Gad Shimron ist nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Als Ex-Mossad-Agent hat er einiges erlebt und überlebt. Aber wenn er auf den Film «The Red Sea Diving Resort» des Streaming-Dienstes Netflix zu sprechen kommt, wird er laut. Der Film gibt in Israel kurz vor den Wahlen in einer Woche viel zu reden. Und Shimron bringt er fast aus der Fassung.

Viel zu stark banalisiert sei die Story, sagt Shimron in einem Tel Aviver Café. Er muss es wissen. Schliesslich war er als Agent Ende der 1970er-Jahren dabei, als der Mossad äthiopische Juden aus dem Sudan vor dem sicheren Foltertod nach Israel rettete. Shimron hat darüber ein Buch geschrieben: «Mossad Exodus».

Anders als im Film seien die wahren Helden nicht die Mossad-Agenten gewesen, sagt Shimron, sondern die äthiopischen Juden. «Was sie auf der Flucht durchmachen mussten, hätte ein israelischer Bürger nicht einmal zwei Tage lang ausgehalten.» Tausende schleppten sich an die sudanesisch-äthiopische Grenze und warteten in provisorischen Lagern auf die Agenten, die sie nach Israel holen sollten.

Die Aktion war vom damaligen israelischen Premier Menachem Begin befohlen worden. Er wies den Geheimdienst an, die äthiopischen Juden zu retten, die im verfeindeten Sudan Zuflucht gesucht hatten. Eine ausserordentlich riskante Operation.

Um ihre Tätigkeit im feindlichen Sudan zu tarnen, brachten die Mossadagenten zunächst ein verlassenes Touristendorf an der sudanesischen Rotmeerküste auf Vordermann. In der von italienischen Investoren gegründeten Hotelruine richteten sie ihr Hauptquartier ein.

Bei der Renovation spielte ein Jude aus Genf eine wichtige Rolle: Nissim Gaon. Der gebürtige Sudanese, der 1957 in die Schweiz ausgewandert war, stellte seine Firma Nabco als Deckmantel für die Rettungsaktion zur Verfügung. Und so konnte sich Mossad-Agent Shimron beim Umbau des Feriendorfs gegenüber dem sudanesischen Tourismusminister als Angestellter einer Schweizer Firma ausgeben.

Parties und Tauchgänge mit dem Geheimdienst

Die als Ferienidylle getarnte Mossadstellung war ein Erfolg. Das Resort zog zahlreiche Touristen an, die keine Ahnung hatten, dass ihr Feriendorf in Tat und Wahrheit eine Mossad-Stellung war. Obwohl die Feriensiedlung abgelegen war, mangelte es den Kunden an Nichts. Es gab drei Mahlzeiten am Tag, Klimaanlagen, Parties und sogar ein Team von Tauchlehrern.

Die Touristenanlage war so erfolgreich, dass sie nach kurzer Zeit Gewinn abwarf. Das war für die Mossad-Agenten ein Problem, erzählt Shimron. Da Profite bei Geheimdienstaktionen nicht vorgesehen sind, wussten sie zunächst nicht, wem sie den erwirtschafteten Betrag abliefern sollten.

Shimron stört sich an den «verkitschten» Szenen im Netflix-Film. Einige aber seien durchaus wahrheitsgetreu nacherzählt: Zum Beispiel jene Szene, in der die israelischen Agenten mit den jüdischen Flüchtlingen auf einem Boot davonbrausen und dann von sudanesischen Soldaten beschossen wurden. Die Gefahr war erst gebannt, als einer der Agenten den Soldaten zurief, es seien Touristen, die in der Nacht tauchen wollten.

Im Frühling 1985, als es den Agenten zu gefährlich wurde, verliessen sie das zur Fluchthelfer-Zentrale umfunktionierte Resort. Der Mossad liess sich darauf eine neue Story einfallen, um die Evakuation der afrikanischen Juden fortzusetzen.

Die Integration der äthiopischen Juden in Israel erwies sich dann allerdings als sehr schwierig. Zu viele sind bis heute mit Misstrauen und Rassismus konfrontiert und fühlen sich im Land ihrer Sehnsucht benachteiligt. Zudem hat der Staat, der so viele Risiken für die Rettung eingegangen ist, bei der Integration gravierende Fehler gemacht.

Trotzdem bewertet Shimron die Mossadaktion positiv. Erstmals seien Schwarze von Weissen befreit worden. Ebenfalls erstmals in der Geschichte der Spionage habe sich ein Geheimdienst dafür eingesetzt, Flüchtlinge zu retten.

In Äthiopien hatten Juden während mindestens 1500 Jahren gelebt. Als das Land in den 1970er Jahren im Bürgerkrieg versank, wurde es für sie gefährlich. Viele flüchteten ab 1978 vor dem Regime des Diktators Mengistu Haile Mariam in den Sudan, was oft lebensgefährlich war. Sie waren bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen, weil ihnen ein Leben unter Mengistu zu prekär schien.