Behnan Lallo hatte eine böse Vorahnung. Doch einfach aufgeben wollte der chaldäische Priester nicht. Als wir den Geistlichen Mitte Juli in Bartala trafen, war er mit der Aufstellung einer Selbstschutzgruppe beschäftigt. 600 junge Christen, von denen nur jeder zweite eine Kalaschnikow besass, sollten sich den Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) entgegenstellen. Diese hatten zwei Wochen zuvor mehr als 30 000 Christen aus Mossul vertrieben und die 40 Kirchen der Millionenstadt am Tigris verwüstet oder in Moscheen umgewandelt. Pilgerstätten wie das Grab des Propheten Jona waren mit Vorschlaghämmern und Baggern zerstört worden.

«Aufhalten können wir die Dschihadisten mit unserer Truppe wahrscheinlich nicht», sagte uns Pater Lallo damals mit leiser Stimme. «Vielleicht schaffen wir es ja, mit Unterstützung der Kurden den IS zurückschlagen.» Sie schafften es nicht. Als Ende August die Dschihadisten nach Bartala kamen, das nur eine knappe halbe Autostunde von Mossul liegt, hatten die kurdischen Peschmerga-Milizen ihre Stellungen schon geräumt, ihre Schutzbefohlenen im Stich gelassen. «Uns Christen gaben die Terroristen weniger als eine Stunde zum Packen», berichtet Lallo, der heute in Ain Kawa, dem Christenviertel von Arbil, lebt.

Minustemperaturen in der Nacht

Wer in den Kirchen, Gemeindezentren und Schulen von Ain Kawa eine Bleibe gefunden hat, dem geht es verhältnismässig gut. In wind- und wasserdichten Wohnungen lebt aber nur ein Drittel der christlichen Heimatvertriebenen. Über 120 000 Menschen müssen bei Nachttemperaturen unter dem Gefrierpunkt in Zelten, Rohbauten und feuchten Kellern ausharren.

Für warme Mahlzeiten wird zwar gesorgt. Allerdings glauben nur wenige daran, dass sie in absehbarer Zeit in ihre Dörfer in der Niniveh-Ebene oder nach Mossul zurückkehren können. Im Haus des chaldäischen Erzbischofs von Mossul residiere jetzt der IS-Kalifa Abu Bakr al-Baghdadi, vermutet Pater Lallo.

Es sei jetzt sehr schwierig, betont der 40-jährige Christ resignierend, «den Menschen noch Hoffnung zu vermitteln». Die meisten Familien wollten nach Europa. Verfolgte irakische Christen könnten dort – im Gegensatz zu den Muslimen – damit rechnen, dass ihr Asylantrag genehmigt würde.

Tausende seien bereits gegangen. Sie hätten nach den bitteren Erfahrungen der letzten Monate mit dem Irak abgeschlossen. «In ihrer Heimat bleiben, dort auf den Tod warten, wollen nur die Alten», weiss Pater Lallo, für den die Flucht nach Europa nicht infrage kommt. «Das wäre das falsche Signal.»

So wie der chaldäische Pfarrer aus dem irakischen Bartala denken auch die meisten Christen in Syrien. Auch dort sind die dschihadistischen IS-Milizen noch auf dem Vormarsch. Mit Ausnahme von Rakka, der Hauptstadt des IS-Kalifates, werden aber alle grossen Städte inzwischen wieder von der Assad-Armee kontrolliert. Die gut zwei Millionen syrischen Christen unterstützten grösstenteils die Regierungstruppen und das Regime. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil sie keine andere Wahl haben. «Natürlich haben wir Angst vor den Dschihadisten», betont George Bakhache, ein in Aleppo lebender Journalist.

Dennoch würden von den 200 000 Christen, die vor Kriegsbeginn in der nordsyrischen Handelsmetropole lebten, noch immer etwa 70 000 ausharren. «An Weihnachten werden wir in unseren Kirchen für den Frieden beten», sagt Bakhache. Hunderte von Allepiner Christen würden allerdings auch an Heiligabend als Soldaten der Assad-Armee die islamistischen Rebellen bekämpfen.

Friedliche Lösung gefordert

An eine militärische Lösung des Konfliktes glauben nur wenige. Wenn der Westen den Christen helfen wolle, müsse eine friedliche Lösung für Syrien im Rahmen eines Dialogs gefunden werden, betonte unlängst der griechisch-orthodoxe Patriarch von Antiochia, Johannes X. Die USA und andere ausländische Mächte müssten endlich damit aufhören, Kampfgruppen mit Geldmitteln und Waffen auszustatten, forderte der Geistliche. «Wir glauben nicht daran, dass die Lösung darin besteht, Kriegsschiffe oder Schiffe zu schicken, um uns Christen in Sicherheit zu bringen.»

Wirklicher Schutz sei nur dann möglich, wenn man die konfessionellen Schranken abbaue und sich für das Wohlergehen aller Syrer einsetze. Denn wenn ein syrischer Muslim leide, dann leide auch sein christlicher Nachbar.