Deutschland

Die Rückkehr des Verführers: Adolf Hitler tourt durch Deutschland

Adolf Hitler (Oliver Masucci) wird ins Deutschland des Jahres 2014 katapultiert. Constantin Film

Adolf Hitler (Oliver Masucci) wird ins Deutschland des Jahres 2014 katapultiert. Constantin Film

Die Satire «Er ist wieder da» füllt die Kinosäle – und regt zum Nachdenken an. Der Film erzählt die Geschichte des grössenwahnsinnigen Monsters Adolf Hitler, der sich 70 Jahre nach dem Suizid im modernen, multikulturellen und bunten Deutschland wiederfindet.

Berlin im Jahr 2014. Da, wo einst der Führerbunker sich in die Tiefe bohrte, schrauben sich heute einige unfreundlich wirkende Plattenbauten in die Höhe. Kinder spielen im Innenhof Fussball. Hier liegt er im Gebüsch. Aus dem Nichts gekommen. Adolf Hitler ist zurück. Mit «Er ist wieder da» ist Regisseur David Wnendt eine sehenswerte filmische Adaption von Timur Vermes’ millionenfach verkauften satirischen Debütromans mit gleichlautendem Titel aus dem Jahr 2012 geglückt.

Trailer von «Er ist wieder da» (2015)

Trailer von «Er ist wieder da» (2015)

Der Film erzählt die Geschichte des grössenwahnsinnigen Monsters Adolf Hitler, der sich 70 Jahre nach seinem Selbstmord in einem modernen, multikulturellen und bunten Deutschland wiederfindet. Der Diktator, brillant gespielt von Hauptdarsteller Oliver Masucci, bis 2009 Mitglied des Ensembles des Zürcher Schauspielhauses, lernt rasch, wie er sich in der neuen Welt zurechtfinden muss. Deutschland hat Döner-Buden und Frauen in Niqab. Internet und die Flachbildschirme bieten ungeahnte Möglichkeiten, auch wenn über die hauchdünnen Screens jede Menge Müll in die warmen Stuben flimmert.

«Es war absurd und erschreckend»: Reportage von der Weltpremiere in Berlin

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Der echte Diktator, den alle für eine perfekte, etwas schräge Parodie des wahren Führers halten, findet den Weg in die deutsche Unterhaltungsbranche. Hitler erkennt die Chance, die ihm das Massenmedium Fernsehen bietet. Die Volksverdummung will er sich zu Nutzen machen, die geistige Leere in der Gesellschaft wird ihn zurück an die politische Macht katapultieren. Die Menschen brauchen ihn. Tatsächlich. Schon bald wird Hitler zu Talkshows eingeladen. Wo der vermeintliche Komiker auftritt, schnellen die Einschaltquoten in die Höhe.

Die beklemmende Ebene

Der 100 Minuten dauernde Streifen ist Fiktion und dokumentarisch zugleich. Oliver Masucci tourt als Hitler-Imitat quer durch Deutschland. Er spricht mit der Verkäuferin einer Würstchenbude, mit den Herren beim Stammtisch, mit dem Schäferhunde-Züchterverein, einem NPD-Anhänger und johlenden Fussball-Fans. Und hier ist der Film nicht mehr komisch. Auf der Strasse recken einige, vielleicht zum Spass, vielleicht aus Reflex, den Arm zum Hitlergruss.

Was passiert eigentlich, wenn man als Hitler verkleidet durch die Stadt läuft?

Was passiert eigentlich, wenn man als Hitler verkleidet durch die Stadt läuft?

Die Menschen reagieren im direkten Gespräch zu grossen Teilen erst perplex, danach fast unterwürfig. Sie räumen auf Hitlers Fragen ein, dass sie nicht glauben, in der Demokratie würde ihre Stimme zählen. Die Stammtisch-Runde gibt dem unechten Hitler, der so beklemmend echt wirkt, unverhohlen Auskunft über ihre Meinung zur angeblichen Ausländerflut. Der NPD-Lokalpolitiker gibt an, er würde diesem Mann bedingungslos gehorchen und folgen. Er scheint zu vergessen, dass hier nicht ein echter Führer vor ihm steht. Kein gutes Gefühl. Und es ist auch nicht angenehm, dass einem dieser Film-Hitler grundsätzlich sympathisch ist – obwohl er seine völkischen Gedanken offen preisgibt. Er tut das mit Charme und Eloquenz.

Brennend aktuell

In diesen Sequenzen geht der Film auf Aktualität ein. In Deutschland brennen wieder Asylheime, in Dresden gehen jede Woche Tausende auf die Strasse, um gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes zu protestieren. Doch sind diese Menschen deshalb empfänglicher für Demagogen? «Seinen aufklärerischen Wert gewinnt ‹Er ist wieder da› nicht daraus, was die Leute sagen, sondern dass sie es Hitler sagen», resümiert der «Spiegel». Und «Die Zeit» bemerkt: «Die Nachfahren derer, die ihn einst gewählt haben, würden ihn wohl wieder wählen.»

Der Historiker Axel Drecoll vom Institut für Zeitgeschichte in München hat sich den Film angesehen – schwarzmalen mag er trotz Passagen, die nachdenklich stimmen, nicht. «Es ist eine Konfrontation mit der Medienfigur Hitler mit der heutigen Gesellschaft. Der Film lässt genug Exit-Strategien, der Beobachter kann sich ausreichend von Hitler distanzieren.» Der 40-Jährige geht davon aus, dass es einer Figur wie Hitler heute nur schwer möglich wäre, sich mit menschenverachtenden und antidemokratischen Parolen an die Macht zu hieven. «Wir haben eine gut funktionierende Demokratie. Wir müssen wohl nicht mehr Angst als andere Demokratien auch vor einer Widerauferstehung einer Führerfigur haben.»

Andere Hitler-Parodien – Charles Chaplins «Der grosse Diktator» von 1940 ist wohl der Bekannteste von ihnen – formten das Monster zu einer lächerlichen Erscheinung und zerstörten dadurch seinen Mythos. In «Er ist wieder da» ist Hitler aber weder der Bösewicht noch die Witzfigur, sondern ein durchaus menschlich wirkender, grossgewachsener Mann, der eine kranke Gedankenwelt in sich trägt, deren dunkle Kraft aber durch Hitlers väterliches Auftreten kaschiert wird. Hier liegt die Kraft der Verführung.

Eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wird der Film indes kaum befeuern. Hitler läuft heute auf Doku-Kanälen rauf und runter. Aber David Wnendts Kino-Hit zeigt auch auf, dass die Menschen verführbar bleiben – und damit die Demokratie nicht so gefestigt ist, dass man sie sorglos für eine immerwährende Selbstverständlichkeit halten könnte.

«Er ist wieder da» – der Trailer zum Film.

«Er ist wieder da» – der Trailer zum Film.

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