Insel Lesbos

Feuerhölle Moria: Haben Griechen den Brand gelegt? Oder gar die Flüchtlinge selbst?

Ein Feuer wütet seit Mittwochnacht im grössten Flüchtlingslager Europas. 13'000 Menschen mussten das Lager Moria verlassen.

Ein Feuer wütet seit Mittwochnacht im grössten Flüchtlingslager Europas. 13'000 Menschen mussten das Lager Moria verlassen.

Ein Feuersturm fegt durch das grösste Flüchtlingslager Europas auf der griechischen Insel Lesbos. Die Regierung ruft den Notstand aus. Völlig unklar ist, was aus den fast 13’000 Bewohnern des Camps werden soll.

Die Zeitbombe tickte seit langem. «Jetzt ist die Situation regelrecht explodiert», sagt Stratos Kytelis, der Bürgermeister von Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos. Unweit der Stadt liegt Moria, das größte und zugleich verwahrloseste Flüchtlingslager Europas. Die «Hölle» nennen Bewohner das fünffach überbelegte Camp. Mit dem Feuersturm, der in der Nacht zum Mittwoch das Lager verwüstete, bekommt dieses Wort eine neue, schreckliche Bedeutung.

Augenzeugen berichten, dass kurz vor Mitternacht im Umkreis des Lagers Flammen aufloderten. Die Rede ist von bis zu einem Dutzend kleinen Brandherden. Das bestätigten inzwischen auch die Ermittlungen der Feuerwehr. Starke Nordwinde fachten die Flammen an. Bereits nach kurzer Zeit griffen die Brände auf die Zelte und Wohncontainer des Lagers über. Die rund Lagerbewohner, darunter viele Familien mit Kindern, flohen vor den Flammen in die umliegenden Wälder und Hügel.

Erst am Morgen gelang es der Feuerwehr, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Große Teile des Lagers sind zerstört. Ob Menschen verletzt oder getötet wurden, ist noch unklar.

Feuerwehr wird von Migranten mit Steinen beworfen

Alles deutet auf Brandstiftung hin. Anders ist nicht zu erklären, dass an so vielen Stellen gleichzeitig Feuer ausbrachen. Wer dahinter steckt, ist noch unklar. Einige Migranten äußerten den Verdacht, Inselbewohner, die seit langem die Auflösung des Lagers fordern, hätten die Brände gelegt. Denkbar ist aber auch, dass Lagerbewohner selbst die Brände legten. Schon bei früheren Protesten hatten Migranten Wohncontainer in Brand gesteckt. Für diese Version spricht auch, dass die Feuerwehrleute bei den Löscharbeiten von Migranten massiv mit Steinwürfen behindert wurden. Manche riefen triumphierend:

Dem Brand waren schon am Dienstagabend Unruhen im Lager vorausgegangen. Auslöser war die Corona-Epidemie. Vor einer Woche wurde erstmals ein Lagerbewohner positiv auf das Virus getestet. Die Regierung verhängte daraufhin eine Quarantäne über das Lager und begann mit Tests. Am Dienstag wurde bekannt, dass sich weitere 35 Migranten mit dem Virus infiziert hatten. Sie, ihre Familien und Kontaktpersonen sollten in eine Isolierstation ausserhalb des Lagers gebracht werden. Dagegen regte sich Widerstand. Derweil versuchten andere Lagerbewohner, das Camp zu verlassen, aus Angst, sie könnten sich dort anstecken.

Schwierige Aufgabe: Augenzeugen zufolge wurde die Feuerwehr bei ihrem Einsatz von Flüchtlingen mit Steinen beworfen.

Schwierige Aufgabe: Augenzeugen zufolge wurde die Feuerwehr bei ihrem Einsatz von Flüchtlingen mit Steinen beworfen.

Das Camp wurde im Rahmen des EU-Flüchtlingspakts mit der Türkei 2016 gebaut. Seinen Namen hat es von dem nahegelegenen Dorf Moria. Lesbos war damals das Hauptziel der Migranten, die von der etwa 15 Kilometer entfernten türkischen Küste ins EU-Land Griechenland zu gelangen versuchten. Moria war konzipiert als eines von fünf Erstaufnahmelagern. Weitere gibt es auf Chios, Leros, Kos und Samos.

Hunderte müssen sich einen Wasserhahn teilen – trotz Corona

In diesen sogenannten Hotspots sollen die ankommenden Geflüchteten registriert werden und auf ihre Asylbescheide warten. Abgelehnte Asylbewerber sollten in die Türkei zurückgeschickt werden. Die Behörden wurden jedoch schnell von dem großen Ansturm überfordert. Die Asylverfahren zogen sich immer weiter in die Länge, auch wegen vieler Einsprüche. Deswegen funktionieren auch die im Flüchtlingspakt vorgesehenen Rückführungen in die Türkei nicht. Moria hat Unterkünfte für 2757 Personen, zeitweilig lebten dort aber über 15'000 Menschen. Aktuell sind es nach offiziellen Angaben 12'589, darunter etwa 4000 Kinder.

Die «Schande Europas»: 13'000 Menschen lebten bis gestern im Flüchtlingslager Moria.

Die «Schande Europas»: 13'000 Menschen lebten bis gestern im Flüchtlingslager Moria.

Die Zustände im Lager sind katastrophal. Menschenrechtsorganisationen nennen Moria «die Schande Europas». Weil es in den Wohncontainern des eigentlichen Lagers längst keine Schlafplätze mehr gibt, hausen die meisten Menschen in Zelten und Unterschlägen, die sie sich aus Latten, Pappe und Plastikplanen in den umliegenden Olivenhainen gezimmert haben. Hunderte müssen sich einen Wasserhahn teilen, es gibt nur wenige Toiletten und Duschen. Ähnlich sieht es in den anderen Lagern aus. Das Camp Vathy auf der Insel Samos ist mit 4815 Bewohnern sogar mehr als siebenfach überbelegt. Insgesamt leben auf den fünf Insellagern nach offiziellen Angaben 27'123 Menschen – in Unterkünften, die für 10'334 Personen ausgelegt sind.

Europas grösstes Flüchtlingslager liegt in Trümmern

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Migranten sollen an Flucht in Stadt gehindert werden

Ein Grund für die Überfüllung liegt im Flüchtlingspakt. Er schreibt vor, dass die Migranten bis zum Abschluss der Asylverfahren auf den fünf Inseln festzuhalten sind. So soll verhindert werden, dass sie auf Schleichwegen in andere EU-Staaten gelangen. Auf den Inseln sind die Aufnahmemöglichkeiten begrenzt. Pläne der Regierung zum Bau weiterer Lager stossen auf erbitterten Widerstand der örtlichen Bevölkerung. Im Lager Vathy auf Samos lebten im vergangenen Jahr zeitweilig mehr Migranten als die gleichnamige Inselhauptstadt Einwohner hat. Seit Jahren fordert die griechische Regierung eine gerechtere Umverteilung der Migranten und der Asylverfahren in der EU. Dazu müsste die EU ihre Asylpolitik ändern. Diese Reformpläne kommen aber nicht voran. Einige osteuropäische Länder wollen überhaupt keine Migranten aufnehmen.

Wohin nur? Diese Fragen müssen sich die Flüchtlinge nach der Flucht aus ihrem Lager aufs Neue stellen.

Wohin nur? Diese Fragen müssen sich die Flüchtlinge nach der Flucht aus ihrem Lager aufs Neue stellen.

Die griechische Regierung hat am Mittwoch den Notstand über Lesbos verhängt. Mit einem Transportflugzeug der Luftstreitkräfte wurden am frühen Morgen zusätzliche Polizeikräfte auf die Insel geflogen. Sie sollen die aufgebrachten Lagerbewohner nun vor allem davon zurückhalten, in die Inselhauptstadt Mytilini zu marschieren. Dort fürchtet die Bevölkerung, dass die Migranten nun in der Stadt campieren werden – und dort das Coronavirus verbreiten.

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos steht in Flammen - Krisentreffen in Athen

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Im Laufe des Tages wollen die Behörden feststellen, wie viele der fast 13'000 Lagerbewohner durch das Feuer obdachlos geworden sind und ob Teile des Camps trotz des Brandes bewohnbar sind. Am Mittwochvormittag beriet Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis mit den zuständigen Ministern und dem Chef der Zivilschutzbehörde in einer Krisensitzung über die Lage. Das Ausmass der Zerstörung ist noch nicht abzusehen. Die Polizei hat das Lager weiträumig abgeriegelt. Der Fotoreporter Giorgos Moutadis berichtete telefonisch im Sender Mega TV:

Nach den bisher vorliegenden Berichten wurden die Büros der Lagerverwaltung und der Asylbehörde, aber auch die meisten Wohncontainer völlig zerstört. Es dürfte zunächst nichts anderes übrigbleiben, als die Obdachlosen in Zelten unterzubringen, wie sie etwa nach Erdbeben von der Zivilschutzorganisation aufgestellt werden. Das kann aber nur eine Übergangslösung sein. Noch ist es warm und sonnig auf Lesbos. Aber in wenigen Wochen werden auf hier die Herbstregen den nahenden Winter ankündigen.

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