Jemen

«Die grösste humanitäre Katastrophe der Welt» – Geld allein lindert die Not nicht

Jemen im Bürgerkrieg: Die 27 Millionen Einwohner des südarabischen Landes kämpfen zu Hause um ihr Überleben.

Jemen im Bürgerkrieg: Die 27 Millionen Einwohner des südarabischen Landes kämpfen zu Hause um ihr Überleben.

Seit zwei Jahren versinkt das ärmste arabische Land im Bürgerkriegschaos. Die UNO will bei einer Geberkonferenz ein neues Hilfspaket schnüren.

Seit Monaten machen internationale Hilfsorganisationen auf die humanitäre Katastrophe im Jemen aufmerksam. Mit immer drastischeren Worten werden die Leiden der Zivilbevölkerung beschrieben. Doch die Hilferufe stossen – anders als im Fall Syriens – meist auf taube Ohren.

«Die grösste humanitäre Katastrophe der Welt», so ein UNO-Sprecher vor einigen Tagen, werde achselzuckend zur Kenntnis genommen. Denn noch stehen keine Jemeniten vor den Toren Europas.

Die 27 Millionen Einwohner des südarabischen Landes kämpfen zu Hause um ihr Überleben. Zwei Drittel von ihnen sind auf Nothilfe angewiesen. Alle zehn Minuten stirbt ein Kind an vermeidbaren Krankheiten; 1,2 Millionen jemenitische Kinder sind unterernährt und in akuter Lebensgefahr.

Hunger als Waffe

Um sie zu retten, reichen finanzielle Hilfspakete, wie sie gestern auf der Geberkonferenz in Genf geschnürt wurden, jedoch nicht aus. Die Nothilfe muss das Land auch erreichen. Doch die Kaianlagen am Rotmeer-Hafen von Hodeida, dem grössten des Landes, sind verwüstet. Die sechs Ladekräne sind von der saudischen Luftwaffe zerstört worden.

Die Saudis verhindern auch, dass neue, von der UNO schon bereitgestellte Ladekräne Hodeida erreichen. Davon würden die schiitischen Huthi profitieren, argumentiert die Militärführung in Riad, der nicht nur Care-Sprecher Marten Mylius vorwirft, «Hunger als Waffe billigend in Kauf zu nehmen».

Für die Saudis ist Hodeida ein Kriegshafen, über den die Huthi Waffen erhalten könnten. Dass weit mehr als die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung auf Hilfslieferungen über Hodeida angewiesen ist, wird ignoriert. Nach arabischen Presseberichten planen die von den Armeen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate unterstützten Regierungsstreitkräfte Jemens die Eroberung von Hodeida. Die Huthi, so die Hoffnung, würden dann zusammenbrechen.

Krieg greift auf Saudi-Arabien über

Militärexperten bezweifeln dies. Trotz den dritthöchsten Militärausgaben weltweit habe es Saudi-Arabien in den letzten 25 Monaten nicht geschafft, das ärmste und unterentwickeltste Land Arabiens zu besiegen, stellt Michael Horton von der Jamestown Foundation nüchtern fest. Wie andere Interventionsmächte zuvor versinke auch Saudi-Arabien im Morast des Jemens. Pläne zur Beendigung des Krieges seien nicht erkennbar. Stattdessen habe der Krieg inzwischen auf Saudi-Arabien selbst übergegriffen, betont der amerikanische Jemen-Experte Bruce Riedel.

Das wahhabitische Königreich wird im laufenden Jahr mehr als 51 Milliarden Dollar für Rüstung ausgeben – 6,7 Prozent mehr als 2016. Westliche Waffenlieferanten stehen Schlange, weil sie wissen, dass prompt bezahlt wird. Bei seinem Besuch in Riad wies der amerikanische Verteidigungsminister James Mattis die Saudis zwar freundlich darauf hin, dass der Krieg im Jemen nicht militärisch gewonnen werden kann. Druck auf seinen arabischen Partner will Washington vorerst aber nicht ausüben. Vielmehr soll Saudi-Arabien auch weiterhin mit Waffen und Geheimdienstinformationen versorgt werden. Dass damit die humanitäre Katastrophe im Jemen weiter verschärft wird, blendet man aus.

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