Sie kontrollieren Teile ganzer Bezirke in Neukölln, im Wedding, Kreuzberg oder Moabit: Ein Viertel sämtlicher Straftaten der Organisierten Kriminalität geht in Berlin auf das Konto arabischer Grossfamilien, die einflussreichen Clans tragen Familiennamen wie Remmo, Abou-Chaker, Al-Zein oder Miri. Ihre Geschäfte: Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung, Raubüberfälle. Immer wieder gibt es Schwerverletzte, manchmal auch Todesopfer. Der Raub einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze im Wert von 3,7 Millionen Euro aus einem Berliner Museum 2017 geht laut den Ermittlern auf das Konto einer Grossfamilie. Im September wurde ein Clan-Chef auf offener Strasse im Beisein seiner Kinder erschossen. Hintergrund: vermutlich ein Revierstreit im Drogenhandel.

Die Behörden sprechen von 13 «sicherheitsrelevanten Grossfamilien» in der Hauptstadt mit bis zu 10'000 Mitgliedern. Deutschlandweit haben arabische Grossfamilien Schätzungen zufolge etwa 200'000 Mitglieder. Freilich sind nicht alle kriminell. Aber die Loyalität in den Clans ist so ausgeprägt, dass Jugendämter kaum an die heranwachsenden Familienmitglieder herankommen.

Sozialhilfe und teure Rolex

Nun wollen die Berliner Behörden entschiedener gegen die mafiösen Strukturen und die Clans vorgehen. Senat, Polizei und Justiz haben einen Fünf-Punkte-Plan verabschiedet. Wichtigstes Mittel: Die Behörden sollen fortan leichter Vermögenswerte der Clan-Mitglieder einziehen können, wenn der Verdacht besteht, dass diese aus illegal erworbenen Geldern beschafft worden sind. Bei einer Razzia in diesem Juli beschlagnahmte die Polizei insgesamt 77 Häuser und Wohnungen einer arabischen Grossfamilie mit einem Gesamtwert von fast 10 Millionen Euro. Es wird vermutet, dass viele der Objekte in Berlin und Brandenburg von libanesischen Strohmännern erworben worden waren.

Viele Clan-Mitglieder leben in grossen Wohnungen, tragen schicke Rolex-Uhren und fahren teure Fahrzeuge wie BMW oder Mercedes, leben aber offiziell von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld Hartz IV. Doch bei Kontrollen stellt sich heraus, dass etwa die Fahrzeuge – offiziell – Bekannten oder Verwandten gehören, die Uhren werden als Geschenke angegeben. Die Behörden haben Mühe, die Geldflüsse zu verfolgen. Die illegal erworbenen Gelder werden gewaschen, die weitverstrickten Clans investieren in Immobilien im In- und Ausland, in Bäckereien, Restaurants oder Shisha-Bars in der Hauptstadt. «Durch solche Geschäfte wird illegales Geld zu legalem Geld», sagt die Berliner Oberstaatsanwältin Petra Leister.

An der «Front» agieren oft jugendliche Clan-Mitglieder. Kommt es doch mal zu Gerichtsverhandlungen, werden die Täter nach Jugendstrafrecht meist milde verurteilt, Zeugen verweigern die Aussage aus Furcht vor Rache der Familienmitglieder. Dirk Jacob, Dezernatsleiter für organisierte Bandenkriminalität im Landeskriminalamt Berlin, sagte unlängst in einem Zeitungsinterview: «Diese Straftäter gehören einer Parallelgesellschaft an. Sie verhalten sich quasi nach Stammesregeln. Deutsche Werte und Normen, vor allem Rechtsinstanzen und Behörden, werden einfach nicht anerkannt.»

«Ideologischer Schleier»

Der Berliner Migrationsforscher Ralph Ghadban, gebürtiger Libanese, kennt die Berliner Clan-Szenen wie kaum ein anderer. In seinem Buch «Arabische Clans – Die unterschätzte Gefahr» erklärt Ghadban, dass die Clans in den 1980er-Jahren aus den Wirren der Nahost-Konflikte und des libanesischen Bürgerkrieges nach Deutschland ausgewandert waren. In Deutschland wurden die Flüchtlinge abgeschottet, es war ihnen nicht erlaubt zu arbeiten, sie lebten – mit staatlicher finanzieller Hilfe – auf engstem Raum in Flüchtlingsunterkünften ohne Perspektive. Es wuchs so eine von der Sozialhilfe lebende Generation heran, die ihr Überleben nur in einer starken Familiengemeinschaft sichergestellt sah, an Reichtum und Wohlstand in der neuen Heimat aber partizipieren wollte und so in kriminelle Strukturen geriet.

«Man hat das Problem der Grossfamilien nicht sehen wollen», sagt Ghadban gegenüber unserer Zeitung. Berlin habe auch daher ein Problem mit Clan-Strukturen, weil «ein ideologischer Schleier und eine falsch verstandene Multikulti-Ideologie» über Jahre den Blick auf die Realität versperrt habe.