Wie wird Boris Johnson den Brexit angehen? In Brüssel wagt man es kaum abzuschätzen. Denn niemand weiss, was vom neuen britischen Premierminister wirklich zu halten ist. Was meint er ernst? Was ist bloss Theater?

Um seinen unsteten Charakter zu beschreiben, werden in der EU-Hauptstadt zurzeit viele Storys aus der Vergangenheit herumgeboten. Anfang der 1990er-Jahre berichtete Boris Johnson als Korrespondent für den «Daily Telegraph» über die Europäische Union. Eine Reihe ehemaliger Kollegen hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben und zeichnet das Bild eines Journalisten, der sich bei der Recherche in erster Linie auf das Hörensagen beschränkte und Zusammenhänge gnadenlos übersteuerte. Zum Beispiel, dass die EU rosarote Flamingos verbieten würde, dass sie einen drei Kilometer hohen Turm für ihre Beamten bauen lasse oder dass sie die Kondomgrössen europaweit beschränken wolle. Schliesslich führte sein fahrlässiger Umgang mit Fakten auch zum Ende seines Korrespondenten-Jobs.

Chaos-Brexit wird wahrscheinlicher

Wie er nun den Brexit durchbringen will, ist völlig unklar. Sowohl Noch-Kommissionschef Jean-Claude Juncker als auch seine Nachfolgerin Ursula von der Leyen beglückwünschten Johnson am Dienstag zu seiner Wahl. Von der Leyen betonte, dass es die Pflicht der EU wie des Vereinigten Königreichs sei, ein für beide Seiten positives Resultat herbeizuführen. Schon in ihrer Rede im EU-Parlament bekräftigte sie zudem, den Briten eine nochmalige Verlängerung der Austrittsfrist am 31. Oktober anzubieten zu wollen, wenn sie diese bräuchten. In seiner Kampagne hat Johnson jedoch genau dies ausgeschlossen. «Do or die» lautet sein Motto. EU-Diplomaten in Brüssel sehen die Chancen deshalb nun klar erhöht, dass es per Ende Oktober zum ungeordneten Brexit kommen wird. Im Hintergrund soll schon an einem milliardenschweren Hilfsprogramm für Irland gearbeitet werden, dessen Wirtschaft von einem No-Deal am stärksten betroffen wäre.

Streitpunkt ist noch immer die ungelöste Frage zur inneririschen Grenze. Johnson will den sogenannten Backstop nicht akzeptieren, weil er das Vereinigte Königreich vorübergehend in der Zollunion mit der EU belassen würde. Für Irland und die EU ist der Backstop aber unverzichtbare Garantie dafür, dass es nicht zu einer harten Grenze in der ehemaligen Bürgerkriegsregion kommt.

Klar ist: In der EU gibt es kaum Bereitschaft, das Austrittsabkommen nochmals nachzuverhandeln. Auch Brexit-Chefverhandler Michel Barnier erklärte am Dienstag, dass lediglich an der gemeinsamen Erklärung zum künftigen Verhältnis noch gearbeitet werden könne. Gleichzeitig hat Boris Johnson in seinem Wahlkampf den harten Brexiteers so viele Sachen versprochen, dass ein Kompromiss mit der EU beinahe unmöglich scheint. In Brüssel hoffen manche jetzt darauf, dass zumindest die grössten dieser Versprechen mit dem einen oder anderen Kniff wieder einkassiert würden. Wem, wenn nicht Boris Johnson wäre das zuzutrauen?