Ausgangssperre

Paris wie leergefegt: Auf den Boulevards flanieren nun die Tauben

Tauben vor dem Eiffelturm: Wo sich sonst Menschenmassen tummeln, herrscht in diesen Tagen eine gespenstische Ruhe.

Tauben vor dem Eiffelturm: Wo sich sonst Menschenmassen tummeln, herrscht in diesen Tagen eine gespenstische Ruhe.

In Frankreichs Hauptstadt ist nichts mehr, wie es war. Die Pariserinnen und Pariser haben mit der Ausgangssperre ihr wertvollstes Gut verloren - die Freiheit. Aber die Rückeroberung hat begonnen. Und wie immer auf radikale Weise.

Wenigstens Charles de Gaulle marschiert noch - auf seinem hohen Bronzesockel am Rande der Champs-Elysées. Unter der Statue ist das Leben zum Erliegen gekommen. Auf dem Kopfsteinpflaster, über das sonst der Verkehr braust, machen sich die Tauben breit, gestört nur von seltenen Fahrzeugen - Ambulanzen, Taxis, Kurier-Lieferwagen, verdunkelten Diplomatenwagen.

Ansonsten: Flanierverbot. Zwischen der Bulgari-Boutique und dem McDonald's hält eine dreiköpfige Polizeipatrouille eine Mutter mit ihrem Kind an und bittet um den obligaten Passierschein. Die Frau hat keinen; sie behauptet, auf dem Weg in ein Geschäft im 15. Arrondissement zu sein. Die Polizistin ruft den Laden an, doch er ist geschlossen. Pech für die Mutter: Die Busse beträgt 135 Euro für unerlaubtes Spazieren. Nur etwas Joggen in der eigenen Strasse darf man noch. „Sie haben Glück, dass ich ihr Kind nicht auch noch büsse“, beschliesst die junge Polizistin die Diskussion.

Friedhofsruhe in der Lichterstadt

März 2020, Flanieren in Paris ist verboten. Die Lichterstadt hat derzeit etwas Unwirkliches, Geisterhaftes. Nicht einmal im August, wenn sich die Stadt ferienbedingt leert, entsteht diese Friedhofstille.

An den Litfasssäulen prangen noch die Plakate von Filmen und Theaterstücken, die niemand schauen geht. An den Vélib-Stationen warten die städtischen Fahrräder unbenützt auf das Ende der Quarantäne. Das Leben in Paris ist erstarrt, ja absurd, um das Schlüsselwort von Albert Camus, dem Autor von „La peste“, zu bemühen.

Nie wäre die Bewegungsfreiheit in Paris grösser, nie käme man besser voran als jetzt. Doch wer am Grand Palais vorbeiradelt, von dort über die prächtige Seine-Brücke Alexandre III, stets die goldene Kuppel des Invalidendoms vor Augen - er spürt nichts von Grandeur oder der grossen Pariser Freiheit. Nur das beklemmende Gefühl einer leeren Millionenstadt stellt sich ein.

Im Trainingsanzug, denn die Polizei ist meist nicht weit

Gewiss, Paris ist nicht ganz leer. Einzelne Supermärkte und die Apotheken haben geöffnet, und da nur wenige Kunden auf einmal eingelassen werden, bilden sich auf dem Gehsteig langgezogene Warteschlangen im Zweimeterabstand. Der längsten Schlange begegnet man vor dem Bistro der Porte d'Orléans, das auch Tabakwaren und Glücksspielscheine verkauft.

Das sind aber nur Oasen des Lebens in einer sonst ausgestorbenen Stadt. Sogar die Clochards sind verschwunden. Nur am Boulevard Raspail stöbert ein alter Mann in einer Mülltonne, allein auf weiter Flur.

Vor dem geschlossenen Jardin du Luxembourg sitzen zwei Mädchen am Bordstein und wärmen sich in der Sonne. Zur Sicherheit tragen sie einen Trainingsanzug, um eine sportliche Aktivität vorgeben zu können. Die Polizei ist in diesen Tagen nie weit.

In der Rue de Vaugirard bietet sich ein ungewohntes Bild: Ein junger Asiate ist durch das Fenster seiner Wohnung im ersten Stockwerk auf das Vordach seines geschlossenen Sushi-Imbisses geklettert. Mit heruntergeklappter Fliegermütze und Mundschutz geniesst er die Sonne und die frische Luft, hoffend, dass ihn in seinem urbanen Adlerhorst keine Polizeibusse erreicht.

Bloss, wo sind all die anderen Einwohner? Man fährt weiter, man staunt über all die leeren Parkplätze: Sie müssten doch belegt sein, wenn alle Einwohner zu Hause eingesperrt sind. Mit einem Mal realisiert man: Paris fühlt sich nicht nur leer an - es ist leer! Vor einer Woche, kurz bevor Präsident Macron die Ausgangssperre verhängte, haben Tausende, Zehntausende von Bewohnern Paris verlassen. Wie beim kriegsbedingten Exodus von 1940 sind sie in den Süden geflüchtet, ins Ferienhaus oder zu Verwandten. Das ist die grosse Freiheit, die sich das Pariser Volk genommen hat, rücksichtslos - auf dem Land wächst die Kritik an den Virus-Anschaffern aus Paris - und radikal, so wie man in Frankreich nun einmal die erste der menschlichen Tugenden pflegt.

Wie viele Hauptstädter ausgezogen sind, lässt sich nur schätzen - abends, wenn es sich zeigt, wie viele Fenster dunkel bleiben. Es sind viele. „Bei uns die Hälfte“, schätzt ein Hauswart in der Rue Daguerre, der vor seinem Haus pausiert. Dann drückt er seine Zigarette aus, klappt den Mundschutz hoch und brummt statt eines Abschiedes: „Ich bin auch nicht mehr lange hier.“

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