Russland

«Ich bin sicher, dass er vergiftet wurde»: Putins Gegenspieler Alexej Nawalny liegt im Koma

Wurde schon mehrfach Opfer gezielter Angriffe: Kremlkritiker Alexej Nawalny.

Wurde schon mehrfach Opfer gezielter Angriffe: Kremlkritiker Alexej Nawalny.

Nach einer Reise nach Sibirien liegt der 44-jährige Kremlkritiker Alexej Nawalny im Koma. Seine Unterstützer haben einen klaren Verdacht.

Alexej Nawalny war auf dem Heimweg aus Sibirien, als er im Flieger von Tomsk nach Moskau plötzlich zusammenbrach. Nach einer Notlandung in Omsk, 900 Kilometer westlicher, brachten ihn Ärzte in eine Klinik der sibirischen Industriestadt. Seitdem liegt der 44-jährige Kremlkritiker im Koma, angeschlossen an ein Beatmungsgerät. Sein Zustand sei stabil, teilte einer der behandelnden Ärzte am Nachmittag mit. «Vergiftung ist eine der Möglichkeiten dafür.»

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch, die ebenfalls auf dem Flug mit dabei war, ist überzeugt: «Ich bin sicher, dass er absichtlich vergiftet wurde», sagte sie dem russischen Radiosender «Echo Moskwy». Jarmysch zufolge soll Nawalny nichts anderes ausser Tee am Flughafen von Tomsk zu sich genommen haben, später soll er über Unwohlsein geklagt haben und hätte auf der Flugzeugtoilette das Bewusstsein verloren.

Jarmysch teilte auf Twitter mit, im Omsker Krankenhaus seien Polizisten und Vertreter des staatlichen Ermittlungskomitees aufgetaucht, seitdem sprächen die Ärzte von vertraulichen Informationen und zögerten die Herausgabe von Blutanalysen hinaus. Der Kardiologe Jaroslaw Aschichmin, der Nawalny seit 2013 ärztlich betreut, sprach davon, Nawalny nach Europa verlegen zu lassen.

Es wäre schon Nawalnys zweite Vergiftung

«Corona erschwert die Lage, aber Hannover oder Strassburg kämen in Frage, weil es nicht nur darum geht, Alexejs Leben zu retten, sondern auch nach dem Stoff im Körper zu suchen, der einen solchen Zustand verursacht haben könnte», sagte er dem Portal «meduza». Laut russischer Nachrichtenagentur Tass gehen die Sicherheitsbehörden nicht von einer absichtlich herbeigeführten Vergiftung aus. Nawalny habe möglicherweise selbst etwas zu sich genommen, hiess es.

Der Fall scheint verworren und ist von Spekulationen begleitet. Und doch: Ausgeschlossen ist eine Vergiftung nicht. Es wäre Nawalnys zweite. Bereits im vergangenen Sommer, als der 44-Jährige während der Proteste vor der Wahl des Moskauer Stadtparlaments eine Arreststrafe absitzen musste, wurde er notfallmässig in die Klinik eingeliefert. Nawalny hatte bereits damals von einer Vergiftung mit einem in die Bettwäsche geschüttelten Pulver gesprochen. Ärzte hatten jedoch lediglich eine «allergische Reaktion» diagnostiziert.

Eine Bedrohung für Wladimir Putin

Der Moskauer lebt gefährlich. 2017 war ein Anschlag auf ihn verübt worden. Nawalny drohte, sein Augenlicht zu verlieren. Trotz einer Ausreisesperre durfte er auf Druck aus dem Ausland in Spanien operiert werden.

Der Mann, dessen Namen Russlands Präsident Wladimir Putin nicht in den Mund nimmt, ist ein Fremdkörper in der russischen Politik. Und gerade deshalb einer, der vom System Putin als Bedrohung wahrgenommen wird. Von politischen Ämtern ist er ausgeschlossen. Doch er ist der grosse, eloquente, oft populistische Mobilisierer vieler Unzufriedener – und vor allem bei den Jüngeren beliebt.

Von allen russischen Regierungsgegnern hat Nawalny das am besten ausgebaute Unterstützer-Netzwerk in der Provinz. Für die Regionalwahl im September sind an einigen Orten auch Nawalnys Kandidaten zugelassen. Der Giftanschlag, so ist seine Sprecherin Jarmysch überzeugt, sei in diesem Zusammenhang passiert. «Offenbar sehen die Mächtigen irgendeine gefährliche Situation darin und wollen Alexej neutralisieren», sagte sie.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1