An jenem Tag, an dem die 16-jährige Maskin durch eigene Hand starb, zogen die ersten Herbstregen über das Zeltlager. Die Wege wurden schlammig und die Zeltplanen flatterten im Wind. Vielleicht, sagt Maskins Bruder Shuoer, sei es der nahende Winter mit seiner Kälte und seiner Trostlosigkeit gewesen, der seiner Schwester endgültig die Lust auf das Leben nahm. Sie sei schon lange vor ihrem Selbstmord verstummt, aber niemand habe sich viel dabei gedacht. Still und traurig seien schliesslich die meisten im Lager.

Als man ein Jahr später im Flüchtlingslager Esyan des ersten Todestages von Maskin gedenkt, scheint die Sonne, und der Wind verweht den trockenen Sand zu Kreiseln. Die Trauergäste haben sich in zwei grossen Zelten versammelt, Männer und Jungen in einem, Frauen und Mädchen in einem anderen. Teller voller Speisen und Kaffee werden gereicht. Im Frauenzelt fliessen Tränen, und die Mutter des Mädchens findet Trost in Umarmungen. Die Männer rauchen und weinen nicht.

Am ersten Todestag von Maskin steht seit zwei Wochen fest, dass eine von ihnen, eine, die auch einmal im Flüchtlingslager lebte, den Friedensnobelpreis erhalten wird: die 23-jährige Nadja Murat, die den Mut hatte, der ganzen Welt von ihrer Verschleppung durch den IS zu erzählen, von der Ermordung ihrer Brüder und ihrer Mutter, von ihrer Gefangenschaft, in der man nicht nur sie quälte und vergewaltigte, sondern auch ihre gerade mal 12 Jahre alten Cousinen.

Heute verlobt und glücklich: Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad musste in der Vergangenheit durch die Hölle gehen.

Heute verlobt und glücklich: Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad musste in der Vergangenheit durch die Hölle gehen.

Von ihrem und dem Schicksal Tausender anderer jesidischer Frauen und Mädchen hat Murat vor den Vereinten Nationen und Menschenrechtskomitees berichtet, in Dutzenden von Interviews und schliesslich sogar in einem Film, der ihren Namen trägt. Und stets hat sie betont, sie tue das nicht für sich, sondern um die Welt zum Handeln zu bewegen: Die internationale Gemeinschaft soll den Frauen, die sich noch immer in der Gewalt des IS befinden, helfen. Und auch den Hunderttausenden Jesiden, die seit nun vier Jahren in Lagern leben.

Als UN-Sonderbotschafterin hat Murat versucht, Länder wie Kanada dazu zu bewegen, Jesiden aufzunehmen. Und sie hat an die Staatengemeinschaft appelliert, für die Rückkehr ihres Volkes in seine Heimat, die Region Sinjar im Nordirak, zu sorgen. Ihr Zeugnis hat hartgesottene UN-Delegierte zum Schluchzen gebracht, doch die Jesiden nicht von der Vertreibung erlöst.

«Viele von uns denken, es wäre besser, zu sterben»

Im Lager Esyan, einem von 22 Flüchtlingslagern in der autonomen Region Kurdistan im Norden des Iraks, leben 10000 Menschen, und wenig ist dort zu spüren von der Aufmerksamkeit, die Nadia Murat erfährt. Die Zelte stehen in langen Reihen dicht an dicht, am Rande dieser Reihen gibt es kleine Lebensmittelgeschäfte, Friseure, Reparaturwerkstätten, manchmal einen Gemüsegarten oder ein Stück Acker, auf dem Schafe weiden. Doch kaum jemand hier hat Arbeit, kaum jemand hat Geld, um mehr als das Notwendigste zu kaufen. Und niemand, mit dem man spricht, hofft noch auf die Hilfe der irakischen Regierung. Ohne die Hilfsorganisationen, die für Lebensmittel, Strom, Wasser, sanitäre Anlagen und Küchen sorgen, Gesprächsgruppen für Traumatisierte anbieten und Gesundheitsstationen einrichten, sagen sie hier, wären sie sich vollkommen selber überlassen. Dass der Friedensnobelpreis etwas ändere, nein, klagt Shuoer, daran glaube er nicht. «Nadia Murat? Bis zu uns dringt das Echo ihrer Stimme nicht. Wir hören hier nur das Schweigen der Welt.»

Shuoer ist mit seiner Verbitterung nicht allein. Im Laufe des Gesprächs mit ihm kommen viele junge Männer dazu, und was sie sagen, sind Sätze tiefster Hoffnungslosigkeit. Die meisten haben ihre Schulausbildung abbrechen müssen, und in den Lagern gibt es keine Möglichkeit, einen Abschluss nachzuholen. Selbst wenn sie die Lager verliessen, würden sie keine Arbeit finden. Die Enge, der Mangel an Freiheit, die Öde des Alltags, die Hilflosigkeit, nichts für ihre Familien tun zu können, und nicht zuletzt der Zorn über ihre geraubte Jugend hat die jungen Männer bitter gemacht. Maskin sei nicht die Einzige, die sich umgebracht habe, die Selbstmordrate steige mit jedem Jahr, das sie in den Lagern verbrächten. «Viele von uns denken, es wäre besser, zu sterben, als noch weiter so zu leben. Ohne Heimat, ohne Zukunft, ohne Aussicht, dass sich etwas ändert, ist es schwer, einen Sinn zu finden», sagt Shuoer.

Wer nach Zahlen über Selbstmorde in Flüchtlingscamps sucht, findet keine. Nur Beispiele für solche. Im berüchtigten Lager Moria auf Lesbos etwa, wo laut Interviews, welche die Organisation Ärzte ohne Grenzen führte, jedes vierte Kind an Suizid denkt. Hoch ist auch die Rate in den Camps der Rohingya in Bangladesch sowie in den Internierungslagern auf den Inseln Nauru und Manus, in denen Australien seine Flüchtlinge einsperrt. Meist sind es Kinder und Jugendliche, junge Männer, die sterben oder sterben wollen. Vielleicht weil ihnen die geduldige Schicksalsgläubigkeit ihrer Eltern fehlt, vielleicht weil die Reduzierung des Lebens auf ein Flüchtlingsdasein schwerer zu ertragen ist, wenn man doch eigentlich aufbrechen will ins Eigene.

Die Situation der Jesiden im Nordirak und die gefühlte Aussichtslosigkeit ihrer Situation spiegelt das Ausmass einer der grössten humanitären Krisen der Gegenwart wider. Zwischen Juni und August 2014, als der IS Gewalt und Tod in den Norden des Iraks brachte, flohen eine halbe Million Menschen vor seinem Wüten in die autonome Region Kurdistan, die meisten in das Verwaltungsgebiet Dohuk – so viele, wie dessen gleichnamige Hauptstadt Bewohner hat. Es kamen nicht nur Jesiden, auch Bewohner aus Mosul, der IS-Hochburg im Irak, Moslems und Christen aus den Dörfern und Städten in der Ebene von Ninive und 250'000, die dem Krieg in Syrien entkamen. Die meisten besassen nur noch, was sie auf der Flucht tragen konnten, fast alle hatten Schreckliches erlebt, waren traumatisiert, verwundet, erschöpft. Der plötzliche Ansturm der Fliehenden überschritt die Kapazitäten der kurdischen Regierung, der UN- und der Hilfsorganisationen, und die humanitäre Notlage, die daraus folgte, erinnerte an jene nach dem Genozid in Ruanda, nach den Kriegen auf dem Balkan.

«Werden wir für Generationen hier festsitzen?»

Vergleicht man das Chaos des zweiten Halbjahres 2014 mit dem Istzustand, sieht man sehr wohl Fortschritte: Die Anzahl der Flüchtlinge hat sich fast halbiert, weil viele den Irak verliessen. Allein in Deutschland leben inzwischen 45000 Jesiden. Die Befreiung der Stadt Mosul und der Dörfer in der Ebene von Niniwe ermöglichte es deren Bewohnern, zurückzukehren. Auch der subjektive Eindruck der Flüchtlinge, es werde nicht in die Verbesserung ihrer Lage investiert, stimmt so nicht. Auf einer eigenen Webseite veröffentlicht die kurdische Regierung ihre Bemühungen zur Bewältigung der Krise. 20 Millionen US Dollar seien in die Verbesserung der humanitären Hilfe geflossen, 35 Millionen in akute Nothilfe wie Essensversorgung, Elektrizität und sanitäre Anlagen. 1,5 Millionen zahle die Regierung jährlich an örtliche Bauern, auf deren Land die Camps errichtet wurden, für den Aufbau der Camps selber seien 82 Millionen Dollar ausgegeben worden.

Das sind riesige Summen, und sie bleiben doch ein Tropfen auf dem heissen Stein. Dass es nun winterfeste Zelte gibt, sanitäre Anlagen, keinen Hunger mehr und zumindest eine Basisversorgung, macht den Alltag vielleicht leichter, nicht aber die Zukunft heller. Zudem ist die Spendenbereitschaft für die Jesiden und andere Vertriebene im Irak zurückgegangen, nachdem der IS besiegt war und die mediale Aufmerksamkeit sich auf andere Themen richtete. «Was wird geschehen, wenn keine Spenden mehr kommen? Wenn sich nicht nur die irakische Regierung nicht mehr für uns interessiert, sondern auch alle anderen? Werden wir dann für Generationen hier festsitzen?», fragt Shuoer. Habe sich das Zeitfenster dafür, das Schicksal der Jesiden zu wenden, schon geschlossen?

Die Tatsache, dass die Jesiden noch immer Flüchtlinge sind, ist eng verwoben mit der Politik des Iraks. Zum einen ist eine Rückkehr in ihre Heimat schwierig, weil umstritten ist, zu wem der Distrikt Sinjar gehört: zum Irak oder zum autonomen Kurdistan. Da die Frage bislang nicht geklärt ist, geht der Wiederaufbau der zerstörten Dörfer und Städte nur schleppend oder gar nicht voran. Zum anderen gehen die Gelder an die Zentralregierung nach Bagdad, werden von dort zugeteilt – oder eben auch nicht. Meist eben nicht.

Vertrauen in die Mitbürger verloren

Der Hauptgrund aber, warum Hunderttausende trotz der Not und der Enge in den Lagern nicht zurückkehren, ist die Furcht vor neuem Terror. 2014, als der IS ihre Heimat überrollte, haben die Jesiden erleben müssen, wie sich die schlecht ausgerüsteten kurdischen Soldaten und Polizisten vor der Übermacht zurückzogen und sie dem Terror überliessen. Und es waren häufig ihre arabischen Nachbarn, die den IS-Kämpfern zeigten, in welchen Häusern Jesiden leben. Ein empfundener Verrat, der die Keimzelle neuer Konflikte sein kann: «Wir wollen und können nicht mehr mit Arabern zusammenleben», so sagen es die jungen Männer in Esyan.

Als die Trauerfeierlichkeit gegen Mittag beendet ist, gehen die Frauen, Mädchen und die älteren Männer zurück in ihre Zelte. Nur die jungen Männer bleiben zurück, sammeln den Abfall ein und sitzen schliesslich auf einer Bank und fragen sich, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollen. Sich wenigstens im Lager bewegen zu können, sei für die Männer schon ein Vorteil, sagt Shuoer, die Mädchen verliessen die Zelte nur in Begleitung. «Viele von ihnen haben dasselbe erlebt wie Nadja Murat, sie fürchten sich davor, dass sie wieder jemand verschleppt.»

Denn dass der IS wirklich besiegt sei, sagt Shuoer, daran glaube er nicht. «Solange uns niemand schützt, niemand garantiert, dass sich unser Schicksal nicht wiederholt, so lange es in unserer Heimat keine Schulen, Krankenhäuser und keine Arbeit gibt, werden wir in den Lagern bleiben. Und selbst wenn der Nobelpreis Wunder bewirkt und die Welt uns hilft, wird es noch viele Jahre dauern, bis wir nach Hause können.»