Mitte September hat Holger Thurm seinen Antrag auf Mitgliedschaft bei den Berliner Grünen eingereicht. Die EU- und Aussenpolitik, die Klimaziele, den Kohlenausstieg, die Gefahr von Rechts: Diese Themen beschäftigen ihn. Thurm wählt die Grünen seit Jahren.

Doch die Bilder von diesem Sommer, von Naturkatastrophen und vermüllten Weltmeeren, dann dieser Hitzesommer in Europa, die gaben dem 46-Jährigen den letzten Anstoss, sich politisch ins Zeug zu legen. «Es mag pathetisch klingen: Aber wir müssen mit aller Kraft für den Erhalt der Schöpfung kämpfen», sagt Thurm, ein Journalist und Kommunikationsexperte.

Schon 5000 Deutsche haben es in diesem Jahr Thurm gleichgetan und sind den Grünen beigetreten. Die Partei zählt heute über 70'000 Mitgliedern und regiert in neun Bundesländern mit. Das ist Rekord. Die Grünen sind attraktiv für eine linksliberale, vor allem urbane Klientel – und das ganz ohne Fukushima-Effekt. Sie haben sich schon beinahe einen bürgerlichen Anstrich verpasst, ihr Führungsduo Robert Habeck und Annalena Baerbock steht nicht mehr für das Aufmüpfige früherer Jahre, als die Grünen fünf Mark pro Liter Benzin gefordert und sich für einen obligatorischen Vegetarier-Tag in öffentlichen Kantinen eingesetzt hatten. «Aus der chaotischen Truppe von einst ist eine staatstragende, grösstenteils wohlfrisierte Partei geworden», stellte der «Spiegel» vorige Woche fest.

Immun gegen die AfD

In Umfragen hat sich die Partei sukzessive vor die SPD geschoben und kommt landesweit auf 20 Prozent. Vor knapp zwei Wochen wurden sie in Bayern mit 17,5 Prozent zur zweitstärksten Kraft. Und diesen Sonntag stehen die Wahlen in Hessen an. Der Grüne Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir ist im 6,2 Millionen Einwohner zählenden Bundesland enorm beliebt.

Der 47-jährige Sohn einer Deutschen und eines Jemeniten ist seit Januar 2014 hessischer Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr. Die Zusammenarbeit mit dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) in der schwarz-grünen Koalition funktioniert geräuschlos. Eigentlich würden beide Politiker das Bündnis gerne weiterführen. Doch die Schwäche der CDU dürfte eine Neuauflage der Regierung aus CDU und Grünen verhindern. Die CDU stürzte von 38,3 Prozent (Wahlen 2013) auf 26 Prozent ab. Auch die SPD dürfte herbe Verluste von bis zu 10 Prozent einfahren. Die Grünen hingegen konnten ihren Wert laut Umfragen beinahe verdoppeln: von 11 Prozent vor fünf Jahren auf 21 Prozent.

Wiederum scheinen die Parteien der Grossen Koalition in Berlin abgestraft zu werden, wiederum droht Ungemach in der Berliner Regierung. In Hessen sind verschiedene Bündnisse denkbar, vielleicht sogar unter einem Ministerpräsidenten Tarek Al-Wazir, der mit SPD und Linkspartei oder mit SPD und FDP eine Regierung bilden könnte.

Den Grünen kommt zugute, dass sie im Herbst 2017 Hand bieten wollten für ein Mitregieren in einem Jamaika-Bündnis. Da hatten sie gezeigt, dass sie Verantwortung übernehmen möchten. Dass das Bündnis wegen der FDP geplatzt ist, entpuppt sich nun als Glücksfall für die Grünen. Zudem profitieren sie vom Aufstieg der rechtspopulistischen AfD.

Die Grünen sind so etwas wie deren natürlicher Feind. Sie stehen für eine liberale Gesellschaft, für die gleichgeschlechtliche Ehe und für offene Grenzen für Schutzsuchende. Während SPD, Union, FDP und Linkspartei Wähler an die AfD verlieren, wandert von den Grünen fast niemand ins Lager der Rechtspopulisten ab.

Alles nur eine Blase?

«Die Grünen treten moderner, zukunftsgewandter auf als die SPD. Zudem tritt die Partei nach aussen hin sehr geschlossen auf», sagt der Mainzer Parteienforscher Jürgen Falter. Falter spricht von einem «Höhenflug der Grünen, der auch wieder abebben kann». Wird Merkel dereinst nicht mehr Kanzlerin sein und würde es die SPD schaffen, ihr Potenzial auszuschöpfen, in dem sie den Fokus auf die Arbeitnehmer legt, könnten die Grünen an Boden einbüssen, glaubt Falter.

Denn gerade bei Arbeitern und in ländlichen Gegenden ist die Partei noch schwach verankert. Kommt hinzu, dass den Grünen eine starke Basis in Ostdeutschland fehlt. Die Partei ist bis heute primär eine westdeutsche Kraft. Nichtsdestotrotz bescheinigt Falter der Ökopartei das Potenzial einer auf Dauer mittelgrossen Partei. «Das Parteiensystem ordnet sich gerade neu, künftig könnten wir etwa drei gleich grosse Blöcke haben von SPD, Union und Grünen.»
Auch Grünen-Wähler Holger Thurm glaubt an einen nachhaltigen Erfolg seiner Partei. «Der Klimawandel ist kein vorübergehendes Phänomen, insofern ist auch die Stärke der Grünen nicht vorübergehend», sagt Thurm. Der 46-Jährige sieht sich als einen Mann der politischen Mitte. «Es geht nicht um rechts oder links, sondern um den Erhalt des Ökosystems. Das ist weder konservativ noch progressiv, sondern notwendig.»