Ein Wahnsinniger rüstet auf und mobilisiert – für einen «Krieg». Konsequent auf seiner Spur zu Ende gedacht, wäre das ein Weltkrieg – zwischen dem Westen und China, wo heute der 19. Parteitag der Kommunisten beginnt. Stephen Bannon (63) heisst der Wahnsinnige, bis vor kurzem Chefstratege von Donald Trump. Seit seinem Abgang aus dem Weissen Haus habe er «die Hände wieder an meinen Waffen», sagt er. Gemeint ist «Breitbart», Bannons rechtsnationale Website, die er seine «Killing Machine» nennt.

Diese Zitate fanden wir in einem lesenswerten Porträt über Bannon in der jüngsten Ausgabe der «Weltwoche». «Wahnsinnig» ist nicht der Ausdruck des Magazins; dafür ist ein bewundernder Begleitakkord, obwohl listig gedämpft, spürbar. Wenn einer aber das wahnsinnigste Drama Shakespeares («Titus Andronicus») im «Star Wars»-Milieu noch steigern will, als Film, dann flackert’s gewiss am gekrümmten Horizont, auch wenn der Mann sonst an der rechten Kante ohne einmal zu schwanken geradeaus stürmt.

Nun trägt Stephen Bannon offenbar überallhin ein Buch: «On China», geschrieben vom früheren US-Aussenminister Henry Kissinger. Dessen Analyse zu den Chinesen teile er voll und ganz, sagt Bannon; bei der Lösung des Problems hingegen seien sie sich uneinig. Die historische Haltung der Chinesen gegenüber Handelspartnern sei «ausbeuterisch und potenziell ruinös». Peking sei für Washington «zur grössten wirtschaftlichen Bedrohung» geworden. Anders als Kissinger, der zu einem Geduldskampf rät, glaubt Bannon, man müsse China bereits jetzt entgegentreten. Schliesslich stünden die Chinesen längst im Handelskrieg mit Amerika: «Aber wir schlagen nicht zurück.» Die NZZ, ebenfalls auf Mission, eine «nicht vorbereitete» westliche Welt zu warnen, kommentierte gestern, mit Blick auf den Parteitag in Peking: «Es wird höchste Zeit, Grenzen zu definieren.»

Verschlafen wir gerade den Krieg? Dreht sich unhörbar die Achse der Weltherrschaft – von den USA zu den Chinesen? Der Zugriff zu Rohstoffen ist gesichert (Afrika), die Weltfabrik erstellt (China), der Transport aller Ware gesichert (Bahnen, Reederei, Häfen, neue Seidenstrasse). Mittendrin wachen wir naiv gerade auf, da alles –  Eiffelturm, SBB und Swiss, Starbucks, Ems-Chemie und Swatch, Real Madrid und HC Olten – plötzlich chinesisch ist? Sogar der Spatz pfeift kryptisch von den Dächern. Gleich greifen wir zum Handy, um auf Facebook den «Missfällt mir»-Button zu drücken. Da winkt ein Zensur-Smiley, das Internet sei flächendeckend geblockt: Erst Onkel Xi Jinping fragen, dann allenfalls noch husten.

Gesetzt, dieser Bannon’sche Horrorfilm läuft jetzt ab und der «Krieg» mit China wäre längst im Gang: Dann gäbe es gewiss auch eine «Front», wo er aktuell toben würde. Bei einem Wirtschaftskrieg dürfte das eine Front sein, über den halben Erdkreis erstreckt, wo nicht zuletzt Anwälte ihren Vielflieger-Dienst verrichten. Wir sprachen gestern mit Max Spencer, Schweizer Anwalt mit Kanzlei an bester Adresse in Lissabon, seit Jahren erfahren mit chinesischen Investments in Europa. «Hat der Wahnsinnige recht, Mister Spencer: Stehen die Chinesen mit uns im Krieg?»

«Zuerst einmal darf man vermuten», sagt Spencer, «dass Chinesen, nicht erst seit heute, strategisch um einiges intelligenter sind als Amerikaner. Auch nicht erst seit heute, seit Jahrhunderten schon, ging China weltweit nie in die imperialistische Militäroffensive, selbst wenn das Arsenal vorhanden war, etwa zur See.» Wo man jetzt gerade aufrüstete mit einem neuen Flugzeugträger? Spencer lächelt: «Ein Secondhand-Kauf, dreissig Jahre alt, gebaut noch von den Sowjets. Nein, Chinesen hassen jede Konfrontation und suchen sie tunlichst zu vermeiden, auf allen Ebenen. Wichtiger als militärisches Muskelspiel ist China das perfekte Wirtschafts-Schach. Das ist Machtsinn fürs dritte Jahrtausend, nicht Säbelrasseln. Da hat man nicht zuletzt die Facebook-Generation im Auge. Effiziente Power – dieser Maxime unterstellt China jeden Zug. Der Vorteil dabei: Eine geeinigte Elite dank bindender Parteidoktrin gibt dem Gros einen Sinn vor für gemeinsame Ziele.»

Sind wir also bereits matt gestellt und ahnen nichts? «Der Westen», sagt Spencer, «lullte sich zu lange ein im Irrtum, die Chinesen seien für immer und ewig Fabriksklaven. China berücksichtigt die öffentliche Meinung sehr – anderswo, nicht intern, da gibt’s nur eine Meinung. Man weiss, wie günstig die Gelegenheit ist, sich als Good Guy zu präsentieren, besonders in der Dritten Welt.» Selbst die Davos-Men, Bannons am meisten verachtete Clique, fanden am WEF Jinpings Lächeln, wie jedes chinesische Lächeln sonst stets als «unergründlich» bezeichnet, plötzlich herzerwärmend. «Präsident Trump», fährt Spencer fort, «hilft diesem Image-Game der Chinesen direkt, wiewohl ungewollt. So will China auch schleunig das Image vom Öko-Schmutzfink ablegen. Man investiert massiv in saubere Energie. Doch auch hier hätscheln wir lieber Vorurteile, statt uns zu sputen im Markt.»

Kann man «die gelbe Gefahr» also nicht mehr stoppen? «Mit viel Geld», sagt Spencer, «können Sie alles stoppen. Natürlich können Sie zur Verteidigung des Westens auch die globale Wirtschaft zerstören.»

max.dohner@azmedien.ch