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Frankreich will künstliche Befruchtung für lesbische und alleinstehende Frauen ermöglichen

Blick in die Abteilung für Reproduktionsmedizin im Berner Universitätsspital.

Blick in die Abteilung für Reproduktionsmedizin im Berner Universitätsspital.

Vater nicht mehr nötig: In Frankreich soll die künstliche Befruchtung für lesbische und alleinstehende Frauen zugelassen werden. Eine Vorreiter-Debatte für die Schweiz?

Erstmals seit der Einführung der Homo-Ehe im Jahr 2013 steht in Frankreich wieder eine wegweisende und hoch umstrittene Gesellschaftsreform an. In Umsetzung eines Wahlversprechens will es Präsident Emmanuel Macron gleichgeschlechtlichen und alleinstehenden Frauen erlauben, eigene Kinder zu haben. Diese Neuerung ist der zentrale Punkt des neuen Bioethikgesetzes, über das die französische Nationalversammlung ab Dienstag beraten wird.

Die Meinungen dazu sind in Frankreich scharf geteilt. Der nationale Ethikrat CCNE billigt die neue Regelung, die der gesellschaftlichen Entwicklung entspreche. Zumal sie in der Lage sei, «das Leiden» von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch zu beheben.

Die Gegner vermissen jeden Verweis auf die väterliche Funktion. Die Nationale Akademie der Ärzte erklärte am Wochenende, die «vorsätzliche Zeugung eines Kindes ohne Vaters» berge Risiken für die «psychologische Entwicklung und die Entfaltung» des Kindes. Die bisherigen Studien zu dieser Frage seien «methodologisch wenig überzeugend».

Recht auf Identität des Samenspenders

Gesundheitsministerin Agnès Buzyn wendete umgehend ein, die väterliche Rolle könne in der heutigen Gesellschaft offensichtlich auch von der Mutter übernommen werden: Jede vierte Familie werde in Frankreich aus einer alleinerziehenden Mutter gebildet, meinte die liberale Ärztin, die Macron nahesteht. «Man sage nicht, all die Kinder in einer solchen Lage hätten Entwicklungsprobleme!»

In der Geburtsurkunde von Kindern lesbischer Eltern ist der Eintrag «Mutter» und «Mutter» vorgesehen. Das folgt laut Buzyn der gleichen Logik, wenn sterile Hetero-Paaren zur künstlichen Befruchtung greifen: Der Samenspender taucht in der Urkunde nicht auf.

Allerdings sieht die Regierung eine Neuerung vor, die über gleichgeschlechtliche oder alleinstehende Frauen hinausgeht: Im Zuge der neusten Debatte sollen sämtliche Kinder von Samenspendern das Recht erhalten, bei seiner Volljährigkeit die Identität - eventuell nicht aber die Wohnadresse - seines biologischen Erzeugers zu kennen. Die Folgen könnten sehr weitreichend sein.

Werden schwule Männer benachteiligt?

Generell offenbart das neue Gesetz die Schwierigkeit, der in Frankreich stets vorrangigen Forderung nach Gleichbehandlung nachzukommen. Werden schwule gegenüber lesbischen Paare benachteiligt? Dagegen stehen natürlich biologische Gründe, da ein Mann kein Kind austragen kann. Konservative Kreise befürchten aber, dass die Neuerung bald auch zur Zulassung der Leihmutterschaft führen werde, um den Kinderwunsch schwuler Männer zu erfüllen.

Macron hatte die Leihmutterschaft im Präsidentschaftswahlkampf explizit ausgeschlossen, und das neue Gesetz sieht in der Tat keine neue Möglichkeit vor, einen Fötus durch eine Leihmutter - und sei es im Ausland - austragen zu lassen. Die Forderung nach Gleichstellung von lesbischen und schwulen Paaren bleibt aber im Raum stehen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade die konservativen Gegner der Homo-Ehe von 2013 zu bedenken geben, schwule Paare müssten sich gegenüber Frauen benachteiligt fühlen.

Die Zulassung der künstlichen Befruchtung für einen neuen Kreis von Frauen wirft weitere überaus komplexe Fragen auf. Dazu gehört die Frage der Prä-Implantations-Diagnostik (PID), die heute schon für heterosexuelle Paare mit Genkrankheiten in der Familie möglich ist. Buzyn ist indes dagegen, diese Möglichkeit auch alleinstehenden Frauen zuzubilligen. Das würde «eugenischen Missbräuchen» Tür und Tor öffnen, indem sie eine «Vorausscheidung» ermöglichten, meint die Ministerin.

Wie auch immer diese Detailfragen geklärt werden: Die Macron-Partei «La République en Marche» und die Linke sind fast geschlossen für die Zulassung der künstlichen Befruchtung für lesbische und alleinstehende Frauen. Das Gesetz dürfte deshalb in der Nationalversammlung eine klare Mehrheit erhalten.

Die Republikaner sind vehement dagegen, aber im Parlament in der Minderheit. Am 6. Oktober wollen mehrere Dutzend konservative Verbände in Paris gegen die Neuerung auf die Strasse gehen. Mit einem Massenauflauf wie gegen die Homo-Ehe 2013 ist aber nicht unbedingt zu rechnen. Die Bischofskonferenz lehnt das Gesetz zwar ebenfalls ab, ruft aber nicht zur Mobilisierung dagegen auf.

Widersprüchliche Umfragen

In Umfragen spricht sich eine Mehrheit von 68 Prozent der Franzosen für die Gesetzesreform aus. Die Gegner führen indes eine eigene Umfrage an, in der 82 Prozent der Franzosen befanden, mit künstlicher Befruchtung geborene Kinder müssten «einen Vater und eine Mutter haben». Daraus lässt sich vor allem ableiten, wie unterschiedlich die Antworten in einer Meinungserhebung je nach Fragestellung ausfallen, wenn es um so komplexe Themen wie die «PMA» (Abkürzung der künstlichen Befruchtung auf Französisch) geht.

Für die Schweiz ist die französische Debatte von erhöhtem Interesse: Die Rechtskommission des Nationalrates hat soeben - und sehr knapp mit 13 zu 12 Stimmen - eigene Vorschläge gemacht. Unter anderem ist die künstliche Befruchtung für lesbische Paare vorgesehen, nicht aber wie in Frankreich auch für alleinstehende Frauen.

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