Analyse

Die Kriegshelden haben ausgedient – und zwei weitere Erkenntnisse zum Wahlausgang im Kosovo

Alles neu im Kosovo: Die einstige Opposition kommt im kleinen Land an die Macht.

Alles neu im Kosovo: Die einstige Opposition kommt im kleinen Land an die Macht.

Das jüngste Land Europas hat am Sonntag gewählt. Zwei bisherige Oppositionsparteien schnitten am besten ab und werden aller Voraussicht das Land gemeinsam regieren. Die alte Kriegsgarde, die den Kosovo seit Ende des Krieges 1999 anführte, hat ausgedient. Drei Erkenntnisse zum historischen Wahlergebnis.

1. Die alten Helden sind verblasst

Das ging schneller als gedacht: Genau 20 Jahre nach dem Ende des blutigen Krieges, den die abtrünnige Provinz Kosovo gegen Serbien zwischen 1998 und 1999 ausgefochten hat, haben die Unabhängigkeitskämpfer von damals ihre politische Macht mehrheitlich verloren. Dabei – so sahen das einstige Rebellen wie der im Sommer zurückgetretene Premierminister Ramush Haradinaj oder der noch immer amtierende Präsident Hashim Thaçi – waren sie es doch, die dem Kosovo den Weg in eine eigenständige Zukunft erst freiräumten.

Doch die einstigen Helden der kosovarischen Unabhängigkeitsarmee UCK haben sich als politische Lenker des Landes weit weniger geschickt angestellt als damals als Kampfverband gegen die serbischen Unterdrücker. Ihr korruptes Geschacher – alleine die Partei von Präsident Hashim Thaçi soll jährlich rund 200 Millionen Franken mit maximal halblegalen Geschäften verdienen – hat ihrem Ruf schwer geschadet.

Zudem droht ihnen Ungemach vom neuen Sondergericht für die Verbrechen im Kosovokrieg, das in Den Haag seine Arbeit aufgenommen hat. Trotzdem: Die kosovarischen Wähler haben die alten Garden rassiger abgestraft, als das mancher Beobachter erwartet hätte.

2. Ohne Helden kann der Kosovo trotzdem nicht

Der neue Held heisst Albin Kurti und hat nur ein erklärtes Ziel: Schluss mit dem Gemauschel! Der kraushaarige Polit-Rebell mischt die Debatten im Kosovo seit den späten Neunzigerjahren auf und ist auf dem besten Weg, am Ende der anstehenden Koalitionsverhandlungen als neuer Premierminister eingesetzt zu werden. Im Krieg wurde Kurti von den Serben verhaftet, gefoltert und zu 15 Jahren Straflager verurteilt.

Erst auf Druck des Westens kam er wieder frei. Genau mit diesem Westen aber geht Kurti hart ins Gericht. In einem Interview mit dieser Zeitung sagte er im vergangenen Jahr, Europa müsse aufhören, den Kosovo als rückständiges Armenhaus zu betrachten. Man brauche niemanden, der einen bevormundet und einem gleichzeitig den Weg zur Freiheit versperrt (Kosovo ist bis heute das einzige europäische Land, dessen Bürger ein Visum für die Einreise in den Schengenraum brauchen). Kurti will, dass sich der Kosovo selber reformiert: Er will einen Drittel der Ministerien schliessen, serbische Waren boykottieren, die Ideen eines Landtausches (den serbischen Norden Kosovos gegen das von Albanern bewohnte Presovo-Tal) ein für allemal begraben und einen Schlussstrich ziehen unter die Sondergerichte, die alte Kriegswunden neu aufreissen.

Paradoxerweise war es genau das neue Sondergericht für die Verbrechen im Kosovo-Krieg, das den letzten Premier Ramush Haradinaj als Verdächtigen vorgeladen und ihn damit zum Rücktritt bewegt hatte. Ohne Haradinajs freiwilligen Abgang wäre Kurti heute weit weniger nah an den Hebeln der kosovarischen Macht.

3. Die neuen Vorbilder sind jung und topfit

Keine Schengen-Einreise ohne Visum, grassierende Korruption, nur jeder vierte Mann (und nur jede achte Frau) mit einer Festanstellung und eine der ärmsten Bevölkerungen Europas: Die 1,8 Millionen Kosovaren haben allen Grund zur Sorge. Die wahren Probleme des alltäglichen Lebens werden oft überdeckt von neuen Spannungen mit dem unliebsamen Nachbarn Serbien, der den Kosovo noch immer nicht anerkennt. Ohne zielführende Gespräche mit den Serben aber bleibt beiden Ländern der lange Weg in die EU versperrt.

Die neuen Helden des Kosovo müssen über ihren Schatten springen und darauf hoffen, dass es ihnen ihre serbischen Pendants gleichtun. An Vorbildern dafür mangelt es nicht. Zu suchen sind die allerdings nicht in den alten Geschichtsbüchern über die Schlachten des Kosovo-Kriegs, sondern viel eher im Sport. Die kosovarische Fussball-Männernati darf von der erstmaligen Qualifikation für die Europameisterschaft träumen. Und die kosovarische Extremsportlerin Uta Ibrahimi ist drauf und dran, alle 14 8000er dieser Welt in Rekordtempo zu erklimmen.

Junge Kosovaren zeigen, was es für wahre Heldentaten braucht: keine leeren Versprechen, sondern eiserne Disziplin. Sonst wird das nichts.

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