Gipfel

Kim Jong Un sucht in Russland neue Freunde

Kim Jong Un steigt in Wladiwostok aus seinem gepanzerten Zug. Keystone

Kim Jong Un steigt in Wladiwostok aus seinem gepanzerten Zug. Keystone

Beim ersten Treffen mit Russlands Präsident Putin in Wladiwostok stehen Atomgespräche, UN-Sanktionen und Wirtschaftshilfe im Mittelpunkt.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ist auf dem langen Weg zu Wladimir Putin. Am Donnerstag treffen beide Führer in der ostsibirischen Pazifikmetropole erstmals überhaupt in ihrem politischen Leben aufeinander. Beide haben für diesen russisch-nordkoreanischen Gipfel eine lange Wunschliste im Gepäck.

Kim scheut keine Mühen und Strapazen, um den gescheiterten Hanoi-Gipfel mit US-Präsident Donald Trump vergessen zu machen und dafür Russlands Staatschef Wladimir Putin zu hofieren. Der gepanzerte Regierungszug der Pjöngjanger Diktatoren ist am Mittwoch in der Grenzstation Chassan eingetroffen, wo Kim notgedrungen einen Zwischenstopp einlegen muss. Die Schienensysteme passen nicht aneinander und so müssen Achsen und Räder getauscht werden. Bis Wladiwostok muss Kim noch einmal aussteigen, weil sein Sonderzug die Transsibirische Eisenbahnroute mit einer deutlich grösseren Spurbreite nutzen will. Insgesamt dauert die Fahrt trotz der geografischen Nähe rund 20 Stunden über teilweise holprige Gleise – auch am Freitag dann zurück wohlgemerkt.

Hohe Erwartungen

Der nordkoreanische Führer muss also sehr viel von Wladimir Putin erwarten, der am Mittwochabend für seinen Gast ein festliches Bankett gibt. Kaum hatte Kim russischen Boden betreten, kündigte der Gast an, dass dies nicht sein letzter Besuch beim grossen Nachbarn sein werde. «Das ist nur der erste Schritt» verkündete er. Am Donnerstagmorgen (Ortszeit) treffen sich Kim und Putin zum eigentlichen Gipfel auf der kleinen Insel Russkij, die zum Gelände der lokalen Universität gehört.

Zunächst ist ein Vier-Augen-Gespräch geplant, ehe dann auch die Delegationen hinzugezogen werden. Allein in dem nordkoreanischen Sonderzug, der Kim und Genossen in Wladiwostok auch als Hotel dienen wird, sind etwa 230 Nordkoreaner mitgereist, darunter Vize-Aussenminister Choe Son Hui, der für Abrüstungsfragen zuständig ist. Weil die Verhandlungen zwischen Washington und Pjöngjang festgefahren sind, soll der Gipfel Putin - Kim nun die Blockade durchbrechen und Druck auf US-Präsident Trump ausüben. Es solle in Wladiwostok eine politische und diplomatische Lösung gesucht werden, sagte Putins Berater Juri Uschakow der Nachrichtenagentur Tass.

Der Diktator aus Pjöngjang verspricht sich von Russland nicht nur eine massive Rückendeckung im UNO-Sicherheitsrat, wo über die Sanktionen gegen sein Regime – und deren mögliche Lockerungen – beraten und entschieden wird. Er hofft auch auf eine intensive ökonomische Zusammenarbeit mit Russland, besonders auf Lieferungen von Zivilflugzeugen und Bergbauausrüstung. Südkorea hat ermittelt, dass Pjöngjang plant, den bilateralen Handel mit Moskau bis 2020 auf eine Milliarde Dollar zu verzehnfachen.

Kim Jong Un braucht nach dem Gipfel-Desaster von Hanoi unbedingt einen politischen Etappensieg. Zugleich drängt die Zeit, denn die UNO-Sanktionen verlangen von Russland, die noch verbliebenen 10 000 nordkoreanischen Lohnarbeiter Ende des Jahres aus dem Land zu verweisen. Früher waren es sogar 50 000 Nordkoreaner, die in der sibirischen Forstindustrie arbeiteten und ihrem Land Hunderte Millionen Dollar Devisen einbrachten. Pjöngjang wünscht auch eine Fortsetzung der humanitären Hilfe aus Russland, vor allem mit Weizen und anderen Lebensmitteln, die bisher von den Sanktionen ausgenommen waren.

Leichtes Spiel wird Kim allerdings in Wladiwostok kaum erwarten können. Auch Präsident Putin ist an einer nuklearen Abrüstung Pjöngjangs interessiert. Bereits vor einer Woche hatte der für Nordkorea zuständige US-Sondergesandte Stephen Biegun in Moskau die Positionen sondiert. Beide Länder sollen dabei ihr Ziel einer vollständigen und kontrollierbaren Denuklearisierung bekräftigt haben, liess die US-Botschaft verlauten.

Weitere Aufrüstung verhindern

Um seinen Einfluss auch in Ostasien zu demonstrieren, drängt Moskau zurück an den Verhandlungstisch. Russland hatte vor zehn Jahren gleichberechtigt mit den USA, China, Japan und beiden Koreas an den Sechs-Parteien-Gesprächen zur atomaren Entwaffnung Pjöngjangs teilgenommen, bevor diese im Streit platzten. Seither hat Moskau in der Nordkorea-Frage deutlich an Einfluss vor allem an Peking verloren. Vermutlich wird Wladimir Putin auch jetzt nicht versuchen, Nordkorea ultimativ zur Abrüstung aufzufordern oder die Amerikaner durch einen Vorstoss auszumanövrieren.

Dem Kreml geht es eher darum, den Status quo zu erhalten und eine weitere Aufrüstung des auch aus seiner Sicht unberechenbaren Kim-Regimes zu vermeiden. Allenfalls könnte Putin – vor allem, wenn er von Kim dazu aufgefordert würde – versuchen, sich als Vermittler zu Trump ins Spiel zu bringen. Russland hatte den nordkoreanischen Führer bereits im Mai vergangenen Jahres eingeladen. Damals zog Kim aber den von ihm höher bewerteten Gipfel mit Trump vor. Die letzte Begegnung beider Staaten auf Top-Ebene war 2011 ein Treffen des mittlerweile verstorbenen Führers Kim Jong Il mit dem damaligen Kreml-Chef Dmitri Medwedew.

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