Sicherheit

Nato und Russland schaffen Durchbruch bei Sprengstoff-Detektor

Ein neuartiges System kann Sprengstoff aus der Distanz aufspüren, Sicherheitsexperte Albert Stahel begrüsst dieses

Ein neuartiges System kann Sprengstoff aus der Distanz aufspüren, Sicherheitsexperte Albert Stahel begrüsst dieses

Einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Russland und der Nato ist anscheinend der Durchbruch gelungen. Ein neuartiges System kann Sprengstoff aus der Distanz aufspüren. Wenn das funktioniere, bringe es mehr Sicherheit, sagt Experte Albert Stahel.

Menschenmassen und Grossereignisse sind ein ideales Ziel für Terroristen. Zumindest waren sie das bis jetzt. Denn Forscher einer seltenen Kooperation zwischen der Nato und Russland haben unter dem Namen «Standex» (Stand-Off Detection of Explosives and Suicide Bombers) ein System entwickelt, das bis anhin im Vergleich zu Flughäfen nur mangelhaft geschützte Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs in Städten überwachen kann. Und zwar so, dass davon niemand etwas mitkriegt. Das System findet Sprengstoff nämlich aus der Distanz.

Laut offiziellen NATO-Informationen funktioniert Standex dank einer Kombination von verschiedenen Systemen. Zum einen filtert eine Kamera verdächtige Bewegungsmuster aus der Masse. Andererseits scannen Laser oder Mikrowellen den Menschenstrom auf bestimmte Materialien. Spektroskopie nennt sich dieser Vorgang. Die dabei gesammelten Informationen können anschliessend von einem Rechner analysiert werden.

Da jedes Material - und damit auch Sprengstoff - einen unverwechselbaren molekularen Fingerabdruck besitzt, reflektiert jedes Material auch ganz bestimmte Wellenmuster. So kann mit Standex aus der Distanz etwa ein Kugelschreiber von Plastiksprengstoff unterschieden werden, die sich beide unter einer dicken Winterjacke befinden.

Sichern ohne Kontrollposten

Experten und Wissenschaftler aus NATO-Ländern und Russland arbeiteten seit 2010 an dieser Technologie. Umgerechnet rund sechs Millionen Franken umfasste das Budget der Forscher. Im letzten Juni wurde das System laut dem Nato-Infokanal auf Youtube in der U-Bahn einer nicht genannten europäischen Hauptstadt getestet. Anscheinend mit grossem Erfolg: Mit «fast hundertprozentiger Sicherheit» habe das System im Test Sprengstoff ausgespürt. Stimmen diese Angaben, es wäre ein grosser Durchbruch in der Abwehr von Terrorangriffen wie denjenigen von Madrid, London oder Moskau. Denn neu liessen sich nicht nur Pendlerströme konstant auf Sprengstoffe durchleuchten, sondern auch Massenereignisse wie Sport- oder Kulturveranstaltungen sichern, ohne dass mit Kontrollen der Menschenfluss behindert würde.

Damit wäre ein wunder Punkt der öffentlichen Sicherheit plötzlich verarztet. «Wenn das System funktioniert, dann bringt es mehr Sicherheit», bestätigt Albert Stahel, Sicherheitsexperte an der Uni Zürich. Ob Standex Erfolg hat, hänge vor allem davon ab, ob es möglich sein wird, das System in vernünftiger Grösse und zuverlässig einsetzen zu können, sagt der Experte.

Was genau hinter der neuen Technologie steckt, ist noch nicht bekannt. Stahel spekuliert: «Interessant ist für mich die Kombination von Laser und Mikrowellentechnologie. Das eine könnte für das Aufspüren eines Zünders, das Andere für den Sprengstoff selber sein. Es wäre interessant, da ein wenig mehr zu erfahren.»

Anscheinend ist man bei der Entwicklung schon weit fortgeschritten. Laut Nato sei der nächste Schritt, die Technologie an die Märkte zu bringen. Schon 2015 soll die industrielle Produktion beginnen.

Dass die Nato und Russland auf diesem Gebiet zusammenarbeiten, überrascht Stahel nicht. Denn die Probleme seien auf beiden Seiten dieselben: «Die Sicherheit des öffentlichen Raumes und das Vorhandensein einer Bedrohung durch terroristische Gruppen.»In Russlandkomme hinzu, dass nächstes Jahr mit den Olympischen Spielen in Sotschi ein Grossereignis stattfinden wird. Gut möglich also, dass Standex bereits 2014 unter realen Bedingungen eingesetzt wird.

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