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Hakenkreuzfahnen und Massenflucht: Vor 80 Jahren wurde Paris besetzt

ARCHIV - Sylvie Zaidman, Historikerin und Direktorin des neuen «Musée de la Libération de Paris» im damaligen Hauptquartier von Henri Rol-Tanguy, Oberster des Pariser Aufstandes von 1944. Foto: Christian Böhmer/dpa

ARCHIV - Sylvie Zaidman, Historikerin und Direktorin des neuen «Musée de la Libération de Paris» im damaligen Hauptquartier von Henri Rol-Tanguy, Oberster des Pariser Aufstandes von 1944. Foto: Christian Böhmer/dpa

Die ersten Soldaten kamen morgens um halb sechs. Auf Motorrädern und Lastwagen erreichten sie die Porte de la Villette am nordöstlichen Stadtrand von Paris.

Auf den grossen Verkehrsachsen rückten die Deutschen in das Zentrum der Metropole vor. Drei Stunden später wurde auf dem Dach des Marineministeriums an der Place de la Concorde im Herzen von Paris die erste Hakenkreuzfahne gehisst. Andere Gebäude wie das Aussenministerium folgten. Um 10.00 Uhr war die Stadt komplett besetzt.

Einige Bewohner gingen am 14. Juni 1940 neugierig auf die Strasse, anderen schlugen erbost die Fensterläden zu. Viele Parisiens, wie die Hauptstädter in Frankreich heissen, waren geflohen, und die Stadt wirkte menschenleer. "Paris wurde zur offenen Stadt erklärt", notierte der Soldat Arnold Binder in sein Tagebuch. "Wir haben sie kampfllos besetzt. Das Herz Frankreichs in unseren Händen!"

Der Einmarsch läutete die Besatzung durch Nazi-Deutschland ein, die bis zum 25. August 1944 dauern sollte. Die Stadt der Lichter erlebte ihre "dunklen Jahre", wie diese Zeit häufig noch umschrieben wird. Frankreich galt als führende Militärmacht Europas - und wurde vor 80 Jahren innerhalb kurzer Zeit von der Wehrmacht überrannt.

Der "Blitzkrieg" führte zur schlimmsten Niederlage in der französischen Geschichte. Zehntausende Soldaten kamen bei Kämpfen ums Leben, etwa 1,8 Millonen Armeeangehörige kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Vor den anrückenden deutschen Truppen zog sich die französische Regierung über Tours in der Loire-Region nach Bordeaux zurück. Ein deutscher Offizier kam kurz nach dem Einmarsch in Paris zum Élyséepalast an der schicken Rue Faubourg St. Honoré. Er erkundigte sich, ob Präsident Albert Lebrun da sei. "Er hat nicht auf Sie gewartet", antwortete der Hausmeister lapidar. "Wo ist er?", fragte der Offizier. "Er ist losgefahren, ohne eine Adresse zu hinterlassen."

Die neuen Herren der Stadt besetzten viele Gebäude und Hotelpaläste. Das "Meurice" an der schnurgeraden Rue de Rivoli gibt es immer noch, ebenso wie "Lutetia" am linken Seine-Ufer, das damals zum Sitz der Abwehr und Gegenspionage wurde.

Es tauchten Wegweiser in Deutsch auf, die kaum ein Einheimischer verstand: Heereskraftfahr-Park, Waffenwerkstatt, OKW-Reifenlager. Und es wurde die so sogenannte Berliner Zeit eingeführt, die der französischen eine Stunde voraus war.

Viele Pariser gerieten in den dramatischen Tagen des Frühjahrs 1940 in Panik. Frauen, Kinder, Männer flüchteten mit Fahrrädern, Autos, Schubkarren und ihren Habseligkeiten. Die Kapitale war zwar auf mögliche Bombardierungen vorbereitet. "Die Möglichkeit einer Invasion wurde jedoch nie erwogen", erzählt Sylvie Zaidman, Direktorin des "Musée de la Libération de Paris".

Unter den geschätzt acht Millionen Menschen, die damals auf den Strassen des Landes unterwegs waren, seien allein zwei Millionen Hauptstadtbewohner gewesen, fährt Zaidman fort. "Das ist enorm". Sie hat dem "Exodus", wie sie diese beispiellose Massenflucht nennt, eine Ausstellung gewidmet.

"Das ist kein nettes Thema, das ist eine schlechte Erfahrung", sagte die Historikerin der Deutschen Presse-Agentur. In Frankreich werde bis heute nicht viel darüber gesprochen. "Das war eine wirkliche nationale Demütigung. Es war ein Chaos. Und es haben sich andere Erinnerungen darübergelegt - die Erfahrung der Besatzung, der "Résistance" oder der Befreiung."

Diktator Adolf Hitler liess es sich nicht nehmen, seine Beute in Augenschein zu nehmen. Innerhalb weniger Stunden besichtigte er die menschenleere Metropole an der Seine im Schnelldurchgang: Oper, Champs-Élysées, Triumphbogen, Trocadéro-Platz oder das Grab Napoleons.

Über das Datum der Visite gibt es bis heute Debatten: Der Bildhauer Arno Breker, der damals dabei war, datiert sie auf den 23. Juni. Andere Quellen nennen den 15., 16. oder 28. Juni.

Zaidman unterstreicht die enormen politischen Folgen der chaotischen Juni-Tage: "Massenflucht, das allgemeine Durcheinander und der deutsche Einmarsch führten dazu, dass Marschall Pétain an die Macht kam", bilanziert sie.

Viele Menschen hätten damals das Gefühl gehabt, mit dem "Helden von Verdun" wieder zu einem System der Ordnung zurückzukehren. Philippe Pétain (1856 bis 1951) beendete den Krieg mit der Annahme der Waffenstillstandsbedingungen. Er stieg dann zum Chef des Vichy-Regimes auf, das mit den Nazis kollaborierte.

Erst im Frühjahr konnten sich Menschen in das Ambiente der Besatzungszeit zurückversetzen: Im Stadtteil Montmartre lag wegen der Corona-Krise wochenlang ein Filmset brach und war frei zugänglich. An Hausfassaden waren Propagandaplakate zu sehen. Passanten wunderten sich insbesondere über eine zweisprachige Bekanntmachung auf Deutsch und Französisch über eine nächtliche Ausgangssperre.

Während der Corona-Pandemie und der Ausgangsbeschränkungen wirkte die Hauptstadt wieder wie ausgestorben, auf den Champs-Élysées waren nur wenige Autos unterwegs. Viele Bewohner verliessen die Stadt, um die schwierige Zeit auf dem Land zu verleben. "Die Bilder sind trügerisch", warnt Museumschefin Zaidman. "Wir sind in einer anderen Zeit, mit einer anderen Problematik."

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