Vorzeitige Freilassung

O.J. Simpson nach nur neun Jahren wieder ein freier Mann: «Habe ein konfliktfreies Leben geführt»

Wird vorzeitig aus der Haft entlassen: Der frühere Football-Star O.J. Simpson.

Wird vorzeitig aus der Haft entlassen: Der frühere Football-Star O.J. Simpson.

Der frühere amerikanische Football-Star O.J. Simpson darf vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Das entschied ein Begnadigungsausschuss am Donnerstag im Bundesstaat Nevada. Simpson wird im Oktober freikommen.

Es soll tatsächlich noch Menschen geben, die sich an O.J. Simpson, den Sportler, erinnern. 1967 war es, als Simpson die Uniform seiner Hochschule USC (University of Southern California) trug, und kurz vor dem Ende eines Football-Spiels gegen den Erzrivalen UCLA (University of California, Los Angeles) zu einem heute legendären Sprint ansetzte. 60 Meter weit trug er den Ball über das Spielfeld im Memorial Coliseum in Los Angeles, schlug Haken links und rechts, und erzielte schliesslich den matchentscheidenden «Touchdown».

1968 gewann Simpson die Trophäe für den besten College-Football-Spieler in den USA und wurde anschliessend – mit den Buffalo Bills und den San Francisco 49ers – ein landesweit bejubelter NFL-Star. «The Juice» hiess er bei Krethi und Plethi, weil er energiegeladen spielte, und weil sein Rufname O.J. im amerikanischen Englisch für Orangensaft steht. Später trat er in Werbespots für den Autovermieter Hertz auf und wurde in Hollywood zu einem Star («Die nackte Kanone»). Geschmeidig überwand Simpson dabei die bisweilen unsichtbaren Barrieren, die Afroamerikaner im Alltag manchmal daran hindern, vorwärts zu kommen. Später sagte der langjährige Hertz-Konzernchef: «O.J. Simpson war O.J. Simpson» und niemand habe in ihm «O.J. Simpson, den schwarzen Athleten» gesehen.

Dies alles änderte sich aber 1994, als O.J. Simpson nach einer spektakulären Verfolgungsjagd wegen eines Doppelmordes verhaftet wurde. Orenthal James Simpson wurde beschuldigt, seine zweite Gattin Nicole Brown Simpson, von der er 1992 geschieden worden war, und ihren Freund Ron Goldman am 12. Juni 1994 bestialisch abgeschlachtet zu haben. Es ist diese Episode im Leben des ehemaligen Stars, die sich tief in das kollektive Gedächtnis Amerikas eingebrannt hat – und die gestern Donnerstag in Erinnerung gerufen wurde, als der mittlerweile 70 Jahre alte Orenthal James Simpson in einem Gefängnis in Lovelock (Nevada) um seine vorzeitige Freilassung bat. (Der entsprechende Antrag wurde nach einer längeren Anhörung gewährt; Simpson wird nun in einigen Wochen freigelassen.)

Simpson schmort seit 2008 hinter Gittern, im Lovelock Correctional Center. Allerdings nicht aufgrund des sensationellen Doppelmordes, der ihm zu Lasten gelegt wurde – sondern wegen einer recht absurden Episode in Las Vegas (Nevada), die zu einer Verurteilung wegen eines Raubüberfalles und einer Freiheitsberaubung geführt hatte. 2008 hatte Simpson versucht, persönliche Erinnerungsstücke von vermeintlichen Freunden wiederzuerlangen, die ihn übers Ohr gehauen hatten. Dabei kamen in einem Hotel in der Glücksspielmetropole auch Waffen zum Einsatz, was sich in den Augen der damals zuständigen Lokalrichterin Jackie Glass als strafverschärfend auswirkte.

Keine Rolle allerdings soll bei der Verhängung der hohen Gefängnisstrafe von maximal 33 Jahren der ominöse Prozess im Jahr 1995 gespielt haben. Dies jedenfalls beteuerte Richterin Glass. Noch heute glauben ihr nur wenige Menschen. Freund und Feind sind vielmehr der Meinung, dass Jackie Glass sich auf dem Rechtsweg dafür rächte, dass der Mordprozess gegen O.J. im Jahr 1995 platzte. Und dass er sich aus der Verantwortung stahl, als er zivilrechtlich dazu verdonnert wurde, an die Hinterbliebenen von Nicole Brown und Ron Goldman 33,5 Millionen Dollar an Schadenersatz zu bezahlen.

Kein Prozess in der modernen Geschichte der USA spaltete die Bevölkerung derart wie das Verfahren gegen Simpson. Schwarze Amerikaner sahen in O.J. ein Opfer des rassistischen Justizsystems – ein Mann, der in den Augen der weissen Machtelite zu viel Erfolg gehabt hatte, und deshalb zu Fall gebracht werden musste, nötigenfalls mit falschen Anschuldigungen. Eine zentrale Rolle in dieser Theorie spielte das Los Angeles Police Department (LAPD), das unter der schwarzen Bevölkerung verhasst und gefürchtet war. Dazu passte, dass einer der Polizisten, der am Tatort Beweise sammelte, sich rassistisch über Afroamerikaner geäussert hatte. Weisse Amerikaner hingegen sahen in Simpson einen Schlawiner, der glaubte, dass soziale Normen und Werte für ihn nicht gälten. In diesem Zusammenhang wird gerne in Erinnerung gerufen, dass Nicole Brown 1989 ins Spital eingeliefert werden musste, weil sie von O.J. verprügelt worden war. «Er wird mich töten! Er wird mich töten», schrie seine Gattin, als die Polizei endlich am Tatort eintraf.

Simpson bestreitet bis heute, dass er für den Tod seiner Ex-Gattin und ihres Freundes verantwortlich gemacht werden könne. Gestern sagte er, während einer Anhörung in Nevada, ganz im Ernst: «Ich habe alles in allem ein konfliktfreies Leben geführt.» Später gestand er immerhin ein, dass er «einige Probleme» mit Treue gehabt habe, und seine Tochter ergänzte, dass er «kein perfekter Mann» gewesen sei.

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