14. Juli-Feiertag

Frankreich, wo Nationalstolz rot ist und die Linken Militärparaden lieben

Jedes Jahr am "Quatorze Juillet" marschieren die Soldaten über die Champs Elysée in Paris.

Jedes Jahr am "Quatorze Juillet" marschieren die Soldaten über die Champs Elysée in Paris.

Am Sonntag feiert Frankreich seinen Nationalfeiertag mit einer waffenklirrenden Truppenparade. Eine Angelegenheit für rechte Patrioten? Weit gefehlt. In Paris gehören die nationalen Symbole der Republik – und die ist rot wie die Revolution.

Donald Trump war natürlich begeistert. Vor zwei Jahren, am 14. Juli 2017, nahm der US-Präsident auf Einladung seines Amtskollegen Emmanuel Macron an der Militärparade des französischen «Quatorze Juillet» teil.

Er mochte das farbenprächtige Defilee über die Pariser Champs-Élysées so sehr, dass er am Unabhängigkeitstag der USA, dem 4. Juli, seine eigene Militärschau in Auftrag gab.

Und natürlich reagierte die US-demokratische Opposition überaus kritisch, zumal sich Wiederwahlkandidat Trump selbst gebührend inszenierte, als am vergangenen 4. Juli dann tatsächlich amerikanische Kampfjets über Washington kreisten.

Dass die SPD oder die Grünen in Berlin zum Tag der Deutschen Einheit eine Machtdemonstration nationalen Selbstwertgefühls in Form einer Militärparade verlangen würden – schlicht unvorstellbar.

Die Patrouille de France über die Champs Elysées in Paris am 14. Juli.

Die Patrouille de France über die Champs Elysées in Paris am 14. Juli.

In der Grande Nation aber findet die Linke solche Inszenierungen normal. Für sie gehört die Truppenparade zum Nationalfeiertag wie der Camembert zu Frankreich. Als der Präsident Valéry Giscard d’Estaing mit dem Ort des «défilé militaire» experimentierte – 1974 und 1979 fand es zwischen Bastille und République statt –, korrigierte ein Sozialist diesen Stilfehler: Präsident François Mitterrand liess Elitesoldaten, Genietruppen und Fremdenlegionäre wieder in ihren Gala-Uniformen über die Prachtavenue der Champs-Élysées defilieren, comme il faut!

Linke fordern Nationalhymnen-Unterricht in der Schule

Gerade die französische Linke versteht mit den republikanischen Symbolen keinen Spass. Der tiefere Grund dafür liegt, wie fast alles in Frankreich, in der Geschichte. Genau gesagt im glorreichen Jahr 1789. «Der Patriotismus im engeren Sinn ist in der grossen Revolution entstanden», meint der Politologe Alain Duhamel. «Und die war nun einmal links.»

Die revolutionären Sansculotten mussten sich damals doppelt wehren: in Frankreich gegen das Ancien Régime und im Ausland gegen die konservativen Monarchien. 1793 riefen junge Ultrarepublikaner wie Danton, Carnot oder Hoche zur «levée en masse», zur Massenmobilisierung, auf. Damit wollten sie die Gefahr der Gegenrevolution von der Nation abwenden und im Gegenteil die neuen Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in die Welt tragen.

Nach der Niederlage von Napoleon III. gegen die Preussen im Jahr 1870 errichtete die Linke die Dritte Republik, um die Nation zu retten. Es war ein «roter», laizistischer und antireaktionärer Republikaner, Präsident Jules Grévy, der am 14. Juli 1880, dem Tag des Bastille-Sturms, erstmals eine Truppenparade über die Champs-Élysées organisierte. Er wollte der Welt und namentlich Deutschland zeigen, dass Frankreich wieder eine Armee hatte.

Kritik kam erst mit den 68ern

Politologe Alain Duhamel sagt dazu: «Während des ganzen 19. Jahrhunderts war der französische Patriotismus links.» Bis tief ins 20. Jahrhundert galten die Linken als die besseren Vaterlandsverteidiger. Im Ersten Weltkrieg wurde Frankreich von Georges Clémenceau geführt, der gegen die Kirche, die Rechte, die Antisemiten und die Kolonien antrat und 1918 als «Père de la Victoire» (Vater des Sieges) gefeiert wurde. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte die Résistance unter Führung von Kommunisten und Gaullisten für das republikanische Ideal, während es das faschistoide Pétain-Regime in Vichy mit Füssen trat.

Infrage gestellt wurde der militante, bisweilen militaristische Patriotismus der Linken erst durch den gesamteuropäischen Pazifismus vom Mai 1968. Seither halten sich namentlich Grüne über den «Chauvinismus» des Quatorze Juillet auf. Einzelne Progressive und Pazifisten verlangen eine Änderung der Nationalhymne oder zumindest ihrer martialischen Passagen («Unreines Blut tränke unsere Furchen»).

Aber das ist ein Randphänomen. Die Mehrheit der Franzosen sieht in der 1792 von Claude Joseph Rouget de Lisle komponierten Marseillaise nach wie vor eine würdige Hymne.

Würde man unter den Teilnehmern der Truppenparade auf den Champs-Élysées eine Publikumsumfrage starten, dürfte man sich nicht wundern, wenn die Hälfte der Zaungäste stolz erklären würde, sie wählten links.

Am Ende ihrer Wahlveranstaltungen singen die Sozialisten die Marseillaise so inbrünstig wie die Konservativen. Ihre frühere Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal trat vor Jahren als erste dafür ein, dass die Schüler bis in die Banlieue-Viertel die Nationalhymne auswendig lernen und vor dem Quatorze Juillet klassenweise singen sollen. Auf Weisung von Präsident Emmanuel Macron wurde dies im Juni für den neuen zivilen «Universaldienst» in die Tat umgesetzt: Bei der Tagwache nach dem Hahnenschrei stimmen die 16-jährigen Absolventen die Marseillaise an.

Nach den «Charlie Hebdo»- und Bataclan-Attentaten von 2015 war es der sozialistische Präsident François Hollande, der wörtlich die «französische Seele» beschwor. Den an sich nationalistischen Begriff hatten linke Republikaner Ende des 19. Jahrhunderts geprägt. Konservative Politiker oder Rechtspopulisten würden dafür heute kritisiert – aber aus dem Mund eines überzeugten Anhängers der Republik klingt der Ausdruck so gefühlt wie der flammende Patriotismus der Sansculotten vor 230 Jahren.

Trump hat die französische Parade missverstanden

Und wenn Sozialisten und Kommunisten in einem Gemeinderat «Allons enfants de la patrie» anstimmen, um die Rechtsextremen zu übertönen, bleibt kein Auge trocken. In dem an der Loire gelegenen Dorf Sury-Près-Léré annullierte der fortschrittliche Bürgermeister vor zwei Jahren von sich aus das «republikanische Bankett» des Nationalfeiertags – weil die 700 Einwohner bei den Präsidentschaftswahlen mehrheitlich für Marine Le Pen gestimmt hatten. Der Dorfvorsteher befand seine Bürger für unwürdig, die Errungenschaften des Quatorze Juillet zu begehen. Seine Einwohner hatten in seinen Augen mit ihrer Wählerstimme die Republik «beschmutzt».

US-Präsident Trump und Frankreichs Präsident Macron in Paris

US-Präsident Trump und Frankreichs Präsident Macron in Paris

Das heisst indessen nicht, dass der Quatorze Juillet eine todernste Angelegenheit wäre. Schon am Vortag wird landauf, landab kräftig gefeiert. Die Feuerwehrleute öffnen ihre Depots am Abend des 13. Juli zu den traditionellen «bals des pompiers», den Feuerwehrbällen. Dort tanzt das Volk bis in die frühen Morgenstunden.

Nach der Marschmusik an der Truppenparade folgt abends in allen grösseren Orten des Landes ein Feuerwerk zu Ehren und zum Ruhm der Republik. All diese Feiern und Rituale erinnern nicht zuletzt an den ersten Geburtstag des Bastille-Sturms, der 1790 mit einer riesigen «Fête de la Fédération» begangen wurde. Sogar das Königspaar musste an dem Föderationsfest mitfeiern.

Das republikanische Ideal ist ebenso «eins und unteilbar», wie es Frankreich selber laut Verfassungstext ist. Deshalb halten die französischen Staatspräsidenten – anders als ihr amerikanisches Pendant vor zehn Tagen in Washington – auch keine hehre Ansprache am 14. Juli.

«Kritische» Redner, wie man sie in der Schweiz am 1. August hört, braucht die Französische Republik ebenso wenig: Die revolutionär-universelle Mission, die der Menschheit die hehren Werte der Liberté, Égalité und Fraternité beschert hat, steht weit über jedem politischen Argument, über jeder persönlichen Interpretation. Und stamme sie vom hohen Staatschef. Auch das hatte der amerikanische Präsident nicht erfasst, als er sich am 14. Juli 2017 in Paris inspirieren liess. Abgesehen von Düsengedröhne und Feuerwerk hat der Quatorze Juillet wirklich nichts gemein mit Donald Trump.

Meistgesehen

Artboard 1