Brasilien

Der brasilianische Präsident plant wirtschaftliche Aktivitäten im Amazonaswald auf Kosten der Ureinwohner

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro setzt seine Attacken auf die Ureinwohner und die Umwelt fort. Nun will er Indigenen-Reservate für Minenfirmen und Erdölkonzerne öffnen. Experten befürchten eine Katastrophe.

In Brasilien wächst die Angst vor dem Aussterben der letzten isoliert lebenden Ureinwohner. 114 solcher Gruppen gibt es laut der Indio-Behörde Funai. Sie leben versteckt im Amazonaswald und bestehen oft nur aus wenigen Dutzend Menschen mit eigenen Sprachen. Brasilien ist das Land mit den weltweit meisten solcher vom westlichen Lebensstil noch unberührten Völker.

Brasiliens ultra-rechter Präsident Jair Bolsonaro will sie nun praktisch des Schutzes berauben, der ihnen von Gesetzes wegen garantiert wird. Er hat einen evangelikalen Pastor zum Koordinator für die Angelegenheiten der isolierten Völker ernannt. Ricardo Dias ist Anthropologe, hat aber jahrelang als Missionar im Reservat Vale do Javari an der Grenze zu Peru gewirkt.

Solche Missionierungsarbeit wird von Ureinwohnerverbänden und Menschenrechtsgruppen scharf kritisiert. Denn die Missionare sagen den Indigenen meist, dass ihre Sprache, Kleidung, Gesänge und Medizin vom Teufel kämen. Sie tragen Konflikte in die Gemeinden, berauben sie ihres Zusammenhalts und letztlich ihrer Identität.

Ein Geschenk für die evangelikalen Kirchen

Die bisherige Politik der Indio-Behörde Funai lautete, die isolierten Völker vor dem Kontakt mit der Aussenwelt zu schützen, solange sie diesen nicht selbst suchten. Dennoch drangen in den vergangenen Jahren immer öfter illegale Goldgräber in die Reservate ein, griffen die Indigenen an und schleppten Krankheiten ein. Experten befürchten nun, dass Ricardo Dias den Schutz der isolierten Völker zwecks deren Evangelisierung weiter lockern wird. Es wäre ein Geschenk für die rasant wachsenden evangelikalen Kirchen, die zu den treuesten Unterstützern von Präsident Bolsonaro gehören.

Extrem besorgt zeigte sich die UNO-Berichterstatterin für indigene Völker, Victoria Tauli-Corpuz. Sie sagte, dass die Ernennung von Dias «den Genozid bedeuten» könnte.

Präsident Jair Bolsonaro dürften solche Voten kaum interessieren. Er hat wichtige Posten in der Funai und den Umweltbehörden mit Personen besetzt, die wie er glauben, dass der Amazonaswald zur Ausbeutung freigegeben werden müsse.

Für Brasiliens Ureinwohner scheint er wenig übrig zu haben. Zuletzt hat er gesagt: «Die Indios gleichen immer mehr menschlichen Wesen, wie wir es sind.» Mehrfach hat er bekräftigt, unter ihm werde «kein Zentimeter mehr» für indigene Reservate ausgewiesen.

Umweltschützer hoffen auf Parlamentspräsidenten

Stattdessen hat Bolsonaro nun ein Gesetz vorgelegt, das es Minenkonzernen erlauben soll, in Indio-Reservaten nach Bodenschätzen zu graben. Die Förderung von Erdöl soll ebenso ermöglicht werden wie der Bau von Wasserkraftwerken.

Bislang zählen die Indio-Reservate, die rund zwölf Prozent der Fläche Brasiliens ausmachen, zu den bestgeschützten Orten des Landes. Wirtschaftliche Aktivitäten sind dort ohne Autorisierung der Indigenen nicht erlaubt. Deswegen gibt es in vielen Reservaten noch einen intakten Wald und eine Artenvielfalt, die woanders längst verloren gegangen ist. Experten betrachten sie daher als letztes Hindernis bei der Zerstörung der Amazonasregion.

Ob das Gesetz durch den Kongress kommt, ist noch fraglich. Umweltschützer und der Verband der Indigenen Völker Brasilien hoffen auf den moderaten Parlamentspräsidenten Rodrigo Maia. Er hat angedeutet, dass er das Gesetz nicht zur Abstimmung vorlegen werde.

Beschleunigte Entwaldung

So oder so wird die Bolsonaro-Regierung ihre Attacken auf die Amazonasregion fortsetzen. Vergangenes Jahr brannte dort eine Rekordzahl von Feuern, was sie erst ignorierte und dann leugnete. Die neuesten Daten zeigen, dass die Entwaldung sich zwischen August 2018 und Juli 2019 um 30 Prozent beschleunigte. Es wurde so viel Wald zerstört wie seit 2008 nicht mehr.

Ermutigt werden die Grossbauern, Viehzüchter und Landspekulanten, die hinter der Abholzung stecken, auch von der aggressiven Rhetorik Bolsonaros. Zuletzt sagte er, dass er Umweltschützer am liebsten einsperren lassen würde. Dann würden sie niemandem mehr auf die Nerven gehen.

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