30 Jahre Mauerfall

Jens Weissflog: Vom DDR-Goldjungen zum Vorzeige-Ossi

Mit 19 in der Weltspitze: DDR-Springer Jens Weissflog gewinnt in der Saison 83/84 erstmals die Vierschanzentournee.

Mit 19 in der Weltspitze: DDR-Springer Jens Weissflog gewinnt in der Saison 83/84 erstmals die Vierschanzentournee.

Jens Weissflog war mal der beste Skispringer der Welt. Dass die Ossis auch 30 Jahre nach der Wende noch immer jammern, verärgert ihn. Wir haben ihn in seiner Heimat in Oberwiesenthal im Erzgebirge besucht.

Jens Weissflog steht am Bahnhof in Chur. Er blickt sich um. Sinniert. Was gewinne ich, wenn ich mich von der Gruppe der «Diplomaten in blauen Trainingsanzügen» absetze? Und was verliere ich? Schwierig wäre die Aktion nicht. Er ist nicht angekettet und Waffen sind auch keine auf ihn gerichtet.

Und flink genug ist er sowieso, um schnell Land zu gewinnen. Gewiss, da sind Informanten der Staatssicherheit darunter. Aber was wollen sie ausrichten? Sie können ihn in Chur nicht mit Gewalt in den Zug nach München zerren. Freiheit und Geld im Westen gegen Familie und Ruhm im Osten. Der Osten gewinnt. Immer wieder. Ob in Chur, in München oder an anderen Bahnhöfen oder Flughäfen des Klassenfeinds.

Weissflog ist nur einer von fünf Skispringern der Sportgeschichte, welche die wichtigsten vier Wettbewerbe (Olympia, Weltmeisterschaft, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee) gewonnen haben. 1984 holte er Olympiagold für die DDR, zehn Jahre später zwei Goldene für das wiedervereinigte Deutschland. Die Wende hat der heute 55-Jährige quasi überflogen.

Tönt leicht. Aber das war es nicht. Auch wenn ihm das Etikett Vorzeige-Ossi angeheftet wurde, weil er die Seiten gewechselt hatte, als habe es die einst verfeindeten deutschen Sportgebilde nie gegeben. Was die Leichtathletin Katrin Krabbe im Sommer, war Weissflog im Winter: Beispiel dafür, wie aus Staatsamateuren, gross geworden in hierarchischen Befehlsstrukturen, business-orientierte Profis mit zeitgemässem Wertewandel wurden.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in seiner Heimat kam der Vorzeige-Ossi nach der Wende nicht mehr so prima an. Jene, die ihn 1984 noch auf den Schultern durch Oberwiesenthal trugen, demonstrierten offen ihre Abneigung, weil sie in ihm nun den Snob sahen. Im Westen indes wurde der Vorzeige-Ossi hofiert. Nicht immer mit guten Absichten. Es gab Leute, die im Ossi den Naivling sahen, den man übers Ohr hauen konnte.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in seiner Heimat kam der Vorzeige-Ossi nach der Wende nicht mehr so prima an. Jene, die ihn 1984 noch auf den Schultern durch Oberwiesenthal trugen, demonstrierten offen ihre Abneigung, weil sie in ihm nun den Snob sahen. Im Westen indes wurde der Vorzeige-Ossi hofiert. Nicht immer mit guten Absichten. Es gab Leute, die im Ossi den Naivling sahen, den man übers Ohr hauen konnte.

Diese Leute nannten sich Manager, versprachen auf die Schnelle mehrere 100'000 D-Mark und versteckten im Kleingedruckten, dass sie bis ans Lebensende 30 Prozent aller Einkünfte kassieren. «Es wurde teilweise bewusst versucht, die Ossis übers Ohr zu hauen», sagt Weissflog. «Darauf gründet noch heute die Skepsis vieler Ossis gegenüber den Wessis.»

Die DDR? Grau und baufällig und unmittelbar vor der Pleite

Oberwiesenthal in Sachsen. 915 Meter über Meer, höchst gelegene Stadt in Deutschland. An der Grenze zu Tschechien. Erzgebirge, aber bis zur Waldgrenze erstrecken sich die Hügel um den Wintersportort nicht. Ziemlich abgelegen und oberhalb des Städtchens liegt Weissflogs Hotel.

Früher gehörte das Haus der Staatssicherheit, benannt nach deren Chef Erich Mielke, ein Ferienhaus für die Elite. «St. Moritz des Ostens» wurde der Ort genannt, weil sich hier die DDR-Prominenz versammelte. Heute ist das Oberwiesenthaler Pendant zur St. Moritzer Edel-Boutique an bester Lage ein Ostalgie-Shop.

Jens Weissflog heute: Hotelier in Oberwiesenthal, der höchstgelegenen Stadt Deutschlands.

Jens Weissflog heute: Hotelier in Oberwiesenthal, der höchstgelegenen Stadt Deutschlands.

Weissflog sitzt im Restaurant seines schmucken Hotels. Können Sie die Menschen verstehen, die heute noch der DDR nachtrauern? Der schmächtige Mann guckt aus dem Fenster und sagt: «Teilweise, nur teilweise. Die gefühlte Sicherheit war zwar gross.

Aber diese Leute sollten sich mal anschauen, wie es in den neuen Bundesländern vor 30 Jahren ausgeschaut hat: Grau, grau, grau und baufällig. Die DDR stand unmittelbar vor der Pleite. Die grosse Masse der Bevölkerung hat das damals erkannt. Aber im Rückblick verdrängt man meist die negativen Dinge. Ich will nicht tauschen.»

Was nicht heisst, dass er heute den ganzen Ost-Kram verteufelt. Schliesslich hat ihm die DDR die besten Bedingungen geboten, ein Weltklasse-Athlet zu werden. Während in Westdeutschland die Schanzen einzig für die prestigeträchtigen Wettkämpfe anständig hergerichtet wurden, war allein in Oberwiesenthal ein fünfköpfiges Pistenkommando in Vollzeit angestellt.

«Wieso soll ich in ein System wechseln, das dir den Erfolg nicht garantiert? Das konnte die DDR zwar auch nicht, aber sie hat alles dafür getan.» Es waren solche Gedanken, die ihn abgehalten haben, sich in den Westen abzusetzen.

Weissflog musste nicht 18 Jahre auf einen Trabi warten

Und der Staat blieb nicht untätig, die Sportler bei Laune zu halten. Privilegiert lässt sich die DDR auch besser aushalten, oder Herr Weissflog? «Mit dem Begriff privilegiert habe ich Mühe. Wie der Sport wurde auch die Wissenschaft oder die Kultur gefördert. Natürlich hatte der Sportklub eine bessere Belieferung von Bananen oder Orangen als die normale Kaufhalle. Darin ein Privileg zu sehen, ist beinahe armselig.

Das einzige Privileg, das ich für mich in Anspruch nehme: Ich musste nicht 18 Jahre auf ein Auto warten, sondern konnte meinen Trabi nach wenigen Wochen abholen.» Und ja, die sogenannten Amateursportler mussten keinem Erwerb nachgehen. Weissflog erhielt zwar von einem Betrieb einen Lohn als Elektriker, hatte aber nach der Lehre keine Sekunde mehr im Beruf gearbeitet. Und Prämien gab’s auch. Nur lagerten diese auf einem Sperrkonto.

Wer was abheben wollte, musste das Geld bestellen und angeben, wofür er es brauchte. Alles kriegte man sowieso nicht. Ein Teil blieb immer auf dem Sperrkonto. «Die Partei brauchte es als Druckmittel. Es kam vor, dass Sportler die Karriere beenden wollten, aber zum Weitermachen gezwungen wurden, indem man ihnen den Zugang zum Konto verwehrte», erzählt Weissflog.

Erfolg im Sport war alternativlos. Dabei war den Partei-Bonzen jedes Mittel recht. Selbst Minderjährige wurden systematisch gedopt. Schliesslich ging es um internationale Anerkennung und darum, gegenüber den eigenen Bürgern die Überlegenheit des Sozialismus zu unterstreichen. Und wer nicht linientreu war, bekam dies zu spüren.

Weissflog erinnert sich an eine junge, hochtalentierte Langläuferin aus seiner Sportschule, die sich in einen Wessi verguckt hatte. Als es raus kam, durfte sie ihren Sport nicht mehr länger ausüben. «Das war für uns alle in der Schule ein ultimativer Warnschuss.»

Eine Ermahnung, weil er «La Ola» mitgemacht hat

Auch Weissflog wurde unter Druck gesetzt. Beispielsweise, um der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) beizutreten. «Zum Glück», sagt er, «wurde ich nie als Informant der Staatssicherheit angeworben.» Aber er kennt sie, die Geschichten. Meist wurden jene Sportler «angefragt», die sich auf Auslandsreisen etwas zu Schulden kommen liessen.

Dafür reichte es schon, sich zu lange mit einem Westler zu unterhalten. Denen riet die Stasi, sich als Informant zur Verfügung zu halten. Andernfalls seien künftige Auslandreisen gestrichen, der Arbeitsplatz des Vaters weg oder die Sportkarriere zu Ende. Weissflog selbst kam mit einer Ermahnung glimpflich davon. Es war an den Olympischen Winterspielen 1988, bei denen er unter den Erwartungen blieb, was ihn aber nicht davon abhielt, sich zu erheben, als «La Ola» auf ihn zu brandete.

Wie er stand, die Arme in der Luft, sah er links und rechts nur «Blaue» die sassen. «Selbst die Russen haben mit den Kanadiern rumgetanzt. Nur wir wussten eineinhalb Jahre vor der Wende immer noch nicht, wie wir uns bewegen sollen.»

Ja, räumt Weissflog ein. Er sei ein Maskottchen eines politischen Systems gewesen. Bewusst war ihm das schon vor 1989. Aussprechen durfte er es erst danach. Weshalb er den Mauerfall noch heute als grosse Errungenschaft bezeichnet. Endlich darf er sich drehen und wenden und denken und reden und treffen – wen und was er will.

«Wir können doch total stolz darauf sein, was wir geschaffen haben. Denn es war der Ossi, der die politische Wende in Gang gesetzt hat. Und dann mussten sich von 9 Millionen Werktätigen 7 Millionen neu orientieren oder haben gar ihren Job verloren.

Dass wir das einigermassen hingekriegt haben, ist eine riesige Leistung. Wir müssen deshalb nicht den ganzen Tag über den Kopf gestreichelt werden. Also Ossis, seid stolz darauf und jammert nicht!»

Im Gejammer wittert Weissflog eine Gefahr. Er befürchtet, dass der Graben zwischen Ost und West tiefer wird. Er, der vor 10 Jahren ein Mandat der Oberwiesenthaler CDU erhielt und seither im Stadtrat tätig ist, versteht nicht, dass auch 30 Jahre nach der Wende vornehmlich die Problemzonen des Ostens thematisiert werden.

«Es gibt Städte im Ruhrpott, die haben mindestens so grosse Probleme mit Arbeitslosigkeit und Migration wie Regionen im Osten. Da kann ich verstehen, dass der Wessi die Schnauze voll hat, wenn Milliarden an Solidaritätszuschüssen in den Osten fliessen, aber vor der eigenen Türe die Infrastruktur vor die Hunde geht.

Solche Missstände treiben die Leute genauso zur AfD wie die leeren Versprechungen der etablierten Parteien, das Volk zu verstehen.» Die Wiedervereinigung beginnt ständig von vorne.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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