Deutschland

Grüne Politikerin will, dass Dealer in Berlins Stadtparks bleiben dürfen – doch die Gewalt nimmt zu

Dealer und Polizisten geraten im Görlitzer Park täglich aneinander.

Dealer und Polizisten geraten im Görlitzer Park täglich aneinander.

Die Delikte im Görlitzer Park steigen rasant an. Doch mehr Polizei ist nicht die Lösung, finden Anwohner. Eine Reportage aus Berlins Drogen-Hotspot.

Wiener Strasse, Bezirk Kreuzberg: Ein schmaler Fussweg führt von dieser Nebenstrasse in den Görlitzer Park. Die 14 Hektaren grosse Grünfläche mitten im Berliner Szenenviertel ist eines der grössten Naherholungsgebiete der deutschen Hauptstadt. Es hat Spielplätze, einen ausrangierten Bahnhof, auf dessen Rampe im Sommer Bier ausgeschenkt wird und reges Treiben herrscht. An diesem späten Dienstagnachmittag Anfang Januar ist der «Görli» aber ziemlich leer. Das liegt an der Kälte. Am Parkeingang steht ein halbes Dutzend Männer zwischen 20 und 35 aus afrikanischen Ländern. Sie sprechen die wenigen Passanten an, die den Park betreten. «Haschisch? Kokain? Speed? Extasy?»

Der Görlitzer Park ist einer der Brennpunkte der Kriminalität in der Hauptstadt. In der Grünanlage gehen die Dealer seit Jahren ihrem Geschäft nach, nicht selten kommt es unter den Drogenverkäufern zu körperlichen Auseinandersetzungen.

Grüne Politikerin will, dass die Dealer bleiben

Eine diese Woche veröffentlichte Statistik zeigt, dass Gewalt- und Drogendelikte im Görlitzer Park im letzten Jahr markant zugenommen haben. Obschon die Berliner Polizei im «Görli» deutlich mehr Präsenz zeigt. Nun will der Berliner Senat die Zahl patrouillierender Polizisten drastisch erhöhen. Doch ein klares Konzept scheint zu fehlen: Die Dealer lassen sich von der Polizei kaum einschüchtern.

Zudem gibt es Stimmen, die sich für den Verbleib der Dealer im Park stark machen. Die Dealer gehören zum Park, sagt die Grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann: «Keine Gruppe soll ausgeschlossen werden.»

«Die Polizei macht Jagd auf diese Menschen»

Ganz anders sehen das jene besorgten Park-Anwohner, die sich immer wieder in den Medien über die Dealer im «Görli» beklagen. An diesem Dienstag halten sich negative Stimmen gegenüber den Dealern aber in Grenzen – Kritik erntet vor allem die Polizei. «Die Dealer sind freundlich, ich hatte noch nie ein Problem mit ihnen», sagt Irene, 40, seit 19 Jahren Anwohnerin der Parks. Sie ist mit ihrer vierjährigen Tochter im Park unterwegs.

«Was ich absurd finde ist der Umgang der Polizei mit den Dealern. Sie machen regelrecht Jagd auf diese Menschen», sagt die Anwohnerin und fügt hinzu: «Man sollte die Drogen legalisieren. Dann wäre das Problem gelöst.»

Etwas kritischer sieht das die 29-jährige Ulrike, die mit ihrer kleinen Tochter im «Görli» unterwegs ist. Als sie noch keinen Kinderwagen vor sich hergeschoben habe, sei sie im Park öfter von Männergruppen angemacht worden. «Aber da muss man weghören, wenn dich fünf Typen anquatschen. Einfach weitergehen», sagt die gebürtige Hamburgerin. Angst habe sie im Park tagsüber keine. «Alleine in der Dunkelheit würde ich mich hier allerdings nicht wohl fühlen.»

An diesem Dienstagnachmittag halten sich dutzende von Männern vor allem aus afrikanischen Staaten im Park auf. Sie stehen im gesamten Park in Gruppen umher. Es ist offenkundig, dass sie mit Drogen handeln. Hinter einem Gebüsch wird gerade ein Geschäft zwischen einem etwa 25 Jahre alten Mann und einem Dealer abgeschlossen. Die Szenerie ist absurd.

Permanent fährt die Polizei mit einem Einsatzwagen durch den Park, auch zu Fuss sind die Beamten unterwegs. Kaum taucht der Streifenwagen auf, verziehen sich die Dealer in eine andere Ecke des Parks – kaum ist der Wagen hinter einer Kurve verschwunden, stehen die Männer wieder an Ort und Stelle, um ihre Geschäfte zu tätigen. Ein Katz-und-Maus-Spiel.

Dealer verkaufen vermehrt in Hauseingängen

Djula ist 38 Jahre alt und stammt aus Gambia. Der ausgebildete Lehrer spricht fünf afrikanische Dialekte, dazu Englisch, Italienisch und einige Brocken Deutsch. Djula arbeitet freiwillig für ein lokales Projekt, das sich um die Menschen im Görli kümmert. Er hält nichts von der Forderung, die Drogen zu legalisieren. «Dann gelangen die jungen Leute zu leicht an den Stoff. Das ist gefährlich.»

Djula ist bei den Dealern akzeptiert, er schlichtet bei Streit zwischen verschiedenen Gruppierungen und achtet vor allem darauf, an wen die Drogen verkauft werden. «Wenn ich sehe, dass an Jugendliche oder Schwangere verkauft wird, schreite ich ein.»

Verstärkte Polizeipräsenz sei für das Sicherheitsgefühl der Anwohner hilfreich, das Problem mit dem Drogenhandel könne dadurch aber kaum gelöst werden. «Die Dealer verrichten ihre Geschäfte vermehrt auf Strassen und in Hauseingängen. Das ist für die Anwohner störend, zudem verlieren wir den Überblick über die Dealer und den Handel. Es ist besser zu wissen, wo die Geschäfte abgewickelt werden», sagt der Mann aus Gambia.

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