Insel Lesbos

Nach Brand im Flüchtlingslager Moria: Migranten sollen das Feuer gelegt haben

Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager Moria müssen auf der Strasse übernachten.

Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager Moria müssen auf der Strasse übernachten.

Die Regierung wirft Geflüchteten vor, das Lager auf Lesbos angezündet zu haben. Einheimische wollen Moria weghaben.

Von einem «Dach über Kopf» konnte für die meisten Menschen in Moria schon vor der Katastrophe eigentlich keine Rede sein. Nur etwa 3500 der fast 13000 Bewohner des Lagers lebten in Wohncontainern. Die anderen hausten in selbstgezimmerten Verschlägen aus Latten und Plastikplanen. Jetzt haben die Menschen auch dieses dürftige Obdach verloren. Einige konnten wenigstens Schlafsäcke und Decken retten, bevor sie vor den Flammen fliehen mussten.

Die Nacht auf Donnerstag verbrachten viele Obdachlose auf den Feldern und in den Olivenhainen rund um das verwüstete Lager. Einige Familien suchten mit ihren kleinen Kindern gar Zuflucht auf einem nahe gelegenen Friedhof. Andere fanden einen Schlafplatz am Rand der Landstrasse, die von Moria zur acht Kilometer entfernten Inselhauptstadt Mytilini führt.

Am Donnerstagmorgen stocherten Lagerbewohner in den verkohlten Überresten ihrer Unterkünfte nach zurückgelassenen Habseligkeiten. Die ohnehin dürftigen sanitären Anlagen sind weitgehend zerstört. Nach dem Brand waren die Menschen zunächst sich selbst überlassen. Gestern begann die Armee schleppend, Mahlzeiten und Getränke zu verteilen. Es werden nun Zelte aufgestellt, gestern trafen zudem drei Transportschiffe ein, die Platz für 2000 Personen bieten.

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos steht in Flammen - Krisentreffen in Athen

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Inselbewohner wollen Wiederaufbau verhindern

Fachleute inspizierten unterdessen das Camp, um das Ausmass der Schäden festzustellen. Aufgebrachte Inselbewohner versuchten, mit Strassenblockaden die Zufahrten zum Lager abzuriegeln. Sie wollen einen Wiederaufbau verhindern.

Die Stimmung unter den Migranten schwankte zwischen stummer Verzweiflung und offener Rebellion. Starke Polizeikräfte waren rund um Moria in Position gegangen. Sie sollen die Migranten daran hindern, in die Inselhauptstadt Mytilini zu marschieren. Mehrfach versuchten Gruppen junger Männer, die Polizeisperren zu durchbrechen. Die Beamten trieben sie mit Tränengas und Pfefferspray zurück.

Unter den 38000 Einwohnern von Mytilini geht die Angst um, Tausende Migranten könnten jetzt auf den Strassen und Plätzen der Inselmetropole campieren – und dort das Coronavirus verbreiten. 35 Bewohner von Moria waren positiv auf das Virus getestet worden. Der Versuch der Gesundheitsbehörden, sie und ihre Kontaktpersonen in eine Isolierstation zu bringen, löste schwere Unruhen aus. Sie führten offenbar zu den mutmasslichen Brandstiftungen. Die griechische Regierung behauptet gestern mit Nachdruck, dass Migranten den Grossbrand im Camp Moria selbst gelegt haben. «Das Feuer wurde von Menschen gelegt, die Asyl beantragt haben – als Reaktion auf die wegen des Coronavirus verhängte Quarantäne», sagte Regierungssprecher Stelios Petsas. Es handele sich um Menschen, die «ihr Gastland nicht respektieren», so Petsas.

Europas grösstes Flüchtlingslager liegt in Trümmern

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Minderjährige aufs Festland ausgeflogen

Viele Migranten hoffen, dass sich mit der Katastrophe auch für sie der Weg aufs griechische Festland öffnet. Von dort führen viele Schleichwege nach Nordeuropa. Griechenlands Vize-Minister für Migration Giorgos Koumoutsakos macht ihnen keine Hoffnung: «Wer denkt, er könne nun zum Festland und dann nach Deutschland reisen, kann das vergessen», sagte er.

Wenigstens besonders schutzbedürftige Lagerbewohner werden nun in Sicherheit gebracht. 406 unbegleitete Minderjährige, die bisher im Camp Moria in einer gesonderten Unterkunft betreut wurden, hat die Regierung mit drei Chartermaschinen ins nordgriechische Thessaloniki ausgeflogen. Sie wurden dort in Hotels untergebracht.

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