Immer wieder Molenbeek: Der Brüsseler Stadtteil mit seinen rund 100 000 Einwohnern taucht regelmässig in den Nachrichten auf, wenn islamistische Terroristen in Europa aktiv sind.

Auch bei den Attentaten von Paris führten Spuren die Ermittler rasch nach Molenbeek. Inzwischen suchen die französischen Behörden per internationalem Haftbefehl den 26-jährigen Abdeslam Salah, einen gebürtigen Brüsseler. Er soll einer der Attentäter sein, konnte aber flüchten.

Ein zweiter Attentäter lebte in Molenbeek, wie die föderale Staatsanwaltschaft gestern mitteilte. Noch in der Nacht auf Samstag hatte die belgische Polizei Razzien in Molenbeek durchgeführt. Insgesamt wurden in ganz Belgien sieben Personen im Zusammenhang mit den Attentaten von Paris verhaftet. Ein Auto nahe des Musikclubs Bataclan, das die Attentäter vermutlich benutzt hatten, hatte belgische Nummernschilder. Im Wageninnern lagen Parkzettel zudem aus Molenbeek.

«Laissez-faire-Stimmung»

Politiker in Belgien reagierten alarmiert. «Ich werde in Molenbeek nun aufräumen», kündigte der belgische Innenminister Jan Jambon am Sonntag in einem Fernsehinterview an. «Wir können das nicht mehr akzeptieren. Wir müssen schauen, wie wir das Problem angehen können, und es ein für alle mal auslöschen.» Auch Premierminister Charles Michel sagte, man zahle jetzt die Rechnung für die Versäumnisse der Vergangenheit. «Es herrschte eine Stimmung des Laissez-faire», sagte Michel in einem Interview.

Belgien hat seit Jahren Probleme mit Islamisten. Schon vor fünf Jahren rekrutierte die Organisation Sharia4Belgium in Antwerpen und ganz Belgien muslimische Kämpfer für den Irak und später für Syrien. Es dauerte Jahre, bis Sharia4Belgium ausgehoben wurde. Inzwischen sitzt ihr Anführer Fouad Belkacem hinter Gittern. Im vergangenen Jahr wurde ihm der Prozess gemacht. Insgesamt wurden 46 Mitglieder der Organisation vor Gericht gestellt.

Verschwunden sind die islamistischen Netzwerke jedoch nicht aus Belgien. Nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» kam die belgische Polizei einer neuen Generation von Fanatikern auf die Spur, die zum Teil mit Sharia4Belgium in Verbindung gestanden hatten. Sie planten Angriffe auf Polizisten und Polizeistationen. Erst kurz vor deren Ausführung konnten die Behörden die Zelle im vergangenen Februar hochgehen lassen. Einige Mitglieder der Gruppe waren zuvor nach Syrien gereist und hatten mutmasslich dort gekämpft.

UNO hatte gewarnt

Diesen Weg haben in Belgien gemäss Schätzungen zwischen 250 und 400 Jugendliche gewählt. Belgien, ein Land mit nur gerade 11 Millionen Einwohnern, gilt damit als europäisches Land mit der höchsten Konzentration an «Foreign Fighters». Im Mai 2014 etwa tötete ein Islamist, allerdings aus Frankreich, im jüdischen Museum von Brüssel vier Personen. Zudem hat Belgien den Ruf eines Umschlagplatzes für illegale Waffen. Amedy Coulibaly, einer der «Charlie Hebdo»-Terroristen, hatte sein Sturmgewehr in Belgien gekauft. Mitte Oktober hatte die Arbeitsgruppe der UNO zum Söldnertum Belgien gewarnt. Das Land müsse auf allen Staatsebenen besser gegen die Kämpfer vorgehen. «Sonst ist das Land einer bedeutenden Drohung ausgesetzt», hiess es in dem Bericht der Expertengruppe.

Sie empfiehlt Belgien, die Forschung über «Foreign Fighters» und deren Betreuung zu intensivieren. Allerdings gestaltet sich die Prävention schwierig. «Das Profil der Kämpfer ist sehr unterschiedlich. Im Durchschnitt sind sie 23 Jahre alt, doch der Wert sinkt», sagte Elzbieta Karska, Chefin der Expertengruppe. Zunehmend würden auch Frauen in den Krieg ziehen.

Schlecht integriert

Fachleute nennen als einen Grund dafür die mangelnde Integration vieler Muslime in Belgien. Diese stammen mehrheitlich aus der Türkei und Marokko. Sie oder ihre Vorfahren kamen seit den 1950er-Jahren als billige Arbeitskräfte nach Belgien. Heute prägen Muslime das Bild einiger Stadtteile. Während landesweit geschätzte sechs Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind, zählen einige wenige Gemeinden wie Molenbeek einen Anteil von 39 Prozent und mehr. Das erschwert die Integration.

Für junge Muslime der zweiten und dritten Generation stellt die Herkunft einen Hemmschuh für den sozialen Aufstieg dar. Während in Brüssel mehrsprachige, hoch qualifizierte Fachkräfte Spitzenlöhne verdienen können, finden junge Muslime oft keine Arbeit.

Doch obwohl seit Jahren bekannt ist, dass solche Milieus die Entstehung extremistischen Gedankenguts fördern, werden Geheimdienste und Polizei des Problems nicht Herr. Premier Michel verteidigte ihre Arbeit indes: «Sehr viele Personen, die wir der Beziehungen zu Radikalen verdächtigen, werden abgehört und überwacht.» Man müsse ein Gleichgewicht finden zwischen Sicherheit und individueller Freiheit. Doch müssten die Geheimdienste mehr Kompetenzen erhalten. Zudem habe sich die Situation bereits verbessert. In den vergangenen Monaten hat die belgische Regierung mehr als 70 Identitätskarten von Verdächtigen eingezogen, um sie an der Ausreise zu hindern.