Seuche

Iran rätselt über das Ausmass des Corona-Virus

Gesichtsmasken in Teheran: Die Menschen wappnen sich gegen das Virus, die Regierung spielt die Zahl der Infizierten wohl herunter. (AP Photo/Vahid Salemi)

Gesichtsmasken in Teheran: Die Menschen wappnen sich gegen das Virus, die Regierung spielt die Zahl der Infizierten wohl herunter. (AP Photo/Vahid Salemi)

Während Teheran die Bedrohung herunterspielt, liegen Infizierte bewusstlos auf den Bürgersteigen. Ein Spital wurde gar in Brand gesteckt.

Das Teheraner Gesundheitsministerium hat am Sonntag seine zunächst beschönigenden Prognosen über die Ausbreitung des Corona-Virus korrigiert und angedeutet, dass der Höhepunkt der Seuche im islamischen Gottesstaat noch längst nicht erreicht worden ist. Die Zahl der nachgewiesenen Covid-19 Fälle sei innerhalb der letzten 24 Stunden um 385 auf 978 gestiegen, erklärte ein Ministeriumssprecher am Sonntag. Im gleichen Zeitraum seien weitere 11 Menschen an den Folgen der Lungenkrankheit gestorben. Die Zahl der Toten habe sich damit auf 54 gehöht. Im Staatsfernsehen forderte der Funktionär die Bevölkerung auf, in den kommenden Tagen auf Reisen im Land zu verzichten und so einen Beitrag zur Bekämpfung der sich ausbreitenden Seuche zu leisten.

Auch Schulen und Universitäten bleiben im Iran bis auf weiteres geschlossen. Gegen den Widerstand der Geistlichkeit, die das Zwiegespräch mit Allah als «Allheilmittel» preist, wurde auch der Besuch schiitischer Pilgerstätten verboten. Im Gegensatz zu früheren Erklärungen verzichtete der Ministeriumssprecher am Sonntag darauf, «ausländische Feinde» für die Seuche verantwortlich zu machen. Dennoch dürften die gemeldeten Zahlen noch immer nicht das wahre Ausmass der Covid-19-Fälle im Iran wiederspiegeln. Epidemiologen der Universität Toronto befürchten, dass sich bis zu 18'000 Iraner mit dem Corona-Virus infiziert haben. Der persische Dienst der BBC meldete am Freitag 210 Corona-Tote im Iran, was von den Behörden umgehend als «politische Lüge» zurückgewiesen wurde.

Armee und Revolutionsgarden involviert

Fest steht, dass die Regierung wegen der Revolutionsfeierlichkeiten und Parlamentswahlen in den ersten Februarwochen das Corona-Virus viel zu spät ernst genommen hat. Alle Gegenmassnahmen seien mit 10-tägiger Verspätung eingeleitet worden, klagt ein iranischer Arzt, der ungenannt bleiben möchte. Mit Unterstützung chinesischer Experten, die am letzten Freitag eintrafen, versuche man jetzt die Seuche, die aus Iran in mindestens 17 Länder «exportiert» wurde, einzudämmen. Auch die Armee sowie die Revolutionsgarden hätten den Ernst der Lage erkannt und unterstützten die Behörden nach Kräften.

Wie dramatisch die Situation im Iran inzwischen ist, geht aus in den sozialen Medien veröffentlichten Videos und Fotos hervor. So wurde am Samstag in der iranischen Hafenstadt Bandar Abbas ein Krankhausen in Brand gesetzt, in das Corona-Infizierte aus der Stadt Ghom, dem Epizentrum der Seuche, eingeliefert werden sollten. In Teheran und Isfahan liegen offenbar mit dem Corona-Virus infizierte Iraner ohnmächtig auf dem Bürgersteig. Passanten machen einen grossen Bogen um die Kranken.

Ausländische Medienvertreter im Iran haben am Wochenende beschlossen, ihre Büros zu schliessen. Auf Empfehlung ihrer Regierung verlassen viele nun das Land.

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