Deutschland

In Bayern wurden 900 Menschen positiv auf Corona getestet – aber nicht über das Ergebnis informiert

Plötzlich in der Coronakritik: Bayerns Landeschef Markus Söder.

Plötzlich in der Coronakritik: Bayerns Landeschef Markus Söder.

Schwerwiegende Panne für Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder: Seine Behörden hatten Infizierte tagelang nicht über ihren positiven Test informiert. Plötzlich steht der Corona-Krisenmanager Söder in der Kritik.

Eigentlich wäre der bayerische Ministerpräsident Markus Söder heute medienwirksam mit seinem Amtskollegen aus Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), durch das Watt an der Nordsee spaziert. Es hätte schöne Fotos davon gegeben in Zeitungen, vielleicht auch in der «Tagesschau» am Abend.

Bilder vom bayerischen Oberpatrioten Söder, der einen Kurztrip an die Nordsee unternimmt, haben Symbolkraft. Frei interpretiert könnte man sagen, dass Söder nicht mehr in erster Linie als Bayern denkt und handelt, sondern als Bundesbürger. So, wie es sich für einen künftigen Kanzler gehört.

Doch Söder ist in München geblieben, die Umstände erfordern das. Seiner Regierung ist in der Coronakrise ein Lapsus passiert, der gravierende Folgen haben dürfte. 44000 Testergebnisse, die in den letzten Wochen an verschiedenen Test-Stationen an Flughäfen, Bahnhöfen und auf Autobahnraststätten von Reisenden gesammelt worden waren, sind noch immer nicht ausgewertet oder die Getesteten noch immer nicht über die Resultate informiert worden.

Super-Gau für Markus Söder

Besorgniserregend: Darunter befinden sich mehr als 900 positive Coronabefunde. Es ist davon auszugehen, dass viele der positiv Getesteten wegen eines milden Verlaufs gar nie erfahren haben, dass sie das Virus in sich tragen. Die unwissentlich Infizierten könnten also etliche andere Menschen im gesamten Bundesgebiet ebenfalls angesteckt haben.

Die Testpanne ist ein Super-Gau für Bayern und Ministerpräsident Markus Söder. Der 53-jährige CSU-Politiker wurde bis anhin als guter Krisenmanager gefeiert. Sein entschlossenes Handeln in der Coronakrise brachten dem Franken höchste Zustimmungswerte in Bayern ein, viele Deutsche können sich Söder gar als nächsten Kanzler nach der Ära Merkel vorstellen.

Testzentren technisch nicht auf dem neusten Stand

Die Panne bei der Datenübermittlung ist Resultat eines offenbar überstürzten Handelns der Regierung um Markus Söder. So wurden innerhalb weniger Stunden ab Ende Juli Teststationen auf Autobahnraststätten, Flughäfen und Bahnhöfen eingerichtet, die aber technisch nicht so ausgerüstet waren, wie dies erforderlich gewesen wäre.

Zur Erfassung der Daten der Reisenden – darunter auch Menschen, die sich lediglich auf der Durchreise durch Bayern befanden – fehlte eine entsprechende Software. So wurden die Daten handschriftlich auf Formularen erfasst. Bei der Übertragung der Formulare an die Labore sollen viele Dokumente nicht mehr lesbar gewesen sein oder es gab fehlerhafte Angaben bei Handy-Nummern oder Mailadressen, wodurch die Getesteten nicht kontaktiert werden konnten. Zudem dürfte die hohe Zahl an Menschen, die sich kostenfrei in Bayern einen Abstrich machen liessen, für eine Überforderung bei den Testzentren gesorgt haben.

Söder und seine unter Beschuss geratene Gesundheitsministerin Melanie Huml erklärten sich vor den Medien. «Es tut der gesamten Staatsregierung leid, auch mir persönlich», sagte Söder. Die von der Opposition scharf kritisierte Gesundheitsministerin bot ihren Rücktritt an - doch Söder möchte weiterhin mit seiner Parteikollegin zusammenarbeiten: «Sie will die Scharte auswetzen», erklärte der 53-jährige Franke.

Obwohl sich Söder im Namen der bayerischen Regierung für die Panne entschuldigt hatte, sieht er kein Fehlverhalten bei sich selbst. Auf die Frage eines Journalisten, ob er ein zu hohes Tempo eingeschlagen habe bei der Errichtung der Teststationen, entgegnete Söder: «Das Tempo wird nicht durch mich gemacht, es wird durch Corona bestimmt.»

Getestete werden jetzt informiert - nicht alle konnten erreicht werden

Seit diesem Donnerstag seien die Gesundheitsämter daran, die Getesteten - darunter die mehr als 900 Corona-Infizierten - zu informieren. Noch konnten nicht alle von ihnen erreicht werden. Die Teststationen im Bundesland wurden nach Angaben Söders inzwischen umgerüstet, die Personendaten werden digital erfasst.

Zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Krise sieht sich Söder teilweise scharfer Kritik ausgesetzt. «Söder entlarvt sich als Scheinriese im Krisenmanagement», meinte die Linken-Vorsitzende Katja Kipping. Der Vizechef der FDP-Bundestagsfraktion, Alexander Graf Lambsdorff, schrieb auf Twitter: «900 positiv Corona-Getestete nicht zu informieren, ist Körperverletzung gegenüber denen, die diese anstecken.»

Je nachdem, welche Auswirkungen die Panne auf das Infektionsgeschehen im gesamten Land haben wird, dürfte Söder politischen Schaden davon tragen. Söder selbst hat nie explizit eine Kanzlerkandidatur ins Spiel gebracht, allerdings kokettierte er zuletzt mit einer solchen.

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