Kanzlerkandidat

Deshalb macht Peer Steinbrück Wahlkampf mit der Schweiz

«Klartext» in Berlin: Bürger können Peer Steinbrück alles fragen, was sie wollen.Keystone

«Klartext» in Berlin: Bürger können Peer Steinbrück alles fragen, was sie wollen.Keystone

Deutschlands Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will Boden gegenüber Angela Merkel gutmachen und hat Steuersünder im Visier. Sein bekanntes Mundwerk beschert der Schweiz auch im Wahlkampf Häme.

Notizen? Unterlagen? Wenigstens ein kleiner Spickzettel? Fehlanzeige. Derlei braucht Peer Steinbrück nicht. Der SPD-Kanzlerkandidat steht im Berliner Veranstaltungszentrum Tempodrom und spricht völlig frei. Die Ränge um ihn sind dicht gefüllt, Dutzende Menschen sind gekommen, um Steinbrück bei seinem Wahlkampfauftritt zu sehen.

«Klartext» heisst die Veranstaltungsreihe, Bürger können alles fragen, was sie wollen. In der SPD fürchtet man sich schon ein bisschen davor, denn Steinbrücks loses Mundwerk ist mittlerweile Legende. Und da stellt ein Zuhörer auch schon eine Frage, die Steinbrück gut gefällt: Was er als Kanzler denn tun werde, um mehr Steuergerechtigkeit in Deutschland zu schaffen?

Steinbrück hält kurz inne,zeigt sein Wolfsgrinsen und sagt süffisant: «Reden wir über Steueroasen. Das ist meine Spezialität.» Das Publikum lacht, und Steinbrück fügt hinzu: «Es gibt viele, die darauf warten, dass ich wieder eine erhellende Formulierung dazu beitrage.»

Nicht gegen die Schweiz, und dennoch...

Vor einigen Jahren hatte er ja noch die Kavallerie in die Schweiz schicken wollen und Österreich mit Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, verglichen. Dergleichen lässt er diesmal bleiben. Doch ohne Seitenhieb auf die Schweiz kommt er auch im Wahlkampf nicht aus. Es sei nämlich «keine depperte Idee» gewesen, den Druck auf die Eidgenossen zu erhöhen. Zehn Jahre «Leisetreterei» habe nichts gebracht, als er selbst aber das Thema mit etwas deftigeren Worten auf die Tagesordnung gebracht habe, habe sich endlich etwas bewegt. «Es ging nie gegen die Schweiz», betont Steinbrück, es sei immer gegen Steuersünder gegangen. Denn: «Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt, sondern Betrug.» Er wisse, dass mittlerweile auch viele Schweizer Bankenvertreter «aus dem Geruch rauskommen wollen», daher sei es wichtig, verstärkt auf internationalen Datenaustausch zu setzen: «Den Kampf gegen Steueroasen müssen wir mithilfe der OECD, der EU und unserer Nachbarländer führen.»

Steinbrück ist in seinem Element. Finanzen und Steuerpolitik, das sind seine Themen. Und überhaupt: Er hat nichts gesagt, was man ihm nachher wieder vorwerfen könnte. Da passt er jetzt nämlich höllisch auf, und so gerät ein weiterer Termin ein wenig zur Kabarettnummer. Seine Strategen haben Steinbrück ein Gespräch mit jungen Schauspielern im Deutschen Theater verpasst. Mit ihnen soll er über die Zukunft reden, sich von seiner menschlichen Seite zeigen und so endlich Boden gegenüber der deutschen Kanzlerin Angela Merkel gutmachen. Fünfeinhalb Monate vor der Bundestagswahl liegen CDU/CSU bei 40 Prozent, die Sozialdemokraten nur bei 29 Prozent.

Peer im Bad

Heiss ist es in dem kleinen Probenraum und schummrig. Um zwölf Uhr mittags riecht es schon wie im Elefantenhaus des Berliner Zoos, der Raum ist völlig überfüllt. Dennoch steht der Kandidat vor einem intimen Moment. «Ich darf dich doch duzen?», fragt Schauspielschülerin Antonia und erkundigt sich sicherheitshalber noch: «Pierre oder Peer?»

Dann kommt es noch besser: Peer soll sich mit ihr ins «Bällebad» legen, ein Schwimmbecken, das mit Plastikbällen gefüllt ist. Steinbrück tut es, ohne zu zögern. Kaum hat er es sich bequem gemacht, da wird er von Antonia befragt, welche drei Dinge er in die Zukunft mitnehmen wolle. «Ein Taschenmesser, ‹Krieg und Frieden› von Tolstoi und eine Flasche Rotwein», sagt er. Welchen Rotwein, will die 19-Jährige wissen. Bei Aldi gebe es ja recht billigen.

«Nee, nee», schnarrt es da energisch aus dem Plastikbecken, «zu Marken sage ich nichts, und über Preise rede ich schon gar nicht mehr.» Klippe umschifft. Im Dezember hatte Steinbrück noch erklärt, Pino Grigio unter fünf Euro die Flasche würde er nicht trinken. Das kam nicht gut an. Genauso wenig wie seine Forderung nach einem höheren Kanzlergehalt oder seine Aussage, wonach die Italien-Wahl «zwei Clowns» (Beppe Grillo und Silvio Berlusconi) gewonnen hätten.

Ein Lied für die Zukunft darf sich Steinbrück dann noch wünschen. Es ist «Walk on the Wild Side» von Lou Reed. Klingt ganz nach dem Kandidaten selbst.

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