Nicht auf der Strasse und in den Gassen soll die populistische Revolution ihren Anfang nehmen, sondern in einem schicken Villenquartier im Süden Brüssels. Genauer: in Watermael-Boitsfort, der wohlhabendsten der 19 Gemeinden der Hauptstadt-Region.

Hier, in einer herrschaftlichen Villa hinter einem hohen Zaun und mit viel Umschwung, logiert Mischael Modrikamen. Der belgische Anwalt ist Steve Bannons Mann in Europa. Mit seiner Hilfe will der Ex-Stratege von US-Präsident Donald Trump eine paneuropäische Bewegung der Rechtspopulisten formen und den verhassten «Globalisten», wie sie Bannon gerne nennt, zu Leibe rücken.

Im Empfangszimmer riecht es nach kaltem Rauch, an den Wänden hängen Weltkarten aus der Kolonialzeit. Mischael Modrikamen lässt sich auf ein schweres Ledersofa fallen und zündet sich eine Zigarre an. «Es geht voran, wir führen viele Gespräche», sagt Modrikamen, während er den Zigarrenrauch zur Decke bläst. Noch sei «Steve», wie ihn Modrikamen freundschaftlich nennt, voll mit den Mid-Term-Wahlen in den USA beschäftigt. Aber schon bald werde er sich bei ihm in seiner Villa einquartieren. Bald könne es losgehen mit «The Movement».

Trump-Fan der ersten Stunde

So heisst die Stiftung, die Modrikamen kurz nach der Wahl von Trump im Jahr 2016 gegründet hat. Sie soll als Sammelplattform für die Europawahlen im Frühling 2019 dienen. Die Zentrale wird in seinem Haus sein. Hier gibt es Platz für die 10 bis 15 Mitarbeiter, die «The Movement» schlussendlich beschäftigen will.

Der 52-Jährige beschreibt sich als Trump-Fan der ersten Stunde. Schon Anfang 2016 während des US-Wahlkampfes wandte er sich per Videobotschaft direkt an Trump: «Sie sind ein Beispiel für uns in Europa», liess er ihn bewundernd wissen. Er sei fasziniert davon, wie der US-Präsident den Politikbetrieb aufmische, als «Outsider und grosser Disruptor» mit sämtlichen Konventionen des «korrupten Establishments» breche, so Modrikamen.

Ein solcher «Disruptor» würde er auch selbst gerne sein. Nach dem Bankrott der belgischen Fortis-Bank im Zuge der Finanzkrise kam er als Anwalt von Kleinsparern zu relativer Bekanntheit. Angefixt vom Licht der Öffentlichkeit, versuchte er mit seiner rechten Splitterpartei «Parti Populaire» in der Politik Fuss zu fassen.

Der Erfolg blieb dem selbst ernannten Volkstribun jedoch nicht vergönnt: Seine Bewegung fristet ein Dasein in der Bedeutungslosigkeit. Von den anderen Parteien wird Modrikamen verspottet, von den Medien geschmäht.

Nun, mit der Hilfe Bannons, soll sich das ändern. «Die Chemie stimmte von Anfang an. Wir haben dieselben Ziele», schwärmt Modrikamen über den Ultranationalisten. Dabei unterschlägt er, dass seine Avancen lange Zeit unbeantwortet blieben. In Bannons Umfeld wollte man lange nichts vom belgischen Hobby-Trump wissen.

Erst als Bannon von seinem Job als Präsidenten-Berater gefeuert wurde, kam man sich allmählich näher. Es war der Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage, der im Juli ein erstes Treffen organisierte. Bannon stimmte zu, bei «The Movement» mitzumachen. Aber nur, wenn er der Boss sein konnte.

Im September wurden Bannon und Modrikamen dann vom italienischen Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini in Rom empfangen. Salvini sagte auf Anhieb zu, sich «The Movement» anzuschliessen. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán mit seiner Fidesz-Partei wäre natürlich ein grosser Fang.

Aber Orbán fühlt sich – trotz den Sympathien, die er für das Projekt hegt – bei der Europäischen Volkspartei (EVP) gut aufgehoben. Und sonst? Ja sonst wird es schwierig. Sowohl die AfD in Deutschland wie die FPÖ in Österreich und auch Rassemblement National um Marine Le Pen haben «The Movement» bereits eine Absage erteilt. Sie könne getrost auf die Hilfe «des Amerikaners» verzichten, so Le Pen über Bannon kürzlich.

Klub der Gleichgesinnten

Man dürfe das nicht so eng sehen, sagt Modrikamen. Es sei klar, dass es unter den souveränistischen Bewegungen in Europa viel Misstrauen untereinander gebe. Das liege «in der Natur der Sache». Darüber hinaus ortet er hier aber ein Missverständnis. Modrikamen: «The Movement ist keine Partei und Steve Bannon auch kein Anführer.» Vielmehr sei er «Moderator in einem Klub der Gleichgesinnten», «a Club of like-minded-people», wie Modrikamen extra auf Englisch wiederholt.

Klarer wird hingegen immer mehr, dass die rechtspopulistische Internationale nicht nur mit Abwehrreflexen der nationalistischen Parteien zu kämpfen hat. Offensichtlich gibt es auch ein personelles Glaubwürdigkeitsproblem. Die rechtspopulistische PVV-Partei vom niederländischen Islam-Kritiker Geert Wilders zum Beispiel will nichts mit «The Movement» zu tun haben, solange Modrikamen mit dabei ist.

Dieser gebe «allerlei politische Statements von sich, mit denen wir nicht einverstanden sind», so Marcel de Graaff, PVV-Vorsitzender im EU-Parlament. Noch deutlicher tönt es von einem weiteren potenziellen Partner, dem rechtsextremen Vlaams Belang (VB) aus Flandern. Modrikamen sei ein «Scharlatan» und führe sich als Sprecher der Rechten auf, ohne «auch nur die geringste Ahnung zu haben», so der VB-Mann Gerolf Annemans.

Tatsächlich empfängt Modrikamen dieser Tage in seiner Brüsseler Villa praktisch ununterbrochen Journalisten aus aller Welt. «CNN», «Spiegel», «Le Monde», alle gehen sie beim belgischen Anwalt ein und aus und lassen sich die Geschichte von ihm und «Steve» und der populistischen Revolution erzählen.

Dabei hätte es im September mit einem Gipfeltreffen von rechten Parteichefs eigentlich längst gestartet sein sollen. Zwischenzeitlich wurde der Beginn auf Ende November verschoben. Nun soll es Mitte Januar werden. Zumindest sagt das Mischael Modrikamen.