jahrzehnt repräsentierten Sie die moderne Republikanische Partei, wie sie von Präsident George W. Bush geformt worden war – im Kern wertkonservativ, unternehmensfreundlich und im Aussenauftritt geschmeidig. Trump hat sich von fast sämtlichen dieser Positionsbezüge verabschiedet.

Keine Frage, in meiner Partei tobt derzeit ein Flügelkampf zwischen dem populistischen Flügel und dem alten Establishment, wobei die Populisten Oberhand haben. In einigen Landesteilen wirkt sich dies positiv aus. So gewann im November 2018 ein Trump-Anhänger die Gouverneurswahl im wichtigen Bundesstaat Florida. In anderen Staaten allerdings haben die Wähler von diesem Populismus genug. Ich würde diesen Flügelkampf aber nicht überbewerten. Parteien ändern sich ständig.

Deshalb folgt ihre Partei nun einem Mann durch dick und dünn, der lange Jahre der Demokratischen Partei angehörte und seine heutige Widersacherin Nancy Pelosi finanziell unterstützte?

Donald Trump ist ein Populist, der konservative Instinkte besitzt – so beförderte er Abtreibungskritiker zu Richtern am Supreme Court. Dies stösst an der Basis auf Zustim- mung. Es fehlt Trump aber an einer kohärenten Regierungsphilosophie.

Die einzige Konstante scheint sein Wunsch zu sein, die alte Ordnung zu zerstören.

Und ganz offensichtlich stiess diese Absicht 2016 auf Zustimmung. Es war nicht der erste Moment in der amerikanischen Geschichte, in dem die Bevölkerung jemanden unterstützte, der das bestehende politische System aus den Angeln heben wollte. Dieselbe Bevölkerung sehnt sich dann aber auch nach einer Rückkehr zu ruhigeren Zeiten. Und das ist letztlich meine Sorge – Trump zettelt einen derartigen Tumult an, dass es für viele Amerikanerinnen und Amerikaner schlicht zu viel wird.

Nun operieren die Republikaner nicht in einem luftleeren Raum. Auch die Demokraten bringen sich für 2020 in Stellung. Welche Auswirkungen hat der Vorwahlkampf bei den Demokraten auf die parteiinterne Entscheidung bei den Republikanern?

Ein Präsidentschaftskandidat kann die Wahl nicht gewinnen, wenn er bloss die Unterstützung seiner Basis geniesst. Im Wahlkampf 2020 werden deshalb die rund 10 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die weder mit den Republikanern noch mit den Demokraten sympathisieren, das Zünglein an der Waage sein. Wenn die Demokraten jemanden nominieren, der sich ganz links im politischen Spektrum ansiedelt, dann haben die Republikaner gute Chancen, diese Wähler für sich zu gewinnen – auch wenn Trumps Auftreten sie vielleicht anwidert. Das Gleiche gilt für die Demokraten. Wenn die Partei einen Kandidaten findet, der einige populäre Positionen des Präsidenten übernimmt, ohne seinen disruptiven Stil zu kopieren, dann besitzt er gute Chancen.

Wenn Sie sagen: Ganz links im politischen Spektrum, wen meinen Sie damit?

Eine Senatorin wie Kamala Harris aus Kalifornien oder Elizabeth Warren aus Massachusetts.

Also jene Politikerinnen, die bereits ihre Kandidatur angekündigt haben.

Bis jetzt, ja.