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Eine wagemutige Mission: So spürten die Amerikaner IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi auf

Das Gelände, wo Abu Bakr al-Baghdadi zuletzt Zuflucht fand, wurde komplett zerstört

Das Gelände, wo Abu Bakr al-Baghdadi zuletzt Zuflucht fand, wurde komplett zerstört

Es war eine wagemutige Mission: Der Militärschlag gegen IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi ist eine Geschichte über Spione und langwierige Vorbereitungen.

Vielleicht war es eine der Ehefrauen des Top-Terroristen, die den Jägern den entscheidenden Tipp gab. Vor einigen Monaten kam dem amerikanischen Auslandgeheimdienst CIA zu Ohren, dass sich der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi im Nordwesten von Syrien aufhalte, weit entfernt von seinem letzten bekannten Versteck. Die Quelle dieser Information: eine Frau Baghdadis sowie ein Kurier. Oder vielleicht waren es Informanten in Idlib, die ihren Kontaktpersonen meldeten, dass sie einen irakischen Mann auf dem Markt gesehen hätten, der Baghdadi gleiche.

Zwei Tage nach dem Tod des 48 Jahre alten Terroristen, der sechs Jahre lang fanatische Anhänger zu unglaublich brutalen Taten angestiftet hatte, sind die Hintergründe, die zu seiner Enttarnung führten, nicht bekannt. Klar ist nur, dass Baghdadi unter Druck stand – er wurde nicht nur von den Amerikanern und ihren Verbündeten gejagt, sondern auch von konkurrenzierenden Terrororganisationen. Im Sommer 2019 verdichteten sich die Informationen über Baghdadi und sein Versteck. Der US-Geheimdienst CIA begann, ihn mit Hilfe kurdischer Kämpfer zu beschatten. Gleichzeitig nahmen sie die Planung einer Kommandoaktion gegen Baghdadi auf.

Es gibt nur zwei Fotos von Abu Bakr Al-Baghdadi, beide sind Screenshots aus Videos. Dieses hier stammt vom Frühjahr 2019, als er sich erneut an seine Anhänger wandte.Bild: AP

Es gibt nur zwei Fotos von Abu Bakr Al-Baghdadi, beide sind Screenshots aus Videos. Dieses hier stammt vom Frühjahr 2019, als er sich erneut an seine Anhänger wandte.Bild: AP

Diese Mission schien anfänglich, selbst für die Soldaten der Delta- Force-Einheit, äusserst wagemutig: Das Gebiet um Idlib wird von den versprengten Resten der Terror-Gruppe Al-Kaida kontrolliert; über den Luftraum wiederum wachen syrische und russische Truppen. Hinzu kommt die komplizierte weltpolitische Gemengelage. Am 6. Oktober meldete das Weisse Haus, dass sich amerikanische Streitkräfte der geplanten türkischen Invasion in Syrien nicht mehr entgegenstellen würden. Diese Invasion richtete sich in erster Linie gegen kurdische Kämpfer – also gegen diejenigen Menschen, die den Amerikanern In­formationen über den Aufenthaltsort Baghdadis lieferten.

Trump feierte noch Hochzeitstag

Zweimal musste die Mission in buchstäblich letzter Minute abgesagt werden. In der vergangenen Woche mehrten sich aber die Anzeichen, dass Bagh­dadi sich aus dem Staub machen könnte. Am Donnerstag oder Freitag gab Präsident Trump, der über die Planung der Aktion stets informiert worden war, grünes Licht. Und für einmal liess er sich nicht in die Karten blicken. Am Freitag reiste er zuerst nach South Carolina. Dann flog er auf den präsidialen Landsitz Camp David in Maryland und feierte den Hochzeitstag seiner Tochter Ivanka Trump und seines Schwiergersohns Jared Kushner. Am Samstag folgte eine Runde Golf auf dem familieneigenen Platz in der Agglomeration von Washington. Kurz nach 16.15 Uhr traf der Präsident wieder im Weissen Haus ein. Anschliessend machte sich Trump in den Situation Room auf, der Kommandozentrale im Keller des West Wing.

Am Samstag gegen 17 Uhr (Washingtoner Zeit) starten auf einem Militärstützpunkt in der Nähe von Erbil (Irak) acht amerikanische Helikopter vornehmlich des Typus Boeing CH-47 Chinook. 70 Minuten dauert der Flug quer durch Syrien; abgesehen von einigen Scharmützeln mit lokalen Kämpfern verläuft die Reise ohne Zwischenfälle. Nachdem die Helikopter den Aufenthaltsort Baghdadis unter Beschuss genommen und sich mit einigen gezielt platzierten Sprengsätzen Zutritt zu den Gebäuden, in denen der Terroristenführer vermutet wird, verschafft haben, landen sie.

Baghdadi soll gewimmert haben

Die Delta-Force-Soldaten stürmen die Gebäude und töten fünf IS-Kämpfer. Kinder werden auf Arabisch dazu aufgerufen, zu fliehen. Elf Kinder sollen die Kommandoaktion unbeschadet überlebt haben. Baghdadi flüchtet in einen Tunnel, und nimmt – gemäss Trump – drei Kinder mit sich. Aus Angst vor einem Hinterhalt schicken die Kommandotruppen einen Hund los, der Baghdadi verfolgt. Der Terrorist sprengt sich daraufhin selbst in die Luft, und tötet dabei auch die Kleinkinder. Um 19.15 Uhr melden die Delta-Force-Soldaten, dass Baghdadi tot sei. Trump hat die gesamte Aktion, wie er später erzählt, im Situation Room mitverfolgt. Er sei sich vorgekommen, als sitze er im Kino, behauptet der Präsident. Auch erzählt er in aller Ausführlichkeit, wie Baghdadi kurz vor seinem Tod gewimmert habe – obwohl amerikanische Militärkreise zu Protokoll geben, dass die Kameras, die die Delta-Force-Soldaten auf sich tragen, keine Geräusche übermitteln.

Die amerikanischen Kommandosoldaten steigen nach Abschluss ihrer Mission in die Helikopter und starten den Rückflug nach Irak. Kurz nach 21 Uhr (Washingtoner Zeit) landen die acht Chinooks. Um 21.23 Uhr verbreitet Trump auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die Meldung: «Etwas sehr Grosses ist gerade passiert!»

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