Die «Grey Goose Farm» befindet sich auf einem lieblichen Flecken Erde, zwischen den Dörfern Olney und Laytonsville gelegen, in der grünen, hügeligen Agglomeration der Hauptstadt der USA. Selbst an einem verregneten Wintermorgen scheint Washington, das Zentrum der amerikanischen Macht, dessen Bewohner sich stets am Rande eines Nervenzusammenbruches befinden, weit entfernt.

Und dennoch lässt sich an der «Grey Goose Farm», einer Mischung aus Gärtnerei und Landschaftspark, trefflich illustrieren, warum das politische Klima in Washington derart vergiftet ist. Bis vor einigen wenigen Jahren gehörten der Betrieb und seine Umgebung nämlich zum 4. Kongressdistrikt («Congressional District»). Dann entschieden sich die Demokraten, nachdem die Resultate der Volkszählung des Jahres 2010 vorlagen, die insgesamt acht Sitze, die dem Staat gemäss seinem Bevölkerungsanteil im nationalen Repräsentantenhaus zustehen, neu zu verteilen. Und nun stossen bei der «Grey Goose Farm» gleich drei Distrikte zusammen. Wer hier einige Minuten der Landstrasse 108 entlangspaziert, macht den Sprung vom 3. Bezirk in den 8. Bezirk, um dann im 6. Wahlbezirk von Maryland zu landen.

Strategisches Zeichnen

Dass sämtliche drei Wahlbezirke in der Umgebung der «Grey Goose Farm» von Demokraten vertreten werden, ist kein Zufall – schliesslich kontrollierte die Partei das Verfahren, an dessen Ende die neue Karte der Wahlbezirke in Maryland stand. Und die Demokraten verfolgten bei der Neugestaltung dieser Karte ein Hauptziel: sie wollten den Republikanern einen weiteren Sitz abjagen, damit künftig nur noch einer der acht Volksvertreter aus Maryland der konservativen Partei angehöre.

Also mussten sie, basierend auf reich vorhandenen Daten über Wahl- und Konsumverhalten einzelner Haushalte, das Verhältnis zwischen demokratischen und republikanischen Hochburgen neu definieren – um Wahlbezirke zu schaffen, in denen ein Republikaner selbst bei niedriger Wahlbeteiligung chancenlos ist. Strukturkonservative Dörfer wie Olney und Laytonsville wurden deshalb Pendlergemeinden in der näheren Agglomeration von Washington zugeteilt, in denen Demokraten problemlos mehr als 75 Prozent der Stimmen gewinnen.

Unter dem Strich glückte das Unterfangen: Seit 2012 vertreten sieben Demokraten und ein Republikaner Maryland im Repräsentantenhaus.

«Gerrymandering» lautet der Fachbegriff für dieses Verfahren, an das sich Politiker (im Gespann mit Fachleuten) alle zehn Jahre machen müssen, um der Verfassungsbestimmung zu genügen, dass sämtliche Abgeordnete im Repräsentantenhaus ungefähr die gleiche Bevölkerungszahl vertreten. Der Begriff erinnert an Gouverneur Elbridge Gerry, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Bundesstaat Massachusetts die Wahlbezirke neu zuteilte – und dabei, zum Schutz seiner Partei, ein Distrikt genehmigte, das grosse Ähnlichkeiten mit einem Salamander aufwies.

Digitalisierung hilft

Dank Computer-Programmen wie Maptitude ist dieses Verfahren berechenbarer geworden. Dies lässt sich nicht nur an Maryland illustrieren, sondern auch an den Bundesstaaten North Carolina, Ohio, Wisconsin oder Iowa. In diesen fünf Staaten waren die Republikaner nach der Volkszählung 2010 am Drücker, auch weil sie im Vorfeld gezielte Anstrengungen unternahmen, die Neuzuteilung der Wahlbezirke zu beeinflussen.

Nun aber befindet sich das «Gerrymandering» im scharfen Gegenwind. Vorige Woche entschied ein Berufungsgericht, dass die republikanische Mehrheit im Parlament von North Carolina über die Bücher gehen müsse, weil die 2011 ausgearbeitete und 2016 angepasste Karte der Wahlbezirke gegen die amerikanische Verfassung verstosse.

Ähnliche Klagen sind vor dem Supreme Court, dem höchsten Gericht im Land, in Washington anhängig. So beklagen sich Republikaner in Maryland und Demokraten in Wisconsin, dass ihr Wahlrecht beschnitten worden sei. Der oberste Verfassungsrichter, der Republikaner John Roberts, hat allerdings bereits angetönt, dass der Supreme Court wohl nicht bereit sei, «gerrymandering» zu verbieten – er wolle das Gericht nicht dem Vorwurf aussetzen, dass es in den politischen Wettbewerb eingegriffen habe.