Am 5. Januar erst wurde er zum Parlamentspräsidenten gewählt, nachdem alle anderen Führungsfiguren der bürgerlichen Rechten verschlissen oder inhaftiert waren. Maduro glaubte, mit dem 35-Jährigen «naiven Jüngling» ein leichtes Spiel zu haben. Doch am Mittwoch dürfte er ziemlich überrascht worden sein: Da stand nämlich ein ruhiger, selbstbewusster Guaidó in Jeans, Hemd und dunkelblauem Sakko in Caracas auf der Tribüne und liess sich von Zehntausenden als Interims-Präsident vereidigen.

Ein gewagter Schachzug, augenscheinlich abgestimmt mit den rechten Regierungen des Kontinents (USA, Kolumbien, Brasilien u.a.), die ihn sofort anerkannten. Aber trotzdem riskant. Das von Maduro kontrollierte Oberste Gericht hatte kurz zuvor die Staatsanwaltschaft angewiesen, jegliche Störenfriede mit voller Härte des Gesetzes zu verfolgen.

Und Guaidó weiss, was das bedeutet: Exil oder Isolationshaft und Folter. Vielen sei-ner Kampfgenossen aus der Studentenzeit an der Katholischen Universität Andrés Bello ist es so ergangen. Nach der Proklamation tauchte Guaidó dann auch erst einmal unter, schickte aber weiter munter Tweets.

Im Gegensatz zu vielen anderen Führungsfiguren der Opposition, die der wirtschaftlichen Elite des Landes angehörten, ist Guaidó Sprössling einer Mittelschichtsfamilie aus der Küstenprovinz Vargas. Einer seiner Grossväter war Offizier. Er ist der Älteste von sechs Geschwistern.

Kräftemessen in Venezuela

Kräftemessen in Venezuela (Beitrag vom 24. Januar 2019)

Der venezolanische Parlamentspräsident Juan Guaidó hat dem sozialistischen Regierungschef Nicolás Maduro die Legitimation abgesprochen. Gleichzeitig erklärte er sich selbst zum Übergangs-Staatschef.

Ein Unglück überschattete seine Jugend: 1999 kam es in Vargas zu schweren Erdrutschen nach tagelangen Regenfällen; Tausende kamen dabei ums Leben, darunter viele seiner Nachbarn. Die Ineffizienz und Insensibilität der damaligen sozialistischen Regierung unter Präsident Hugo Chávez habe Guaidó empört, sagen seine Freunde.

Ein Jahr danach machte er Abitur. Politisch aktiv wurde er während seines Studiums der Ingenieurwissenschaften. Dort schloss er sich der Studentenbewegung an, die 2007 mit weiss bemalten Handflächen und anderen originellen Einfällen gegen die Schliessung des TV-Senders RCTV demonstrierte.

Politik mit Baseball-Vokabular

In der Studentenbewegung liess er charismatischeren Figuren den Vortritt. Er selbst denkt eher pragmatisch und formuliert trocken, ein Volkstribun sei er nicht. Trotzdem kämpfte er für seine Überzeugungen – auch bei den Protesten gegen eine Verfassungsänderung, die die unbegrenzte Wiederwahl von Chávez ermöglichen sollte.

Es war die einzige Niederlage von Chávez in den Urnen. Die Studenten zogen damals durch die chavistischen Armenviertel und suchten – im Gegensatz zu den in den schicken Wohnvierteln verbarrikadierten Altpolitikern – den Dialog mit Regierungsanhängern. In Washington absolvierte Guaidó noch ein Zusatzstudium in Verwaltungswissenschaften.

Guaidó, der mit einer Kommunikationswissenschaftlerin verheiratet ist und eine kleine Tochter hat, gehörte zu den Mitbegründern der konservativen Partei «Voluntad Popular» unter Führung des mittlerweile unter Hausarrest stehenden Oppositionsführers Leopoldo López.

2015 wurde er in der letzten freien Wahl, die der Opposition eine deutliche Parlamentsmehrheit brachte, zum Abgeordneten gewählt. Guaidó fuhr in Vargas – bis dahin noch eine Hochburg der Regierung – einen klaren Sieg ein. Es war sein erster politischer Posten. Im Haushaltsausschuss befasste er sich vor allem mit Korruptionsuntersuchungen gegen Regierungsmitglieder.

Privat hört er gerne Salsa und ist ein grosser Baseball-Fan, dessen Fachvokabular er auch gerne als politische Metapher heranzieht.