Der Brexit ist eine gute Sache. Nicht als politischer Plan oder als Idee, selbstverständlich. Aber als anschauliches Beispiel für einen hoch zivilisierten Trennungsprozess von historischer Tragweite.

Die Verhandlungen zwischen Brüssel und London habe ich immer aus einer positiven Grundhaltung heraus verfolgt, so zäh, chauvinistisch geprägt und kleinmütig sie mir die meiste Zeit auch erschienen sind.

Wer auf die leidvolle Geschichte unseres Kontinents zurückblickt, kann anhand der Brexit-Verhandlungen nur zu einem Schluss kommen: Europa hat dazugelernt. Man stelle sich vor, von welchen Geräuschen der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union in einer anderen Epoche, zum Beispiel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder in den 1930er-Jahren begleitet gewesen wäre – es hätte sich sicher um Kanonendonner gehandelt.

Verhandlungen, die deutlich unzivilisierter verliefen als das Brexit und schreckliche Auswirkungen mit sich zogen: vor 100 Jahren wurden die Versailler Friedensverträge unterzeichnet.

Verhandlungen, die deutlich unzivilisierter verliefen als das Brexit und schreckliche Auswirkungen mit sich zogen: vor 100 Jahren wurden die Versailler Friedensverträge unterzeichnet.

Ja, aber Diplomatie und Demokratie können ganz schön nerven. Sie brauchen Geduld und Sachkenntnis, Dossierfestigkeit, Prinzipien und Empathie. Und genau mit solchen Fähigkeiten scheinen immer mehr Staatenlenker nicht ausgestattet.

David Cameron, der britische Premier, der sein Land ins Brexit-Desaster führte, verlas vor der Downing Street mit Grabesstimme seine Rücktrittserklärung, drehte sich um und begann ein lustiges Liedchen zu pfeifen.Seine Aussicht auf ein gemütlicheres Leben in materiellem Wohlstand waren ja auch prächtig. Wer würde da nicht vor sich hinpfeifen wollen!

Mikrofon noch an: David Cameron sing vor sich hin, nachdem er sein Rücktritts-Datum bekannt gegeben hat.

Mikrofon noch an: David Cameron sing vor sich hin, nachdem er sein Rücktritts-Datum bekannt gegeben hat.

Vergleichbar pfiffig verhält sich Camerons wahrscheinlicher Nach-Nachfolger Boris Johnson. Seine Freundin soll ihm im Streit vorgeworfen haben, er interessiere sich im Grunde für nichts (nicht einmal für Geld!) und niemanden – ausser sich selbst. Im «Guardian» war in diesem Zusammenhang ausserdem zu lesen, Johnson parkiere sein Auto regelmässig im Parkverbot, um die Bussen kümmere er sich nicht. Dies alles fügt sich zu einem stimmigen Bild.

Cameron und vor allem Johnson sind typische Upper-Class-Vertreter in einem Land, dessen soziale Durchlässigkeit vergleichsweise klein ist und deren Elite sich um fast alles foutiert. Dass der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon vor einer Zusammenarbeit mit einem Premier Johnson jetzt schon graut, ist nur allzu gut nachvollziehbar.

Populistische Politiker wie Johnson interessieren sich nicht für die Mühen des politischen Alltags, von Sachgeschäften verstehen sie so gut wie nichts und Meinungsumschwünge vollziehen sie im Rhythmus von Wetterwechseln. Provokationen und Ausgrenzungen sind Mittel zum Zweck des eigenen Machterhalts.

Johnson befindet sich weltweit in bester Gesellschaft: Donald Trump lässt zuerst grüssen, dann aber auch Matteo Salvini oder der nach dem Ibiza-Video zurückgetretene Heinz-Christian Strache.Die deutsche Soziologin Cornelia Koppetsch kommt in ihrem Buch «Die Gesellschaft des Zorns» zu einem beunruhigenden Schluss: Sie deutet den grassierenden Populismus nicht als kurze, vorübergehende Erscheinung, sondern als Zeichen eines aktuellen epochalen Umbruchs.

Diese Menschenfänger verstehen es, in der Öffentlichkeit ein Bild von sich zu zeichnen, das sozusagen das Gegenteil ihrer eigenen Absichten ist: Sie kämpfen für mehr «Volk» und meinen mehr Macht für sich selbst. Sie wettern gegen das «Establishment» und sind doch Teil eines solchen.

Sie wettern gegen die Langsamkeit demokratischer Prozesse und meinen mehr Befugnisse für sich und ihre Gleichgesinnten. Sie brandmarken die «political correctness» als Instrument für Denkverbote und sind es doch selbst, die Andersdenkende ausgrenzen. Die Verlierer der Globalisierung wählen sie – und werden dereinst doch enttäuscht werden.

Selbstverständlich wollen wir alle, dass wir von charismatischen Politikern mit Ideen repräsentiert werden. Ein Teil der Politikverdrossenheit und des daraus folgenden, im Populismus endenden zornigen Wahlverhaltens rührt auch daher, dass es im Politbetrieb viele brave Verwalter und Duckmäuser gab und gibt. Aber wir dürfen populistische Polterei nicht mit Charisma oder Weitsicht verwechseln.

Mir ist vor kurzem bewusst geworden, dass ich eine immer grösser werdende Schwäche habe für Technokraten. Also für Akteure in einem System, die ihr Handeln und ihre Entscheidungen primär auf wissenschaftlicher oder technischer Basis fällen. Für Angela Merkel etwa, die ihr Technokratentum geschickt kombiniert mit einem Gespür für Opportunitäten.

Auch für die italienischen Professoren, die zeitweise ihr Land regierten, zum Beispiel Romano Prodi. Mit Blick auf die aktuelle politische Situation in Österreich bin ich davon überzeugt, dass die technokratische Übergangsregierung das Land nicht schlechter managen wird als jede andere reguläre Regierung zuvor – und wohl auch danach.

In Zeiten des Populismus sollte der Begriff der Technokratie endlich einmal eine positive Konnotation erfahren. Mir ist jeder noch so staubtrockene Brexit-Verhandler lieber als Politiker vom Schlag eines Boris Johnson.