Die Proteste der Franco-Anhänger waren über Monate von grosser Hartnäckigkeit geprägt, doch genützt haben sie schlussendlich nichts. Die Entscheidung, die die sozialdemokratische Regierung Spaniens unter Pedro Sánchez schon lange angekündigt hatte und nun vor zwei Wochen gefällt hat, treibt radikale Nationalisten auf die Strasse.

Die Gebeine von Francisco Franco, langjähriger Diktator Spaniens, sollen von einer Gruft im sogenannten Tal der Gefallenen in ein Familiengrab umgebettet werden. Damit wird dem umstrittenen Ort mit dem Mausoleum für den «Caudillo» die Strahlkraft als Pilgerstätte für Verehrer des faschistischen Herrschers genommen. So hoffen es zumindest Politiker von links bis weit ins bürgerliche Lager.

Nur rund ein Jahr nach dem Ende des Bürgerkriegs, das General Franco morgen vor genau 80 Jahren, am 1. April 1939, mit dem Sieg seiner Putschistenarmee gegen die Zweite Spanische Republik verkündet hatte, begannen Zehntausende von Zwangsarbeitern mit dem Bau des Monuments. Noch 2014 zeigte sich UNO-Sonderberichterstatter Pablo de Greiff, der im Auftrag der Vereinten Nationen untersuchte, wie es um die spanische Vergangenheitsbewältigung steht, geschockt beim Besuch der Franco-Gruft: «Der Ort stellt für sich schon eine Verherrlichung des Franquismus dar.»

Junge Franco-Anhänger jubeln im April 1939 den siegreichen Truppen in Madrid zu. Keystone

Junge Franco-Anhänger jubeln im April 1939 den siegreichen Truppen in Madrid zu. Keystone

Auch Fátima del Olmo hat die Anlage schon besucht. Die 44-Jährige stammt aus Madrid und lebt seit 15 Jahren in der Schweiz. Del Olmo ist Historikerin und betreibt in Luzern einen spanischen Buchladen. «Das Tal der Gefallenen ist monströs und kitschig zugleich», sagt sie. Wie es in ihrer Heimat um die Aufarbeitung von fast 40 Jahren Franco-Diktatur steht, zeige auch die Tatsache, dass auf dem Areal des Monuments «nicht eine Gedenktafel an die vielen Zwangsarbeiter aus dem Lager der Besiegten erinnert», so del Olmo.

Starker emotionaler Bezug

Die Auseinandersetzung mit dem Franquismus war gemäss der Historikerin «lange nur in den Hörsälen der Unis präsent». Dies freilich erst, als sich Ende der 1970er-Jahre die Demokratie etablierte. «Und natürlich war sie auch im Kreise der Opfer vorhanden, die für das Andenken an ihre Familien kämpften, aber mit wenig oder gar keinen Auswirkungen auf die öffentliche Meinung und die Presse», so del Olmo.

Während ihres Studiums hat sich die Madrilenin intensiv mit dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat befasst, der zwischen 1936 und 1939 rund 500 000 Todesopfer forderte. Und auch heute noch treibt sie das vielleicht prägendste Ereignis der jüngeren Geschichte Spaniens rege um. Und deren Folgen. «Die Aufarbeitung dieses Teils unserer Geschichte ist ungenügend. Erst die linke Regierung José Luis Rodríguez Zapateros begann ab 2004, das Problem ernsthaft anzugehen.»

Diese erliess etwa ein Vergangenheitsbewältigungsgesetz, das Hinterbliebenen von verschollenen Opfern aus der faschistischen Ära in deren Bestreben nach später Gerechtigkeit unterstützte. Weit über 100 000 Franco-Gegner sollen über das ganze Land verteilt in anonymen Massengräbern liegen.

Es gibt kaum einen Spanier, der nicht aufgrund seiner Familiengeschichte einen starken emotionalen Bezug zum Bürgerkrieg und zum anschliessenden Franquismus hätte. Und noch immer spuken die einstigen Fronten des Konflikts wie rastlose Geister durch Spaniens Gegenwart. Ob in der Politik in Form unversöhnlicher Lager aus links und rechts, im Privaten als Ausdruck persönlicher Überzeugungen und Werte oder im Gesellschaftlichen, wenn zum Beispiel Fussballpartien zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona mehr Krieg als Spiel sind.

Del Olmo erzählt von einem Grossvater, der aus dem wohlhabenden Bürgertum stammte und unter Franco Karriere als Universitätsprofessor machte. «Er war ein Anhänger des Caudillo und profitierte vom korrupten System unter diesem. Aber ich kann mich erinnern, dass er kaum etwas über die Bürgerkriegszeit oder die Epoche der Diktatur erzählte, wenn ich danach fragte. Das war irgendwie tabu.» Gerne hätte sie mehr von ihm erfahren, aber ihr Interesse an der Geschichte wurde eher abschätzig zur Kenntnis genommen.

Einen ganz anderen Familienhintergrund hat Eva Carbó, ebenfalls eine in der Zentralschweiz wohnhafte Spanierin. Die 44-Jährige wuchs in der Provinz Valencia auf, und zwar in demjenigen Teil, in dem katalanisch gesprochen wird. Linke und republikanische Kräfte waren in Spaniens Osten mit der katalanischen Metropole Barcelona traditionell stark. Carbós Familie erlebte den Bürgerkrieg auf Seiten der Republik.

Spanien heute: Franco-Verehrer feiern ihr Idol.

Spanien heute: Franco-Verehrer feiern ihr Idol.

«Der eine Grossvater wurde zwar von den Franquisten eingezogen. Doch der andere hat sich für die Republik eingesetzt und im Krieg Schützengräben ausgehoben. Ein Grossonkel lebte in Barcelona und brachte von dort kommunistisches Gedankengut mit nach Hause», erzählt Carbó. Zu Hause, das ist das kleine Dorf Montaverner rund 60 Kilometer südlich von Valencia. Dort wurde während des Krieges ein anderer Grossonkel kommunistischer Bürgermeister.

Für die traditionell katholisch-konservative Landbevölkerung eine Revolution ungeheuren Ausmasses. Doch nach Kriegsende wurden die Anhänger der Republik verfolgt, festgenommen und nicht selten gefoltert. An ein erfolgreiches Berufsleben im Franquismus war nicht zu denken. Ganze Familien blieben stigmatisiert.

Gesellschaftliche Versöhnung verhindert

Carbó stellt wie del Olmo einen erheblichen Mangel an Aufarbeitung der neueren Geschichte fest. «In der Schule, auch auf der Oberstufe, wurde ich im Geschichtsunterricht erst kurz vor den Sommerferien mit den Ereignissen ab 1936 konfrontiert. Umso schneller und oberflächlicher wurde das dann abgehandelt.» In den eigenen vier Wänden sah das anders aus. «Mein Grossvater hat viel über den Bürgerkrieg und die Franco-Zeit geredet.

Der anti-franquistische Geist in der Familie hat mein politisches Denken geprägt», erzählt die Aussendienstangestellte. Das Ende dieser bleiernen, ultrakonservativ und erzkatholisch geprägten Zeit unter Franco kommentierte Carbós Vater, damals ein junger Mann, mit den Worten: «Ab heute gehe ich nie wieder in die Kirche.» Davor war der sonntägliche Gang ins Gotteshaus Pflicht.

Francos Spanien war eine klerikal-faschistische Diktatur, welche sich als letztes rechtsradikales Regime in Europa erstaunlich lange halten konnte. Der ausgeprägte Antikommunismus des «Westens» zu Zeiten des Kalten Krieges war für den Caudillo ein Glücksfall und sicherte seine Herrschaft ab – sowie die Tatsache, dass er sein Land aus dem Zweiten Weltkrieg heraushielt. Nach Francos Tod 1975 begann die sogenannte Transición, die Übergangsphase zur Demokratie, die man «politisch mit dem Antritt der sozialdemokratischen Regierung von Felipe González 1982 als abgeschlossen betrachten konnte», sagt Historikerin del Olmo.

Doch Straffreiheit für franquistische Sicherheitskräfte, das Fortbestehen alter, korrupter Strukturen unter den nationalistisch gesinnten Eliten sowie die fehlende kritische Auseinandersetzung mit der Diktatur verhinderten die gesellschaftliche Versöhnung. «Plätze und Strassen in Spanien tragen bis heute die Namen von führenden Franquisten. Vor allem in kleineren Städten gibt es immer noch Caudillo-Alleen und Ähnliches», so del Olmo. Als Vergleich zieht sie Deutschland heran. «Das ist ungefähr so, wie wenn es in einer deutschen Gemeinde noch immer eine ‹Führerstrasse› gäbe.»

General Francisco Franco putschte am 17. Juli 1936 gegen die demokratisch gewählte Regierung der Zweiten Spanischen Republik

General Francisco Franco putschte am 17. Juli 1936 gegen die demokratisch gewählte Regierung der Zweiten Spanischen Republik

Nicht wenige, vor allem linksorientierte Katalanen verfügen bis heute über einen ausgeprägten Antireflex gegenüber dem spanischen Staat, gerade weil dieser aus der laschen Autopsie der Franco-Diktatur emporstieg. «Doch im aktuellen Katalonien-Konflikt mit der Unabhängigkeitsbewegung verschwimmen die alten Rechts-links-Muster. Es gibt Linke, die für einen Verbleib in Spanien plädieren, während es Rechtsbürgerliche gibt, die die Separation wollen», sagt del Olmo. Der Bürgerkrieg und der Franquismus würden bei diesem Konflikt keine grosse Rolle mehr spielen.

Doch in vielen anderen politischen Debatten und Bereichen des alltäglichen Lebens sind Franco und sein Erbe gegenwärtig. Eine erst kürzlich erfolgte Bekanntmachung der rechtsextremen Vox-Partei veranschaulicht das exemplarisch. Vox stellt für die nationalen Neuwahlen Ende April mit Augustin Rosety Fernández de Castro und Alberto Asarta zwei offenkundige Bewunderer Francos als Kandidaten auf.

Die Generäle im Ruhestand gehören zu den Unterzeichnern eines Manifests von 2018, in dem beklagt wurde, dass der Caudillo heute «bis zur Unerträglichkeit geschmäht» werde. Für sie ist die Umbettung der Franco-Überreste ein Sakrileg. Das Trauma Bürgerkrieg und Franco-Diktatur wird Spaniens Politik auch in Zukunft nicht loslassen.