Ein Hinterzimmer des Sportpalastes in Lyon. Emmanuel Macron strahlt buchstäblich, noch ganz erhitzt von seinem über zweistündigen Auftritt vor 5000 Anhängern, denen er Dinge sagte wie: «Je vous aime farouchement» – ich liebe euch wie wild. Dicht neben dem Sonnyboy mit den blauen Augen steht eine Frau im besten Alter, mit Highheels und breitem Lachen, das von einer blonden Mähne eingerahmt wird.

«Sie könnte seine Mutter sein, nicht?» raunt ein Lokaljournalist. Brigitte Macron hört es nicht, und sie würde auch nicht hinhören. Sie hat den Satz schon zu oft gehört. Nicht, dass er ihr peinlich wäre. Unverblümt hat sie zu einem TV-Starmoderator gesagt: «Wir müssen uns beeilen mit der Präsidentenwahl, denn ich weiss nicht, welche Visage ich in ein paar Jahren haben werde.»

1993 in Amiens, einer anderen französischen Provinzstadt im Norden. Emmanuel ist 15 Jahre alt, ein aufgeweckter, rundum beliebter Schüler des Jesuiten-Lyzeums Providence. Der Jüngling denkt noch nicht an Politik. Er besucht den Theaterklub der Schule, der von der Französischlehrerin Brigitte Auzière geleitet wird. Auch sie ist beliebt und stadtbekannt. Sie stammt aus einer alteingesessenen Schokolade- und Konfiserie-Dynastie von Amiens, ist sie mit einem Bankdirektor verheiratet und zieht drei Kinder gross.

Eine unmögliche Beziehung

Bald zeigt sich, dass Madame Auzière und der frühreife Klavierspieler eine gemeinsame Leidenschaft für das Musische haben. «Mit vier Händen», wie sich eine Kennerin elegant ausdrückt, schreiben sie sogar ein Theaterstück, das am Lycée de Providence aufgeführt wird.

Hinter den Kulissen aber hat eine weitere Geschichte begonnen. Unausgesprochen, aber spürbar für alle spinnt sich eine Beziehung zwischen der Lehrerin und dem Schüler an, zuerst natürlich platonisch, schliesslich ist Emmanuel noch im Schutzalter.

Brigitte Auzière weiss um ihre Gefühle und das Risiko. Amiens ist eine traditionelle, bürgerlich wählende Stadt; Brigitte ist verheiratet, Emmanuel Sohn eines ortsbekannten Neurologen. Eine unmögliche Beziehung. Die 40-jährige Lehrerin fleht den 16-Jährigen an, von ihr zu lassen und nach Paris zu ziehen.

Er wechselt tatsächlich ans dortige Lycée Henri IV, das vielleicht beste Frankreichs. Bevor er abreist, sagt er ihr aber trotzig: «Sie werden mich nicht los. Eines Tages kehre ich zurück, um Sie zu heiraten.» Die Lehrerin wird später einräumen: «Ich wusste, dass er der Mann meines Lebens war.»

Zwischen Paris und Amiens kommt es zu stundenlangen Telefongesprächen, begleitet von diskreten Rendezvous. Brigitte bricht mit ihrem Ehemann, was in der Provinz-Bourgeoisie durchaus noch das Zeug zum Skandal hat. In Paris begleitet sie ihren jungen «Lover» – Brigitte mag solche englischen Ausdrücke – offen an Anlässe der Eliteuni Sciences Po, die Emmanuel nun besucht, oder zum Philosophen Paul Ricœur, der ihn unter die Fittiche genommen hat.

Auch in der Hauptstadt zieht das ungleiche Paar die Blicke auf sich. Aber bald gewöhnt sich die Entourage daran, und als Brigitte endlich von ihrem Mann geschieden ist, bittet Emmanuel sie um ihre Hand.

«Das tut man einfach nicht»

Die Hochzeit findet bewusst in Amiens statt, in aller Offenheit, mit einem gewaltigen Fest. Emmanuel ist 29, Brigitte 53. Ein Unterschied von 24 Jahren, getilgt durch die offensichtliche Komplizenschaft, die natürliche, selbstverständlich zelebrierte Liebe. Da sie geschieden ist, verweigert die Kirche die Trauung in der Kathedrale von Amiens.

Egal: Der Eheschluss ist ein Sieg über die Konventionen, über die etablierte Ordnung, über all die Provinznotablen, die jahrelang munkelten, eine angesehene Lehrerin mit drei Kindern verlasse nicht einfach ihren Mann. Schon gar nicht für einen Schüler. Man kann nur ahnen, wie oft Brigitte und Emmanuel diesen Satz gehört haben – wirklich oder imaginär: «Ça ne se fait pas!» – das tut man einfach nicht!

An jenem 20. Oktober 2007 ergreift Emmanuel Macron abends im Luxushotel Westminister des schicken Badeortes Le Touquet das Wort. Eine Videoaufnahme zeigt das Paar inmitten eines mondänen Publikums. Macron hält eine bewegte Rede über «ein nicht ganz normales Paar» und sagt mit Inbrunst den wichtigsten Satz des Abends: «Ich danke euch allen, die ihr uns so akzeptiert, wie wir sind.»

Seither ist das Paar unzertrennlich. In Le Touquet bewohnt es ein komfortables Stadthaus, (hat einen Hund und viel Besuch von Brigittes drei Kindern, die zur gleichen Generation wie Emmanuel gehören. Die jüngste, Tiphaine, zieht es sogar neben ihrem Stiefvater in die Politik.

Die meisten Zeit verbringen «les Macron» aber in einer 80-Quadratmeter-Wohnung in Paris. Emmanuel arbeitet zuerst bei der Bank Rothschild und fusioniert Firmen. Der frühere Mitterrand-Berater Jacques Attali stellt den brillanten Eliteschulabsolventen und Investmentbanker Präsident François Hollande vor. Der holt ihn in sein Kabinett, macht ihn 2014 gar zum Wirtschaftsminister.

«Chérie, du sprichst zu lang»

Der Aufstieg ist fulminant, kometengleich. Brigitte Macron bleibt unverrückbar an seiner Seite. Sie begleitet ihn an Wahlkampfausflüge aufs Land und an mondäne «Dîners-en-ville»; sie empfängt Journalisten, die einen Termin bei ihrem Mann haben, und verfolgt alle grossen Wahlmeetings aus der ersten Sitzreihe.

Seine Auftritte inszeniert sie selbst. «Chéri, da sprichst du zu lang, du musst Pausen einlegen», bedeutet die ehemalige Lehrerin ihrem früheren Schüler, wie in einem Dokumentarfilm des Regisseurs Pierre Hurel zu sehen ist. «Greif nicht zu früh an, du hast keine Energie zu verlieren. Hier musst du deine Stimme heben. Jetzt taucht sie ab.»

Man kann sich vorstellen, dass die Macrons überall Stadtgespräch sind – nicht nur in Amiens. Mit einem bisweilen spöttischen Unterton werden sie bereits mit den Obamas oder den Kennedys verglichen. Hacker – möglicherweise aus Russland - streuten, Macron habe ein Verhältnis mit dem Vorsitzenden von Radio France, Mathieu Gallet.

«Brigitte, mit der ich all meine Tage und Nächte teile, fragt sich, wie das möglich sei», lachte er vor Publikum die Gerüchte weg. «Wenn jemand ein Doppelleben mit Mathieu Gallet hat, muss es mein Hologramm sein.» Macron hat in den schwierigen Jahren vor seiner Heirat gelernt, mit Spiessersprüchen umzugehen und auf heimtückische Attacken richtig zu reagieren – nämlich gar nicht oder frontal.

Auch wenn er sich nicht an die Konventionen hält: Manieren hat er. Gelernt hat er sie in seinem Elternhaus, verfeinert in den Pariser Salons. Macron ist ein typisches Produkt der französischen Eliten – vom Lycée Henri IV über Sciences Po bis hin zur Ecole Nationale d’Administration (ENA).

Dabei wirkt er ehrlich betroffen, wenn er die Diskriminierung der Banlieue-Zonen anprangert und – ganz unfranzösisch – Bildungs- und Jobquoten für die Einwanderjugend fordert. Macron ist kein Revolutionär, auch wenn sein Bestseller «Révolution» heisst. Sein Wahlprogramm ist biedere politische Mitte, wirtschaftlich führt es die keynesianische Linie von François Hollande weiter.

Revolutionär ist nicht das Programm, sondern die Person: Der 39-jährige Politneuling, der noch nie einen Wahlkampf absolviert hat, will das alte Rechts-Links-Schema, das Frankreich seit Beginn der Fünften Republik im Jahre 1958 beherrscht, im Alleingang aushebeln.