Die Teilnehmer, erklärte der Papst im Hinblick auf das Treffen, sollen nach ihrer Rückkehr «die anzuwendenden Gesetze kennen sowie die notwendigen Schritte unternehmen, um Missbrauch zu verhindern, sich um die Opfer kümmern und sicherstellen, dass kein Fall vertuscht oder begraben wird». Mit anderen Worten: Die Konferenz soll zu einer Art Befreiungsschlag werden.

Zu dem Treffen, das von heute bis Sonntag stattfinden wird, hat Papst Franziskus die Vorsitzenden der weltweit 114 Bischofskonferenzen, weibliche und männliche Ordensobere, Vertreter katholischer Ostkirchen sowie die Spitzen der Römer Kurie und Experten eingeladen. Zu Beginn des Treffens und bei den täglichen Abendgebeten werden auch Missbrauchsopfer anwesend sein. Hans Zollner, Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, formulierte es in der Wochenzeitung «Die Zeit» folgendermassen: «Nun muss es endlich eine vollständige Aufarbeitung des Unrechts und eine Wiedergutmachung für die Betroffenen geben.»

Die Spitze des Eisbergs

Das ist ein hehres und gleichzeitig ein sehr ehrgeiziges Ziel. Denn Missbrauch wird in der Kirche zum Teil nach wie vor tabuisiert. Und es gibt erhebliche geografische und kulturelle Unterschiede: Während in den meisten angelsächsischen Ländern sowie in Mittel- und Nordeuropa die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale relativ weit fortgeschritten ist, hat sie in Afrika, in Asien, aber beispielsweise auch in Italien oder Polen noch kaum begonnen.

Nach den Zehntausenden von Fällen, die bisher bekannt geworden sind, dürften unzählige weitere erst noch ans Tageslicht kommen. Mit Blick auf die Zukunft sollen bei dem Treffen in Rom deshalb auch einheitliche Standards zur Förderung der Transparenz der Verfahren sowie die allgemeine Rechenschaftspflicht für Bischöfe diskutiert werden.

Bei dem Treffen in Rom geht es aber nicht nur um die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche – sondern auch um die ihres Oberhaupts. Im vergangenen Sommer hatte der ehemalige Botschafter des Vatikans in den USA, der italienische Erzbischof Carlo Maria Vigano, gegen den Papst schwerwiegende Vorwürfe erhoben: Auch Franziskus habe von den Missbrauchsvorwürfen gegen Theodore McCarrick gewusst und diese gedeckt. Er, Vigano, habe Franziskus schon im Juni 2013, also kurz nach dessen Wahl zum Papst, in einer Privataudienz über die Vorwürfe gegen McCarrick in Kenntnis gesetzt. Doch der neue Pontifex habe nicht nur nichts unternommen, sondern die bereits von seinem Vorgänger Benedikt XVI. gegen McCarrick verhängten Sanktionen wieder aufgehoben.

Ist also Franziskus, der gleich nach seinem Amtsantritt die «Nulltoleranz»-Politik seines Vorgängers bestätigt hatte, selbst ein Vertuscher? Franziskus mochte die Vorwürfe Viganos nicht kommentieren: «Ich denke, das Schreiben spricht für sich», erklärte der Papst im vergangenen Sommer.

Die Behauptungen Viganos sind in der Tat mit Vorsicht zu geniessen: Der Ex-Nuntius ist ein Vertrauter eines Kreises erzkonservativer US-Kleriker, die den Papst aus Argentinien wegen dessen vergleichsweise liberalen Ansichten in Sachen Homosexualität und wieder verheirateten Geschiedenen sowie wegen seines Einsatzes für die Armen und für Migranten am liebsten stürzen sehen würden.

Vorwürfe gegen den Papst

Bloss: Der Vorwurf gegen Franziskus, bei Missbrauchsvorwürfen weggeschaut zu haben, kommt nicht nur von den Traditionalisten. Dunkle Wolken brauen sich über dem Papst auch in seiner Heimat Argentinien zusammen. Missbrauchsopfer in seiner ehemaligen Erzdiözese Buenos Aires werfen dem heutigen Papst vor, ihre Klagen nicht ernstgenommen und sie auch nie empfangen zu haben. Im Fall des später wegen sexuellen Missbrauchs zu 15 Jahren Gefängnis verurteilten argentinischen Priesters Julio César Grassi wird dem damaligen Erzbischof Jorge Maria Bergoglio sogar vorgeworfen, eine 2600 Seiten umfassende Studie zur Entlastung des pädophilen Paters in Auftrag gegeben zu haben.

Laut Moderator Lombardi wird der Papst erst am Ende der Konferenz das Wort ergreifen. Ob er bei dieser Gelegenheit auch auf die ihn selber betreffenden Vorwürfe eingehen wird, bleibt abzuwarten. Ein klärendes Wort zu den Vorwürfen, die ihn selber betreffen, könnte jedoch viel zum Gelingen und zur Glaubwürdigkeit der Missbrauchskonferenz beitragen. Und zu seiner eigenen.