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Dieser Mann hat Spiegel-Reporter Claas Relotius entlarvt – und erzählt, wie es dazu kam

Hat den Relotius-Skandal aufgedeckt – und den Spiegel so in eine Krise gestürzt: Juan Moreno. (Bild:EPA/Alexander Becher, Berlin, 22. September 2019)

Hat den Relotius-Skandal aufgedeckt – und den Spiegel so in eine Krise gestürzt: Juan Moreno. (Bild:EPA/Alexander Becher, Berlin, 22. September 2019)

Der Journalist Juan Moreno hat den Artikelfälscher Claas Relotius überführt und damit seinen Arbeitgeber, das Nachrichtenmagazin Spiegel, in eine Krise gestürzt. Jetzt hat er ein Buch dazu veröffentlicht. Im Interview spricht er über den Vertrauensverlust, der aus dem Relotius-Skandal resultiert.

Ein Donnerstagvormittag im herbstlichen Berlin. Juan Moreno sitzt im «Lass uns Freunde bleiben», eine Café-Bar im Prenzlauer Berg. Den Ort sucht der vierfache Familienvater öfter auf, um morgens seinen Cappuccino zu trinken. Man kennt den 47-jährigen «Spiegel»-Reporter hier bestens, Moreno wird vom Personal geduzt. Anders als früher wird er heute manchmal auch von wildfremden Gästen erkannt. Der Reporter hat in akribischer Recherche aufgedeckt, dass sein «Spiegel»-Kollege Claas Relotius seine Reportagen in Teilen oder sogar komplett erfunden hat. Der Fall Relotius gilt als einer der grössten Medienskandale Deutschlands. Moreno wurde mit einem Schlag eine kleine Berühmtheit. Er lehnt sich in einen abgewetzten Sessel zurück und beginnt zu erzählen.

Juan Moreno, Sie entlarvten den preisgekrönten Reporter Claas Relotius, der 60 Artikel für den «Spiegel» verfasste, als Hochstapler. War das Ihre bislang beste Geschichte?

Das war der einzige Scoop, den ich jemals gelandet habe - ausgerechnet gegen meinen wichtigsten Auftraggeber. Ich hatte auch grosses Glück. Es hätte ja auch sein können, dass Claas Relotius in seinen Texten übertreibt und teilweise zuspitzt, nicht aber ganze Artikel frei erfindet und fälscht. Dann hätte ich ein Problem gehabt, nicht Claas Relotius.

Wann war der Moment, an dem Sie dachten: Claas Relotius ist ein Fälscher?

Es gab bereits 2013 einen Anfangsverdacht. Relotius war damals ziemlich frisch von der Journalistenschule gekommen. In einem Magazin beschrieb er eine Situation auf Kuba, in der es um Schuhputzer ging, die – wegen der Öffnung des Landes hin zum Kapitalismus – nun einen Steuerberater brauchten. Wer schon mal auf Kuba war, der weiss: Es gibt dort gar nicht so viele Schuhputzer. Dass die wenigen, die es gibt, einen Steuerberater brauchen, erschien mir völlig absurd.

Das war fünf Jahre vor dem Auffliegen der Affäre.

Mir war damals ein bisschen unwohl beim Lesen der Kuba-Geschichte, ich habe mich aber nicht weiter darum gekümmert. 2018 bekam ich beim «Spiegel» einen Auftrag für eine Geschichte, bei der ich mit Claas Relotius zusammenarbeiten sollte. Sie hiess «Jaegers Grenze». Ich begleitete einen Flüchtlingstreck von Lateinamerika in Richtung USA, Relotius sollte eine US-Bürgerwehr an der Grenze zu Mexiko als Reporter besuchen. Kurz, bevor die Geschichte in den Druck ging, sah ich mir das Layout des Artikels an. Da stach mir ein Foto einer der Männer der Bürgerwehr ins Auge, das mir bekannt vorkam. Der gleiche Mann, der bei uns im «Spiegel» auf einem Foto zu sehen war, wurde vor einigen Jahren in einem preisgekrönten Dokumentar-Film porträtiert. Nur: In der «Spiegel»-Geschichte hatte der Mann einen anderen Namen als im Film, zudem wurde er von Relotius als nebulös und pressescheu dargestellt. Das Ganze ging nicht auf.

Das reicht aber noch nicht, um Relotius der Fälschung zu überführen.

Es gab mehrere Ungereimtheiten in dem Artikel. Am Ende des Textes beschreibt Relotius, wie einer der Männer mutmasslich einen Mord an einem Flüchtling begeht. Es ist bekanntlich schwer, als Reporter überhaupt Einblick in die Welt einer Bürgerwehr zu bekommen. Relotius hatte drei Tage Zeit, um eine solche Bürgerwehr zu infiltrieren. Und am Ende lassen die Männer den deutschen Reporter auch noch dabei zugucken, wie sie mutmasslich jemanden ermorden? Da begannen meine Zweifel. Und wenn man einmal diesen Zweifel im Kopf hat, liest man die Texte von Relotius ganz anders.

Hat Relotius seine Enttarnung vielleicht sogar provoziert, in dem er Figuren in seine Texte einbaute, die aus Filmen bekannt sind?

Ich kann nicht sagen, was im Kopf von Claas Relotius vor sich geht und gegangen ist. Ich kann Ihnen bloss erzählen, wie Relotius vorgegangen ist. Es gab von ihm im «Spiegel» den viel gelobten Text «Die letzte Zeugin» über eine US-Amerikanerin, die angeblich freiwillig Exekutionen von Todesstrafen-Häftlingen beiwohnt. Relotius hat als Reaktion auf den – notabene frei erfundenen – Artikel eine Zuschrift einer Leserin bekommen, die sich mit Todesstrafen in den USA genauestens auskennt. Die Frau schrieb explizit, dass sie den Artikel für eine Erfindung hält und markierte im Text mehrere Stellen, die nicht stimmen konnten. Relotius hat die Frau danach derart lange in einer freundlichen und einnehmenden Art bearbeitet, dass sie sich bei Relotius für den Vorwurf der Lüge entschuldigt hatte.

Viele Preise für gefälschte Texte: Claas Relotius bei der Verleihung des Liberty Awards im Jahr 2017.

Viele Preise für gefälschte Texte: Claas Relotius bei der Verleihung des Liberty Awards im Jahr 2017.

Haben Sie Relotius mit Ihren Zweifeln am Wahrheitsgehalt in «Jaegers Grenze» konfrontiert?

Natürlich. Alle beschrieben Relotius stets als freundlichen, zurückhaltenden, fast scheuen Kollegen. Ich bin vermutlich der Einzige, der auch seine andere Seite kennengelernt hat. Relotius hatte mich angerufen, nachdem ich ihn mit meinen Zweifeln in einer Mail konfrontiert hatte. In dem Gespräch war er sehr hart, er wurde sehr persönlich und beleidigend. Er könne ja auch nichts dafür, dass ich mit seinem Schreibstil nicht mithalten könne, meinte er unter anderem. Ich spürte rasch, dass sich da einer um Kopf und Kragen redet und lügt.

Danach gingen Sie zu Ihren Vorgesetzten?

Ich sprach mit der Dokumentations-Abteilung, welche Fakten in Artikeln prüft. Dort glaubte man mir nicht, weil Claas Relotius als die Lichtgestalt des deutschen Journalismus galt. Dann sprach ich mit meinem direkten Vorgesetzten. Nach dem Gespräch war mir klar, dass ich nach diesen ungeheuerlichen Vorwürfen entlassen werden würde. «Es ist eine Hinrichtung und zwar nicht die von Claas», sagte mir einer der Vorgesetzten, nachdem ich die Zweifel vorgetragen hatte. Im Nachhinein ist das ein Armutszeugnis für die Kultur beim «Spiegel»: Da gibt es einen Kollegen, der es wagt, Kritik an einem Artikel zu üben. Und ihm wird gedroht, er werde entlassen, falls er sich irre.

Wie lange konnte Relotius sein Lügengebäude aufrechthalten?

Beim «Spiegel» wurde mir lange nicht geglaubt. Ich reiste auf eigene Faust in die USA zu dieser Bürgerwehr und erstellte ein Video, in dem die Männer erzählten, Relotius nie gesehen und gesprochen zu haben. Meine Vorgesetzten meinten daraufhin, ich hätte die Männer theoretisch bezahlen können für diese Aussage, als Beweis tauge das Video nicht. Ich habe weitere Texte untersucht, der Anwalt einer Hauptfigur in einem anderen Artikel versicherte mir schriftlich, dass seine Mandanten nie mit Relotius gesprochen hatten. Diese Beweise legte ich der Chefredaktion abermals vor. Relotius begann irgendwann, E-Mails und Facebook-Seiten zu fälschen. Das war das Ende. Es war ein Leichtes für die IT-Abteilung beim «Spiegel», die Manipulationen zu erkennen. Danach brach alles in sich zusammen.

Sie haben den Top-Reporter Deutschlands der Hochstapelei bezichtigt – und gingen damit ein hohes persönliches Risiko ein.

Es war keine Heldentat, es war Notwehr. Was hatte ich nach den ersten Vorwürfen, die ich meinen Vorgesetzten gegenüber geäussert hatte, denn noch zu verlieren? Und doch hatte ich immer wieder das Gefühl, verrückt zu werden. Relotius hat von den letzten fünf Reporterpreisen vier gewonnen, der hat die Preise eingeheimst, dass es einem fast die Hosen auszieht.

Wie weit war Neid Antrieb zu Ihrer Recherche gegen Relotius?

Ich wollte nach den Erfahrungen mit dem Schuhputzer-Text «Jaegers Grenze» alleine schreiben, auch die Bürgerwehr in den USA selbst besuchen. Ich dachte, dass Relotius so ein Hochleistungsrechercheur ist, der mich in Grund und Boden recherchieren würde. Der weiss in seinen Texten immer alles über seine Protagonisten. Er beschrieb in einer seiner Reportagen, wie ein kleiner Junge von einem fensterlosen Viehtransporter erzählt hatte. Als ich das gelesen hatte, dachte ich: Ich weiss nach meinen Recherchen vielleicht, dass es ein Viehtransporter war – aber nicht, ob der nun mit einer Blache zugedeckt war oder eben fensterlos war. Ich glaubte immer, dass der Relotius ein Typ ist, der durch puren Fleiss die allerletzte Info aus seinen Leuten herausbringt.

Gerade im «Spiegel» wurde die literarisch gehaltene Reportage mit szenischen Einschüben und Gedankengängen des Autors kultiviert. Wie weit darf ein Reporter in seinen Texten dabei gehen?

In einer Reportage ist sehr vieles erlaubt, aber es gibt eine klare Grenze: die Wahrheit. Eine Reportage soll fesselnd geschrieben werden dürfen. Was ich beschreibe, muss sich aber genau so zugetragen haben. Und wenn ich eine Szene in den Text einbaue, die ich nur aus einer Erzählung weiss, dann muss ich klar schreiben, dass mir das so erzählt worden ist.

Inwieweit ist Relotius das Produkt einer Branche, die genau nach solchen Texten verlangt hat?

Der Print-Journalismus macht eine schwere Zeit durch, da die blosse Nachricht entwertet worden ist, weil sie im Netz kostenlos ist. Gerade beim «Spiegel» gibt es eine Sehnsucht nach einer Lösung für dieses Problem. Der Syrienkrieg ist keine Nachricht mehr. Dann kommt Relotius und erklärt in einem fantastischen Text über zwei Flüchtlingskinder, wie dieser Krieg funktioniert, wie er riecht, wie er schmeckt, wie er sich anfühlt. Natürlich gibt es diese Monokausalität nicht wie in der Reportage über das Kind, das angeblich mit einem Graffiti den Syrienkrieg ausgelöst hatte. Aber Relotius gibt dem Leser den Eindruck, den Krieg und seine Ursachen in 15 Minuten verstanden zu haben. Er suggerierte den Lesern in seinen Texten: Die Welt ist nicht kompliziert, es gibt schwarz oder weiss. Ich nehme dich in den Arm und erkläre dir alles.

Inwieweit spielt die Relotius-Affäre jenen Kräften in die Hände, die die Medien mit dem «Lügenpresse»-Vorwurf diskreditieren?

Für die Medienbranche ist der Fall Relotius noch lange nicht aufgearbeitet. Relotius hat das Urvertrauen in die Medien weiter zerstört. Dennoch würde ich Relotius’ Reportagen und die Fake-News- und Lügenpresse-Debatte nicht vermischen. Fake-News werden gestreut, um Menschen aus politischen und ökonomischen Gründen in eine gewisse Richtung zu beeinflussen. Relotius verfolgte keine politische Agenda. Er wollte allen gefallen. Für den «Spiegel» verfasste er tendenziell Geschichten, die einem links-liberalen Milieu gefallen durften – für Blätter wie «Cicero» oder die «Weltwoche» bediente er eher die Bedürfnisse konservativer Leser.

Kann sich ein Fall Relotius in der Medienbranche wiederholen?

Natürlich. Selbst die grösste Dokumentationsabteilung beim «Spiegel» mit 80 Mitarbeitern konnte Relotius nicht entlarven, weil es eine Institution zur Fehlersuche und keine Ermittlungsbehörde ist. Sie können Ihren Lesern in der Schweiz ja auch in einer Reportage aus Weimar erzählen, dass sich dort auf dem Marktplatz dutzende Neonazis aufhalten – für Ihre Redaktion in der Schweiz wird das schwer nachzuprüfen sein. Daher ist der Fall Relotius für die Medienbranche so gravierend. Als Journalist muss man darauf vertrauen können, dass die Konsumenten einem vertrauen. Es ist wie beim Fremdgehen. Wenn das Vertrauen in einer Beziehung zerstört ist, wird es schwierig, dieses wieder zurückzugewinnen. Das einzige, was der «Spiegel» tun kann, ist transparent aufzuzeigen, wo Fehler passiert sind – verbunden mit dem Versprechen, dass man alles tun wird, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Der «Spiegel» hat sich bei Ihnen offiziell dafür entschuldigt, dass man Ihnen nicht geglaubt und mit dem Rauswurf gedroht hatte. Wie begegnet man Ihnen dort heute?

Ich arbeite nach wie vor als freier Journalist für den «Spiegel», die Leute verhalten sich professionell freundlich. Die sind aber froh, wenn ich solche Interviews wie dieses hier nicht mehr allzu oft führe. Der damalige Ressortleiter des Gesellschaftsressorts musste den «Spiegel» verlassen. Für viele im «Spiegel» bin ich das Symbol für den grössten Gau in der Geschichte des Magazins. Nun soll die Affäre verfilmt werden – beim «Spiegel» dürfte man kaum Gefallen daran finden.

Hat Claas Relotius, dessen Karriere als Journalist zerstört ist, auch Mitleid verdient?

Natürlich denke ich auch daran, wie es Claas Relotius heute wohl geht. Ich frage mich bisweilen, ob mein Buch zu hart ist für ihn. Mir tut es schon leid, dass ein junger Mann seine Zukunft in der Medienbranche verbaut hat. Relotius hat aber auch Glück gehabt, dass der «Spiegel» nicht juristisch gegen ihn vorgegangen ist.

Die Enthüllung von Juan Moreno - Claas Relotius hätte kaum einen besseren Stoff für eine Reportage erfinden können. Einverstanden?

Der Sohn eines Andalusiers, der einen hoch angesehenen hanseatischen Hochstapler entlarvt – Sie haben recht, Relotius hätte sich das nicht besser ausdenken können.

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