Behnan Lallo lässt auf sich warten. «Es tut mir leid», entschuldigt sich der chaldäisch-katholische Pfarrer, als er mit einer Stunde Verspätung abgehetzt im Gemeindezentrum von Bartala eintrifft: «Wir mussten vier Familien mit Trinkwasser versorgen und ein erkranktes Kind ins Spital bringen.» Nach dem Fall von Mossul seien die 14 000 Christen von Bartala auf sich allein gestellt. «Malikis Polizei und Armee haben uns im Stich gelassen», sagt der dynamische Pfarrer enttäuscht. Auch in der Stadtverwaltung arbeite fast niemand mehr.

Bartala liegt nur eine halbe Autostunde von Mossul, dem biblischen Niniveh, entfernt. Im Dunst der Sommerhitze macht die Ortschaft einen etwas verkommenen Eindruck. Doch der erste Augenschein trügt. Die chaldäischen Christen von Bartala resignieren keineswegs. Nach der Übernahme von Mossul durch die islamistische Isis bildeten sie eine Selbstschutztruppe, die sich «Herrasat» (das arabische Wort für Leibwächter) nennt. Es sind knapp 600 junge Männer mit weissen T-Shirts, von denen nur jeder Zweite eine Kalaschnikow besitzt.

Seit zwei Wochen kein Strom

«Aufhalten können wir die Dschihadisten mit unserer Truppe nicht», sagt der 24-jährige Saba, «aber im Ernstfall können wir die Peschmergas unterstützen.» Die Kurden haben am Ortseingang und -ausgang jeweils einen Checkpoint errichtet. Die christlichen Herrasat postierten sich um die Maryam-al-Adra-Kirche und drei andere Gotteshäuser von Bartala. Sie begleiten die Pfarrer und Ordensschwestern bei ihren Besuchen in der Gemeinde oder organisieren Diesel für einige wenige Generatoren. Denn Strom aus dem Netz gibt es seit zwei Wochen nicht mehr. Das Wasser wird aus verdreckten Quellen hochgepumpt und kann nicht getrunken werden.

«Was wir jetzt bräuchten, wäre eine Aufbereitungsanlage sowie Wasserfilter», sagt Pfarrer Behnan und lächelt verlegen: «Vielleicht können die Glaubensbrüder und Schwestern in Ihrer Heimat uns ja helfen.»

Hilfe könnte auch Laith brauchen. Nur mit zwei Koffern war er mit seiner Frau Jeanette und seinen Kindern Mariam, Mina und Gaswan am Vortrag aus Mossul gekommen. Die christliche Familie will «nie wieder zurück». Eine vorläufige Bleibe hat sie in einem Kindergarten von Bartala gefunden. Nur noch 20 Christenfamilien, erzählt Laith, seien in Mossul geblieben. «Zu Saddams Zeiten waren wir über 100 000 Christen und mussten keine Angst haben».

Zertrümmerte Marienstatuen

Wir fragen Laith, ob Berichte über eine von der Isis geforderte Kopfsteuer von 200 Euro, die die Scharia für nicht-muslimische Schutzbefohlene vorsieht, zuträfen. Davon habe er auch gehört. Bestätigen könne er das Gerücht aber nicht. «Mir haben die Isis-Leute einen Koran in die Hand gedrückt und gedroht, nach zwei Wochen wiederzukommen», erzählt der Familienvater, der in einer Kirche zertrümmerte Marienstatuen gesehen hat. Auf einer anderen Kirche würde neben dem Kreuz die schwarze Fahne der Dschihadisten wehen. Der Besuch der Gotteshäuser, in denen bis vor drei Wochen noch in Aramäisch, der Sprache Jesu, gepredigt wurde, sei verboten.

Meldungen von Massakern der Isis an den Christen in Mossul, die westliche Missionsgesellschaften in den letzten Tagen verbreitet haben, seien indes «stark übertrieben», betont Pfarrer Behnan. Es habe «viele Übergriffe» gegeben. Horrorgeschichten wie der Selbstmord eines Vaters, der die Vergewaltigung seiner Tochter mit ansehen musste, weil er Schutzgelder nicht bezahlen konnte, «könnten frei erfunden worden sein». «Sie werden aber von den verängstigten Christen in der Niniveh-Ebene für bare Münze genommen», betont der Geistliche nachdenklich.

Christen auf der Flucht

«Unsere Leute haben furchtbare Angst», bestätigt die chaldäische Ordensschwester Hanna die Aussagen des Pfarrers. «Es fällt uns schwer, sie zu beruhigen und einen kühlen Kopf zu bewahren.» Ein Gerücht oder von Taxifahrern verbreitete Halbwahrheiten reichten aus, um die Christen in totale Panik zu versetzen.

Wie dramatisch die Lage in den Christengebieten um Mossul ist, konnten wir in Qaraqosh beobachten. Die Ortschaft liegt nur zehn Kilometer von Bartala entfernt. Auf dem Weg dorthin kamen uns Hunderte von Autos entgegen, Christen auf der Flucht in Richtung Arbil, der kurdischen Hauptstadt. «Daash», wie Araber und Kurden die sunnitische Terrorgruppe Isis nennen, habe das christliche Qaraqosh mit Mörsergranaten angegriffen, erzählten die Flüchtlinge entsetzt.

Von dem Granatwerferbeschuss konnten wir uns wenig später selbst überzeugen. Abgefeuert wurden, wie wir erfuhren, die Mörser aber nicht von Dschihadisten, sondern von arabischen Stammesmitgliedern, denen die kurdischen Peschmergas die Durchfahrt zu ihren Feldern verweigert haben sollen.

Weitere Scharmützel sind offenbar vorprogrammiert. «Denn nach der Eroberung von Mossul durch die Isis haben die Kurden damit begonnen, viele Gebiete zu besetzen, die von Arabern beansprucht werden, die mit der Isis nichts zu tun haben», kritisiert Pfarrer Behnan die mitunter forsche Gangart der Peschmergas.

Seine arabisch und aramäisch sprechenden Christen sieht der Geistliche zwischen den Fronten. Wirkliche Sicherheit könnten gegenwärtig aber nur die Kurden anbieten, die mit dem Strom der Flüchtlinge aus allen Teilen des Iraks schon jetzt völlig überfordert sind.

Das bekamen auch die verängstigten Christen aus Qaraqosh zu spüren. 20 Kilometer von Arbil entfernt verweigerten ihnen die Peschmergas die Weiterfahrt.