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Hatte Kohl Angst, dass die Einheit scheitert? Der ehemalige Berater des Kanzlers im Interview

Die Deutsche Einheit vor 30 Jahren stand kurz vor der Wiedervereinigung auf der Kippe, sagt der ehemalige Berater von Kanzler Helmut Kohl, Horst Teltschik, im Interview. In Moskau gab es die Überlegung, die Grenzen wieder hochzuziehen.

Wann haben Sie erkannt, dass die Deutsche Einheit realisierbar wird?

Horst Teltschik: Im Sommer 1989 bin ich davon ausgegangen, dass die dramatischen Veränderungen in der Sowjetunion, Polens und Ungarns Auswirkungen auf die DDR haben müssen. Und ich habe am 6. Juli 1989 in einem Zeitungsinterview gesagt, dass die deutsche Frage wieder auf der Tagesordnung der internationalen Politik stehen wird. Für diese Aussage bin ich heftig kritisiert worden.

Von Helmut Kohl?

Kohl war nicht erfreut über dieses Interview. Mit Kohl haben wir dann die Entscheidung erst mit dem Fall der Mauer getroffen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, operativ die Einheit anzustreben.

Wie erlebten Sie Kohl in diesen Tagen? War er nervös, hatte er Angst, die Einheit könnte scheitern?

Ich habe Kohl nie ängstlich erlebt. Er war natürlich vorsichtig, er wusste ja, dass es nicht nur eine Angelegenheit ist, die Deutschland betrifft. Sondern dass wir aufgrund der Vier-Mächte-Verantwortung die Zustimmung der drei Westmächte und der Sowjetunion brauchten. Kohl und ich gingen davon aus, dass es fünf bis zehn Jahre bis zur deutschen Einheit dauern würde.

Was war schwieriger: Die Sowjets von der Einheit zu überzeugen - oder die Briten unter der Ägide von Margaret Thatcher?

Wichtiger für die Einheits-Frage war für uns natürlich Gorbatschow. Gorbatschow hatte auf Kohls 10-Punkte-Rede zunächst sehr negativ reagiert. Er sagte gegenüber unserem Aussenminister Hans-Dietrich Genscher, diese Rede sei ein Diktat aus Deutschland gegenüber der Sowjetunion und er werde dies nicht akzeptieren. Es war eine harte Absage. Gorbatschows Haltung änderte sich erst bei einem Gespräch mit Kohl Anfang Februar 1990.

Ist die Einheit heute, 30 Jahre später, vollzogen? Ist sie eine Erfolgsgeschichte?

Absolut, natürlich. Auch wenn viele Menschen aus den Neuen Bundesländern heute kritisieren mögen, weil manches nicht so optimal gelaufen ist, wie sie sich das vorgestellt haben. Aber es gab ja keine Erfahrung damit, ein sozialistisches mit einem kapitalistischen Land zusammenzuführen. Was viele vergessen in Ostdeutschland: Es gab 1990 durchaus eine Reihe von gefährlichen Entwicklungen, die sofort hätten dazu führen können, dass der Einigungsprozess von der Sowjetunion militärisch beendet worden wäre.

Welche?

Mir hat der damalige sowjetische Aussenminister Eduard Schewadnaze einmal persönlich erzählt, dass sie in der sowjetischen Führung im Januar 1990 darüber nachgedacht haben, die Truppen in der DDR zu mobilisieren und die Grenze wieder dicht zu machen. Es gab im Juli 1990 auf dem Parteitag der KPDSU die grosse Gefahr eines Putsches gegen Gorbatschow. Als im August 1990 der Irak-Konflikt begann, hatten die Amerikaner kaum noch Interesse an der deutschen Frage. Wäre der Irak-Krieg früher losgegangen, hätten wir Probleme bekommen können. Es gab viele Entwicklungen, die den Prozess der Einigung sofort hätten beenden können. Deshalb war es richtig, jede Chance zu nutzen.

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