Niemand hat behauptet, es werde einfach. Man nehme vier EU-Topjobs und organisiere die Kandidatensuche wie folgt: regionale Repräsentation, Abbildung der Parteienstärke, ausgewogenes Geschlechterverhältnis. In den wichtigsten Job kann nur gewählt werden, wer vorher Spitzenkandidat bei den EU-Wahlen war. Wahlgremium sind 28 Länder, Einstimmigkeit wird angestrebt. Und über allem schwebt der Grundsatz: Jeder versucht, für sich das Optimum herauszuholen.

Kein Wunder, ergibt sich daraus eine Komplexität, welche die Kompromissmaschine EU ins Stocken bringt. Am Montag ist sie sogar zum Erliegen gekommen. Verärgert und übermüdet haben sich die EU-Staats- und -Regierungschefs getrennt, um es am Dienstag, mit frischem Kopf, nochmals zu versuchen.

Es ist bereits das dritte Gipfeltreffen, das ohne Ergebnis zu Ende geht. Frankreichs Präsident Macron hat einen Punkt, wenn er findet: Es entsteht ein Bild von einem zerstrittenen Haufen, welcher der ganzen Welt Lektionen erteilen will, aber nicht mal im eigenen Haus für Ordnung sorgen kann. Das ist der Stoff, aus dem Politikverdrossenheit gemacht ist.

Allerdings weiss man gerade in der Schweiz: Wo nicht einfach beschlossen wird, sondern Konsens und Kompromiss gesucht und möglichst viele Einzelinteressen eingebunden werden, braucht es Zeit. Braucht es eine weitere Runde, mag das nerven. «Entscheidend ist, was hinten rauskommt», wusste schon Einheits-Kanzler Helmut Kohl. Insofern operiert die EU
bei der Besetzung der Spitzenposten für einmal im Schweiz-Modus.

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