Die Frau ist verzweifelt. Aus dem oberen Stock eines Hauses schreit sie zum Fenster hinaus. Hinter ihr sieht man künstliches Feuer. «Hilfe, Hilfe, das ganze Haus steht in Flammen», ruft sie in die Nacht hinaus. Das tut sie seit Jahren – ungehört. Denn um sie herum pulisiert das Piratenleben. Laut, hektisch, brutal. Vielleicht haben nicht einmal die Besucher sie erhört, die mit ihren Booten durch den Themenpark «Piraten in Batavia» tuckeln.

Am Samstag hat das Haus der Unglücklichen wirklich gebrannt. Und nicht nur ihres. Die Bilanz des Infernos im Europapark Rust: ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe, zahlreiche Attraktionen, die für mehr oder weniger lange Zeit ausfallen werden. Und eine Fangemeinde, die ebenso verzweifelt scheint wie die Piratenbraut.

Schadensinspektion nach Europapark-Inferno – Schweizer Besucherin: «Ich habe so etwas noch nie erlebt»

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Auch 500 Mann konnten die Zerstörung von mehreren Gebäuden im Vergnügungspark nicht verhindern. Der Schock des Grossbrands sitzt auch den Parkbesuchern noch in den Knochen.

Die grossen Emotionen

Die Fans schwärmen von «Piraten in Batavia», das 1987 eröffnet worden war und an die niederländische Kolonialzeit erinnert. Sie sprechen von "Kindheitshelden" und glücklichen Familienausflügen. «Erster Kuss der ersten großen Liebe – lang ist's her», wird Conny auf fudder.de zitiert.

Es sind die grossen Emotionen, die sich in Erinnerung rufen. Die Themenwelt rund um die Piraten war vielleicht die beliebteste Bahn in Europapark. Und dies, obwohl es modernere Anlagen mit beispielsweise 3D-Effekten gibt. Doch die vielen Details, die es auch beim zweiten, dritten oder zehnten Mal zu entdecken gab, faszinierten die Besucher. Kein Wunder ist durch die Sozialen Netzwerke und Online-Kommentare eine eigentliche Nostalgiewelle in Gang gekommen.

27.5.2018: Wie es im Europapark nach dem Brand aussieht

Wie es im Europapark nach dem Brand aussieht

Im Europapark in Rust (D) gab es am Samstagabend einen Grossbrand. Der Schaden war am Folgetag deutlich sichtbar.

Filme werden ins Netz gestellt, etwa ein Walkthrough durch Batavia:

Details werden ausgetauscht:

Mancher Film wirkt plötzlich erschreckend aktuell: 

Wobei anzumerken ist: Die Brandursache ist noch nicht gefunden.

Leuchtende Augen

Kein Zweifel: Geliebt wurde «Piraten in Batavia» nicht nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen. Es gibt Fans, die tauchten regelmässig in diese Abenteuerwelt ein. Die 60-jährige Dorothea Spohler-Claußen feierte im Juli 2017 ihren 200. Besuch im Europapark. Hier leuchteten nicht nur Kinderaugen.

Einer von ihnen ist auch Christian Haupt (34). Der Beamte aus Rheinstetten fuhr die Bahn bei jedem Besuch dreimal: zu Beginn, mittendrin und zum Ende. Dies erzählte er der Badischen Zeitung. Haupt will den Verlust nicht hinnehmen. Noch am Samstag gründete er die Facebookgruppe  "Rettet die Piraten in Batavia". Sie zählt mittlerweile rund 3000 Personen.

Kernanliegen ist der Wiederaufbau, und zwar hauptsächlich in alter Version: "Für mich hat die Bahn Piraten in Batavia einen ganz besonderen Stellenwert. Diese Leidenschaft wird von uns auch auf die Kinder weitergegeben. Wir hoffen, dass die Piraten nicht durch eine neue und modernere Attraktion ersetzt wird", so Haupt. 

Ein anderer ist Andreas Wagner (31) aus Pfaffenweiler. Er hat eine Online-Petition für die Piraten gestartet. Auch sein Ziel ist der Wiederaufbau. Wagner ist sich bewusst, dass es dauern wird, bis ein Neubau der Bahn beginnen könne. Doch alle würden sich auf den Tag freuen, wenn der Pirat wieder sage: «Komm Äffchen, gib den Schlüssel...».

Das Argument kommt an:

Alles wieder aufbauen

Beim Europapark weiss man um die Beliebtheit der Piraten, auch bei den Schweizern. Engelbert Gabriel, Sprecher der Geschäftsleitung, begegnet entsprechenden Fragen stets mit der gleichen Antwort: «Wir werden alles wieder aufbauen.» Die Fans werden dies gerne hören.