Der Sieger der Europawahlen in Österreich hat gar nicht selber kandidiert. Es ist der Bundeskanzler Sebastian Kurz. Als die erste Wahltrendprognose um 17 Uhr eintraf und seiner Volkspartei (ÖVP) einen Zuwachs von 7,5 auf 34,5 Prozent voraussagte, skandierten die Parteimitglieder nicht etwa den Namen ihrer Spitzenkandidaten Othmar Karas oder Karoline Edtstadler, sondern riefen «Kanzler Kurz! Kanzler Kurz!».

Kurz hatte die Europawahl in den letzten Tagen vor dem Urnengang zum Plebiszit über seine Kanzlerschaft ausgerufen und sich mit einer Interview-Offensive auch als Wahlkämpfer engagiert. Denn heute Montag muss er sich im Parlament einem Misstrauensvotum stellen. Eingereicht wurde es von einer grünen Splitterpartei, nachdem die Regierungskoalition aufgrund des Video-Skandals auseinandergebrochen war. Die Aufnahme zeigt die rechtsnationalen Spitzenpolitiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus, wie sie davon träumen, dank den Millionen einer russischen Oligarchin die Boulevard-Zeitung «Krone» zu kapern und sie zur Wahlkampfmaschine für ihr Freiheitliche Partei (FPÖ) umzufunktionieren.

Strache und Gudenus traten zurück und die FPÖ stellte auf einen «Jetzt erst recht»-Wahlkampf um. Offenbar hatten sie mit grossen Verlusten gerechnet. Denn als die erste Wahlprognose ihr ein Minus von 2,2 Prozent auf 17,5 Prozent voraussagte, jubelten die Anhänger, als hätten sie die Wahl gewonnen.

Opposition kann nicht zulegen

Klar ist, dass die grösste Oppositionspartei, die Sozialdemokraten (SPÖ), die Krise der beiden Regierungsparteien nicht ausnutzen konnte. Sie blieb bei rund 23,5 Prozent Wähleranteil. Laut der ersten Trendprognose verlor sie 0,6 Prozent, was aber bei einer Fehlerquote von 2,5 Prozent kaum zu interpretieren ist. Entsprechend konsterniert reagierten die Genossen. Viel hatten sich Zuwachs erhofft.

Zufrieden mit ihrem Resultat zeigten sich die Grünen. Sie kamen auf 13,5 Prozent. Stabil blieben die liberalen Neos. Sie kamen auf 8 Prozent.

Die Wählerinnen und Wähler haben Kanzler Kurz vor dem heutigen Misstrauensvotum im Parlament klar gestärkt. Und die ÖVP-Politiker beschworen denn auch in jeder Wortmeldung das Vertrauen der Wähler. Trotzdem ist völlig offen, ob der 32-jährige Kurz das Land bis zu den Wahlen im Herbst noch regieren kann. Denn die beiden für den Ausgang des Votums entscheidenden Parteien, die SPÖ und die FPÖ, liessen im Laufe des Wahltages durchblicken, dass sie dem Kanzler weiterhin misstrauen. Die Sozialdemokraten kritisierten die Auftritte des Kanzlers als Wahlhelfer für seine Partei. Und FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky bekräftigte sein Misstrauen gegenüber einem Kanzler, der seinen Parteikollegen Herbert Kickl aus dem Innenministerium entfernte. Eine klare Aussage, ob sie nun dem Kanzler am Montag das Vertrauen entziehen, gab es allerdings von keiner Partei.